Apr 2017 hastuUNI Heft Nr. 71 0

Die Mauern Mexikos

Jeder hat etwas über Trumps Vorhaben, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen zu lassen, gehört – und natürlich sollen die Mexikaner dafür bezahlen. Doch wie sieht es mit den Mauern innerhalb Mexikos aus? Einige Beobachtungen aus dem Land der Gegensätze.

Foto: Anne Jüngling

Foto: Anne Jüngling

Der Uber-Fahrer beginnt langsam unruhig auf seinem Sitz herumzurutschen, während die Sicherheitsangestellten am Eingangstor mehr als einmal unsere Ausweise kontrollieren. Die Security-Mannschaft der Universidad de las Américas Puebla (UDLAP) in Mexiko scheint das hingegen eher weniger zu beeindrucken. Seelenruhig telefonieren sie weiterhin der Person hinterher, die unseren Termin auf dem riesigen Gelände bestätigen kann – ohne ist es ausgeschlossen, den Campus zu betreten. Der mit Stacheldraht gespickte Zaun ist der beste Beweis dafür, dass unangemeldete Gäste so gut wie keine Chance auf Einlass haben.

Mit deutschen Führerscheinen scheinen die Wachen dabei nicht besonders gut zurechtzukommen. Als sie meinen Namen einer Person am Telefon mitteilen wollen, werden Nachname und Geburtsstadt verwechselt und ich kurzerhand in »Anne Chemnitz« umbenannt – in spanischer Aussprache ziemlich ulkig.

Die private Universität UDLAP, gelegen in Cholula in der Nähe Pueblas, der viertgrößten Stadt Mexikos, zeichnet sich laut Ansässigen durch einen exzellenten nationalen wie auch internationalen Ruf aus. Der Campus umfasst einen Komplex von 80 Hektar, der sowohl die Universitätsgebäude als auch Sportanlagen, Wohnheime und Grünanlagen beinhaltet. Zurzeit studieren der Homepage der Universität zufolge etwas mehr als 8000 Menschen hier, davon ungefähr 300 internationale Studierende. Der Leiter des International Office, Guillermo Figueroa, benennt dabei deutsche Studierende als zweitgrößte Gruppe, direkt nach Austauschstudierenden aus Frankreich. Das ist vor allem auch darauf zurückzuführen, dass in Puebla sowohl Volkswagen als auch Audi Produktionsstandorte betreiben, wo viele Deutsche beschäftigt sind. Dadurch ist im Allgemeinen die deutsche Gemeinschaft in Puebla sehr ausgeprägt. Auf dem Campus selbst ist es keine Seltenheit, vorbeigehende Menschen auf Deutsch reden zu hören.

Stacheldrahtumzäunte Elfenbeintürme

Universitäten in Mexiko lassen sich in privat und öffentlich unterteilen, wobei erstere meist mit intensiven Kosten verbunden sind. Ohne Stipendium können sich nur wenige den Zugang zu einer der besser ausgestatteten und weniger überfüllten Universitäten leisten.

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Foto: Anne Jüngling

Mariana Sahian, Studentin an einer öffentlichen Uni in Puebla, die selbst ein Stipendium für die UDLAP erhielt, dieses jedoch aus privaten Gründen nicht antrat, betont vor allem die unterschiedlichen Mentalitäten an den Universitäten. Die Lehrkräfte hätten eine ganz andere Einstellung, welche sie auch an ihre Studierenden weitergeben würden. »An den öffentlichen Universitäten wird uns gesagt, dass wir froh sein sollen, wenn wir einen Job bekommen – egal wie schlecht er bezahlt wird. Sie ermutigen uns nicht, nach mehr zu streben.« Das träfe natürlich nicht auf alle zu, jedoch auf einen großen Teil. Die Ausnahmen hingegen unterrichten oft auch noch an privaten Instituten. Dort würde das Gefühl vermittelt, dass die Studierenden mehr erreichen können, wenn sie nur hart arbeiten und ehrgeizig sind. »Mit dieser Einstellung hat man einen völlig anderen Start ins Arbeitsleben«, meint Sahian. Außerdem sei der Raum zur freien Entfaltung auch auf dem Campus zu spüren, die Atmosphäre wäre viel offener und teilweise inspirierend, meint sie.

