Okt 2017 hastuUNI Online 0

Ente gut, alles gut?

Der 27. Stura tagt ein letztes Mal, bevor er vom im Mai neu gewählten Gremium abgelöst wird. Dabei geht es um wichtige Dinge wie das Semesterticket und um eher weniger relevante Themen wie Penisringe und Zoo-Tiere.

Foto: Paula Götze

Eigentlich stand einem harmonischen Ausklang des Abends nichts im Wege. Zwei Kästen Sternburg-Bier erfreuten sich bereits während manch zäher Debatte an diesem Montag reger Beliebtheit unter den Mitgliedern des Sturas, zugleich sollte dies die letzte Sitzung des Gremiums in seiner aktuellen Besetzung sein – ab Oktober tagt dann der im Mai neu gewählte Studierendenrat. Ganz so schiedlich-friedlich läuft es dann aber doch nicht: ausgerechnet bei der Diskussion um eine Ente liegen sich einzelne Mitglieder noch einmal in den Haaren. Weil das plötzliche Fliehen aus dem Saal bei politischen Debatten in letzter Zeit in Mode gekommen zu sein scheint, entschließt sich mit Jenny von den Grünen nun also auch im medial etwas vernachlässigten Stura jemand zu dieser Aktion. Zur Verteidigung der gewählten Mitglieder aber soll erwähnt sein, dass an diesem ziemlich langen Abend zuvor auch noch sinnvolle Themen auf der Tagesordnung standen.

Zu nennen ist hier beispielsweise die Problematik Semesterticket. Bekannt ist, dass alle Studenten der MLU den Löwenanteil ihres Semesterbeitrages an den Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV) zahlen – aktuell sind das 115 Euro, für die man die meisten Züge sowie den öffentlichen Nahverkehr innerhalb der Grenzen des MDV-Gebietes benutzen darf. Dies gilt aber lediglich unter der Voraussetzung, dass der Studierendenausweis vom Besitzer auch validiert wurde. Nun kann jedoch der Fall eintreten, dass sich einzelne Studenten erst sehr knapp vor Beginn des neuen Semesters immatrikuliert haben oder gar noch im NC-Auswahlverfahren stecken. In solchen Situationen ist es daher normal, dass sie ihren Ausweis erst etwas später erhalten. Obwohl man bezahlt hat, darf man also nicht mit der Straßenbahn durch Halle oder mit der S-Bahn nach Leipzig fahren, ohne für jede dieser Fahrten einen separaten Fahrschein zu kaufen. Schon lange ist man sich dieses Problems bewusst, eine Lösung gestaltet sich aus Sicht des Sturas aber als schwierig. Zu stur seien die Vertreter von Uni und HAVAG, die hierfür zuständig sind, und zu zerstritten mit dem MDV. Es kommt zu einer Abstimmung, ob man dagegen bei der HAVAG eine offizielle Beschwerde einlegen soll – die allerdings scheitert. Einigen können sich die gut zwanzig anwesenden Mitglieder aber darauf, dass man auf der hauseigenen Facebookseite einen auf das Problem hinweisenden Post erstellen wird.

Als nächstes geht es um die Freigabe von 2500 Euro für das Campusfest 2018. Im Juni dieses Jahres erstmals ausgetragen, blieb die Besucherzahl bescheiden – den Organisatoren zufolge kamen nur halb so viele Gäste wie erwartet. Zurückzuführen sei das auf zu wenig Eigenwerbung, glauben die Organisatoren, weshalb im kommenden Jahr mehr Geld in Promotion gesteckt werden soll. Mit 13 Ja-Stimmen wird der Antrag relativ deutlich angenommen, womit einer erneuten Austragung des Festes nicht mehr viel im Wege steht. Dennoch gab es Bedenken seitens einzelner Mitglieder, einem privaten Investor diese Menge an Geld zur Verfügung zu stellen.

