Jul 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 73 0

Doppelte Vergangenheit

Wie schaffte es eine Malerin, sich das SED-Regime zum Feind zu machen? Wer war der Ansicht, dass die Russen die DDR eines Tages verkaufen würden? Und was haben der Kommunismus und das Christentum gemeinsam? Antworten hierauf lieferte Doris Liebermann bei ihrer Lesung am 13. Mai in der Stadtbibliothek.

Foto: Sophie Ritter

Etwas ernüchternd ist es doch, wie wenig Menschen gekommen sind – nur etwa 15 Personen haben den Weg in die Stadtbibliothek gefunden. Dabei ist Doris Liebermann, die zu einer Lesung ihres aktuellen Buches erschienen ist, kein unbeschriebenes Blatt: Die Autorin und Journalistin wurde 1976 im Zuge einer Unterschriftensammlung gegen die Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann vorübergehend festgenommen und von der Friedrich-Schiller-Universität Jena exmatrikuliert, ein Jahr später folgte die Ausbürgerung nach Westberlin. Angesichts solcher Erfahrungen ist es nicht verwunderlich, dass das Thema Opposition unter dem SED-Regime ihr bis heute eine Herzensangelegenheit ist, so auch als Thema ihres neuen Buches mit dem Titel »Gespräche mit Oppositionellen«.

Durch ihre Arbeit als Autorin für Funk, Fernsehen und Printmedien konnte Liebermann zahlreiche Interviews mit bekannten Persönlichkeiten führen; diese Gespräche waren aber häufig zu lang, um vollständig im Radio gesendet zu werden. Auf Kassetten gespeichert, lagerten viele ihrer Interviews lange Zeit ungehört und eingestaubt im Robert-Havemann-Archiv in Berlin, bis der gebürtigen Thüringerin die Idee zu diesem Buch kam.

Nach einer kurzen Einleitung und Vorstellung der Autorin durch Rebecca Plassa von der Heinrich-Böll-Stiftung liest Liebermann Auszüge aus ihrem Buch vor. In diesem hat sie die Langfassungen von Interviews mit bedeutenden Oppositionellen aus der DDR wie Jürgen und Lilo Fuchs, Bärbel Bohley, Wolfgang Ullmann, Rainer Eppelmann und Jens Reich gesammelt. An diesem Abend legt sie den Fokus auf Bärbel Bohley – wohl kaum ein ehemaliger DDR-Bürger, der diesen Namen nicht kennt. Den nach der Wende Geborenen geht dies vermutlich anders.

Von der Malerei zur Opposition

Die Malerin Bärbel Bohley erlangte Anfang der 80er Jahre in der DDR Bekanntheit als Bürgerrechtlerin, ausgehend von ihrer Initiative »Frauen für den Frieden« und später mit ihrem Engagement für die Bürgerrechtsorganisation »Neues Forum«. 2009 machte Liebermann erstmals Bekanntschaft mit Bohley, die zuvor 12 Jahre im ehemaligen Jugoslawien gelebt und gewirkt hatte, um beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Region zu helfen. Grund für die Entscheidung der »Vorzeige-Oppositionellen«, dem vereinten Deutschland 1996 den Rücken zu kehren, war das Gefühl, nichts bewegen zu können. Die einzige Möglichkeit hierzulande wäre es aus ihrer Sicht gewesen, einer Partei beizutreten, dies lehnte sie aber ab mit der Begründung, dass sie keine einzige Partei kenne, die mündige Bürger hervorbringe. Allerdings war nicht nur das Gefühl, bloß noch als Vorbild zu fungieren, ausschlaggebend für ihren Entschluss. Am 24. Mai 1945 geboren, hatte sie den Zweiten Weltkrieg eigener Aussage zufolge »noch mit ihren Windeln aufgesogen«. Fotos ihrer Kindheit zeigen sie und ihren drei Jahre jüngeren Bruder in der Berliner Trümmerlandschaft. Das kriegsversehrte Jugoslawien der 90er Jahre erinnerte sie vermutlich an eben diese Zeit und weckte in ihr den Impuls, mit anzupacken beim Wiederaufbau. Letzten Endes war Bohley aber auch enttäuscht über die Zurückhaltung und das Schweigen der internationalen Gemeinschaft sowie deutscher Intellektueller in Bezug auf den Krieg, der sich etwa 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs mitten in Europa abspielte.