Foto: Anne Jüngling

Foto: Anne Jüngling

Diese besondere Denkweise ist auf dem ganzen Gelände zu spüren. Studierende sitzen zum Lernen im Gras oder treffen sich im Student Center, um ein Projekt zu besprechen – fast schon wie in einer Universitäts-Broschüre. Die meisten wirken gelöst und ungezwungen, als ob der Campus für sie ein sicherer Zufluchtsort wäre. Offene Flächen und Bänke auf dem gesamten Komplex laden zum Entspannen und Verweilen ein.

Jedoch gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: die enormen Kosten. Ein Semester bestehend aus sechs belegten Kursen kostet rund 4500 Euro – Verwaltungs- und Wohnkosten nicht inklusive. In einem Staat wie Mexiko, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen unter 10 000 Euro liegt, ist diese Art von Bildung demnach nur Kindern aus besserverdienenden Familien vorbehalten oder mithilfe eines Stipendiums möglich.

Die Mehrzahl der Studierenden Mexikos besucht daher eine öffentliche Universität, wie beispielsweise die BUAP, welche ebenso in Puebla angesiedelt ist. Dort ist die Anzahl der Studierenden allerdings deutlich höher – um die 65 000.

Zudem gibt es an öffentlichen Universitäten oft weniger Möglichkeiten der Förderung. So ist in der Großstadt Puebla die UDLAP die einzige Universität, die eine Art Universitätszeitung betreibt. Und das in der Stadt Mexikos mit den meisten Unis, mehr als 30 an der Zahl.

Gesellschaftsgrenzen aus Beton

Armut lässt sich oft und überall im Alltagsleben spüren. Seien es Straßenverkäufer, die während der Rotphase einer Ampel fast schon todesmutig zwischen den Autos hin- und herlaufen, um ihre Ware für wenige Cents anzubieten oder Invaliden, die vom sozialen Sicherungssystem im Stich gelassen wurden und deshalb auf Almosen angewiesen sind.

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Foto: Anne Jüngling

In einem Dorf in den Bergen, in dem gerade einmal 150 Menschen leben, welche von Anbau, Verarbeitung und Verkauf von Kaffee leben, wird man mit allergrößter Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen. Die Menschen dort besitzen nicht viel, hausen teilweise in gefährlich aussehenden Konstruktionen, aber sie teilen trotzdem all ihre Besitztümer mit Gästen. Abends, während Fleisch und Zwiebeln draußen über dem Feuer zubereitet werden, sind Nachbarn jederzeit willkommen, denn hier gibt es keinen Futterneid. Die Menschen wirken zufrieden mit ihrem Leben, obwohl das nächste Kino drei Stunden entfernt ist.

Ein Banker, der sechs Tage die Woche in der Großstadt arbeitet, kommt so oft wie möglich in dieses Dorf namens Jesús Maria, um seine Tante zu besuchen, die allein lebt und die Kaffeepflanzen hinter ihrem Haus pflegt. Er sagt, hier fühle er sich wohl, während er Orchideen-Setzlinge aus den Bäumen pflückt. »Natur pur«, fügt er hinzu.

Wer in einer größeren Stadt lebt und es sich leisten kann, wohnt in einer der Gated Communities, genannt »fraccionamientos«. Diese Wohnsiedlungen sind nicht nur von hohen Mauern und Eisentoren umschlossen; im Service sind auch Pförtner enthalten, die rund um die Uhr eintreffende Personen kontrollieren. Taxifahrer beispielsweise müssen ihre Ausweise am Eingang hinterlassen und erhalten sie erst beim Verlassen zurück. In großen Siedlungen sind oft Schulen, kleine Läden und Spielplätze eingebunden. »Fraccios« sind allerdings nicht nur der oberen Bevölkerungsschicht vorbehalten, vielmehr bieten sie Sicherheit für die breite Masse.

Und wie reagieren MexikanerInnen, wenn man sie auf das Mauerprojekt Trumps anspricht? Sie lachen, wenn auch leicht verärgert. In ihren Augen ist der aktuelle amerikanische Präsident nicht sehr viel mehr als eine Witzfigur. Einer meint sogar im Scherz (vermutlich): »Vielleicht erschießt ihn ja einer.«

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Foto: Anne Jüngling

 

Über Anne Jüngling

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Erstellt: 14.04. 2017 | Bearbeitet: 14.04. 2017 21:11