Zu teuer, zu weit weg: Stura contra Jutta Ditfurth

Die meiste Zeit nehmen Finanzanträge verschiedenster Couleur ein. So soll es einen indonesischen Kulturabend geben, eine Art Vortragsreihe zum Thema »Legal Gender Studies«, eine weitere zum Thema »Psychologie und Gesellschaftskritik«, und einen Vortrag von Jutta Ditfurth über Antisemitismus in der Geschichte und heute. Während die erstgenannten Anträge und einige andere von der großen Mehrheit der Stura-Mitglieder begrüßt und damit genehmigt werden, sorgt insbesondere der letzte Punkt für Irritationen. So seien die geforderten 1000 Euro »Wucher«, wie ein Mitglied des Gremiums anmerkt. Die beiden Antragstellerinnen, im Laufe der Diskussion immer entnervter, erklären, dass ein Teil der Summe durch Einnahmen wie Eintrittsgelder eventuell zurückgezahlt werden kann. Die Zweifel von Teilen des Sturas richten sich aber eher gegen Veranstaltungsort und –zeit. So soll der Vortrag der umstrittenen ehemaligen Grünen-Politikerin am 13. Oktober in Wittenberg stattfinden und bis 22 Uhr dauern. Wittenberg ist nicht im MDV-Gebiet gelegen, die Anreise daher nicht kostenlos für interessierte Studenten aus Halle. Die Antragstellerinnen halten dagegen, dass die Veranstaltung nun mal inhaltlich besser dorthin passe, da Wittenberg ein Standort der Reformation sei und insbesondere die Person Luthers immer wieder des Antisemitismus bezichtigt wird. Überzeugend wirkt das nicht, eher wird der Kritik mit Pseudo-Argumenten begegnet (»Jutta muss damit die Kosten für einen Prozess gegen Jürgen Elsässer zahlen«). An diesem Beispiel zeigt sich, dass der Stura ideologisch keinesfalls so borniert ist, wie ihm manchmal vorgeworfen wird; weite Teile des Gremiums gehören eher linken Gruppen an und befürworten den Vortrag per se, sind jedoch aus pragmatisch-wirtschaftlichen Gründen dagegen. Diese Haltung schlägt sich auch im Ergebnis der Abstimmung nieder: Vier Stura-Mitglieder befürworten dieses Event, ihnen gegenüber stehen allerdings deutliche zwölf Nein-Stimmen bei drei Enthaltungen. Ob der Vortrag von Jutta Ditfurth ohne die finanzielle Unterstützung des Sturas stattfinden kann, ist fraglich.

Nachdem anschließend auf Vorschlag von der LISTE noch über Penisringe und Ruby Cups (weibliche Menstruationstassen) diskutiert wird – die nach aktuellem Stand nicht angeschafft werden – kommt es gegen Ende der Sitzung zum zunächst banal anmutenden Antrag, künftig als Stura die Patenschaft einer Ente im Zoo zu übernehmen.

Die Kosten dafür sind überschaubar, gerade einmal 25 Euro jährlich würden hier anfallen. Etwas nebulös bleibt die Frage, was genau man sich von dieser Aktion erhofft. Dem munteren Diskurs zufolge betreibt man einerseits Tierschutz, andererseits ist es aber auch als PR-Aktion zu verstehen und daher – Zitat – »durchaus ernsthaft«. Für etwas Verunsicherung sorgt der Einwurf, wie man als Stura reagieren solle, wenn Studenten auf der Facebookseite des Sturas Sturm laufen sollten oder – kein Witz – dem Tier im Zoo etwas antun sollten. Jenny von den Grünen bringt die ganze Diskussion etwas aus der Fassung, sodass sie die Sitzung vorzeitig verlässt – der Antrag aber wird angenommen, mit neun Ja-Stimmen, fünf Gegnern und einer Enthaltung. In einigen Wochen also wird der Stura voraussichtlich Pate einer Ente des Zoos sein.

Den gegen Ende verbliebenen Mitgliedern ist einerseits anzumerken, dass sie nach Hause wollen – was man ihnen angesichts der fortgeschrittenen Stunde nicht verübeln kann. Andererseits wirken manche von ihnen fast schon ein bisschen verlegen, dass das Kapitel Stura für sie nun zu Ende geht. Ein bisschen Harmonik hielt dieser Abend also doch bereit.

Foto: Paula Götze

  • Wir berichten regelmäßig über die Sitzungen des Studierendenrates. Weitere Berichte findet Ihr hier.

Über Alexander Kullick

, , ,

Erstellt: 01.10. 2017 | Bearbeitet: 05.10. 2017 23:39