Nachdem sie 2008 wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, um ihre Krebserkrankung behandeln zu lassen, nahm sie sich die Zeit, Liebermann von ihren Erfahrungen als Oppositionelle im SED-Regime zu erzählen. Dabei ging es Bohley wahrscheinlich ähnlich wie Liebermann selbst, die sich nie als Oppositionelle fühlte, sondern vom SED-Regime »dazu gemacht wurde«. Faszinierend ist für die Autorin und Journalistin, dass letzten Endes sowohl Regimekritiker als auch Befürworter die gleiche Sozialisation in der DDR durchlaufen haben – vom Jungpionier bis zur FDJ – und dennoch nur einige wenige aufbegehrten, wie zum Beispiel der Schriftsteller Jürgen Fuchs, der »es nicht aushalten konnten, Lügen zu schreiben«. Der Regimekritiker Robert Havemann war sogar der drastischen Ansicht, dass die Sowjetunion die DDR eines Tages eh verkaufen würde.

Oftmals dienten kirchliche Institutionen, wie zum Beispiel die Junge Gemeinde, als Sammelbecken für Systemkritiker, so auch für Liebermann. Bohleys Anliegen hingegen war es, eine Opposition außerhalb der Kirche zu organisieren, obwohl – oder gerade weil? – zu dieser Zeit »nur der Kommunismus und das Christentum das Paradies versprachen«. Was 1982 mit der unabhängigen Inititativgruppe »Frauen für den Frieden« begann, führte sechs Jahre später zur Verhaftung durch die Stasi und zum zwangsweisen Exil im Vereinigten Königreich. Dieses halbe Jahr außerhalb ihrer Heimat erlebte Bohley  als starken Einschnitt. Obwohl es in Großbritannien viel mehr und besser hergestellte Konsumgüter gab als in der DDR, schien Bohley »alles für die Müllkippe gemacht«; das ungewohnte Bild von Bettlern am Straßenrand entsetzte sie. In ihr wuchs die Erkenntnis, dass sie im Gefängnis zwar »äußerlich gefesselt« war, im westlichen Exil jedoch innerlich. Die Konsequenz dieser Überlegungen – und Überzeugungen – stellte der Entschluss dar, wieder in die Heimat zurückzukehren, was ihr entgegen einiger Widerstände auch gelang. Während viele andere Oppositionelle meist erst nach der friedlichen Revolution 1989 in ihre alte Heimat zurückkehren konnten, war Bohley somit nicht nur dabei, als die DDR sich allmählich auflöste, sondern an diesem Prozess sogar maßgeblich beteiligt; nämlich als Initiatorin der Bürgerrechtsbewegung »Neues Forum«. Hierbei stand der Wunsch nach einem »demokratischen Dialog« zwischen Staat und Gesellschaft an erster Stelle. Was mit Bohley als Erstunterzeichnerin begann, hatte schon bald über 250 000 Unterstützer. Liebermann erzählt von Sanitätern, die während ihrer Schicht kurz in Berlin-Grünheide Halt machten, um ihre Unterschrift beizusteuern, bevor es weiter Richtung Charité ging.

Foto: Sophie Ritter

»Kollektive Schuldabwehr« statt Aufarbeitung?

In der anschließenden Gesprächsrunde zeigte sich, dass auch 27 Jahre nach der Wende die Debatte über Recht und Unrecht in der DDR immer noch nicht komplett aufgearbeitet ist, dafür jedoch nach Meinung einiger Zuhörer auch bei vielen Menschen das Interesse fehlt – ob nun im privaten oder institutionellen Rahmen. Insbesondere Liebermann sieht Film und Fernsehen in der Pflicht, authentische Spielfilme über das SED-Regime zu drehen, um möglichst breite Massen ansprechen zu können, wie es bei der Aufarbeitung der Verbrechen von Hitler-Deutschland geschieht. Ein gutes Beispiel für eine gelungene Aufarbeitung mithilfe der Medien stellt für sie der 2006 erschienene Spielfilm »Das Leben der Anderen« mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle dar, der sogar den Oscar als bester fremdsprachiger Film abräumte.

Interessanterweise sieht Liebermann, die selbst von 2004 bis 2007 Vorstandsmitglied der »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« war, den Prozess der Vergangenheitsbewältigung auch aus einem geographischen Blickwinkel – in Berlin habe sie »das Gefühl, dass da viel gemacht wird«. Komme sie hingegen in andere deutsche Städte, fände sie andere Umstände vor; so gibt es mit Sicherheit in Berlin, der einst geteilten Stadt, wesentlich mehr Veranstaltungen und Interesse. Anscheinend ist die Wiedervereinigung ein sich nach wie vor vollziehender Prozess und kein abgeschlossenes Ereignis.

Dies hängt womöglich auch stark mit den ehemaligen DDR-Bürgern selbst zusammen, wie ein Zuhörer vermutet: so überkommt viele das Gefühl, »ihre individuelle Lebensleistung werde ausgeräumt«, sobald das Thema DDR auf den Tisch kommt und dabei kritisch betrachtet wird. Schließlich haben viele Menschen ein gutes Leben führen können, solange sie die Einschränkungen nicht als störend empfunden haben. Demgegenüber steht dann das erlittene Unrecht von Fällen wie Liebermann oder Bohley. Vermutlich ist dies der Grund für die »kollektive Schuldabwehr«, wie sie dem älteren Herrn, selbst ehemaliger DDR-Bürger, zufolge häufig stattfindet.

In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle von Lehrkräften kritisch beleuchtet, die Schwierigkeiten haben, eben diesen Widerspruch zu vermitteln. Einer Studie des EmnidInstituts zufolge beurteilten im Mai 2010 noch mehr als die Hälfte der Ostdeutschen die DDR überwiegend positiv. Die Versuchung liegt nahe, retrospektiv nur die guten Dinge am Leben in der DDR zu betrachten, statt sich differenziert mit der Thematik auseinanderzusetzen – denn neben Arbeit für alle und Mettigeln gab es ja auch noch ein Regime, welches ohne Skrupel gegen seine Kritiker vorging. Aber wird eben jener Drahtseilakt, weder ausschließlich das Schlechte noch das Gute zu sehen, bei der Vermittlung an nachfolgende Generationen, welche nach der Wende aufgewachsen sind, gemeistert? Es ist offensichtlich, dass die deutsch-deutsche Geschichte ein sensibles Thema ist, das schnell polarisiert. Und auch bei
der Gesprächsrunde steht die Unzufriedenheit über den Verlauf mit der Aufarbeitung und dem Umgang mit jüngerer deutscher Geschichte im Vordergrund.

Wie Liebermann zum Schluss noch anmerkt, findet sie es schade, dass Bärbel Bohley als Malerin keine Würdigung mehr erfährt, sondern ihr Lebenswerk nur noch über ihre Tätigkeit als Oppositionelle definiert werde. Bohley ist da sicherlich kein Einzelfall – andere historische Persönlichkeiten ihrer Zeit, wie beispielsweise der Schriftsteller Jürgen Fuchs, werden in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso überwiegend für ihr gesellschaftliches Engagement als ihre Werke geehrt.

Wir jungen Menschen sind gefragt

Bleibt uns also nur Verbitterung als Fazit der Wiedervereinigung? Damit es eben nicht dabei bleibt, sind womöglich gerade wir jungen Menschen, nach der Wende geboren und gesamtdeutsch sozialisiert, gefragt. Denn als Zuhörer beschleicht einen an diesem Abend das Gefühl, dass die Zeit allmählich davonrennt – wie lange werden wir diejenigen, die dabei waren, noch fragen können? Einige Zeitzeugen, wie beispielsweise Bohley, sind bereits tot. Geblieben sind Gespräche, Videoaufzeichnungen, Literatur. Konsens der Diskussion ist somit der Wunsch, dass die nachfolgende Generation sich in der Pflicht sieht, zu fragen, zu dokumentieren und aufzuarbeiten, möglichst solange noch Ansprechpartner vorhanden sind.

Angebote gibt es schließlich zuhauf – sei es nun die Gedenkstätte »Roter Ochse« in Halle, die am Zustandekommen dieser Lesung beteiligt war, oder das »Zeitgeschichtliche Forum« in Leipzig, um nur einige Möglichkeiten in der Region zu nennen.

Die simpelste Variante ist und bleibt aber immer noch: die eigenen Eltern und Großeltern fragen, wie das damals so war. Solange es noch geht.

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 18.07. 2017 | Bearbeitet: 05.08. 2017 17:39