Mai 2017 hastuUNI Online 0

Der Löwe und das Sofa

Auch dieses Jahr stellten die hochschulpolitischen Vertreter sich und ihr Programm im Zuge der anstehenden Hochschulwahlen (10. Mai) bei der „Löwenrunde“ vor. Ein Kommentar zum Spektakel rund um Plüschtier-Tukane und Mauern aus Rednerpulten zum Nachlesen.

Foto: Paula Götze

Foto: Paula Götze

Die alljährlichen Hochschulwahlen stehen vor der Tür und somit veranstaltete der Stura auch wieder eine »Löwenrunde«, bei der Vertreter der Hochschulgruppen die Gelegenheit bekamen, sich vorzustellen. Beim Betreten des Hörsaals, in dem die Veranstaltung stattfand, kam der Eindruck auf, die »Löwenrunde« würde unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden – nur jeder vierte Platz im Hörsaal XIV des Löwengebäudes war besetzt, eingeschlossen die aktiven Teilnehmer der Veranstaltung. Auf Anfrage bestätigte Friederike Schröer (Moderatorin der Veranstaltung und Referentin für Äußere Hochschulpolitik im Stura), dass von den rund 100 Anwesenden 50 bis 70% selbst aus dem hochschulpolitischen Bereich stammten. Angesichts der Tatsache, dass Hochschulpolitik letzten Endes nicht nur die betrifft, die sie mitgestalten, eine ernüchternde Aussage.

Als Einstieg erläuterten die Moderatoren Martin Lohmann und Friederike Schröer dem Publikum noch einmal die Funktionsweise des hochschulpolitischen Systems. Hilfe erhielten sie dabei von Anja Kendziora (Fachschaftsrat, PhilFak I), Axel Knapp (StuRa), Wilhelm Dargel (Fakultätsrat, NatFak III) und Lukas Wanke (Senat), welche Rede und Antwort standen – mal mehr, mal weniger motiviert. So ging es also im Schweinsgalopp durch studentische und universitäre Gremien. Während die Vertreter der studentischen Gremien vor allem ihre Beteiligung am sogenannten »Protest für die Japanologie« betonten, schlugen die Abgesandten vom Fakultätsrat und Senat leicht verbitterte Töne an, so wird die studentische Mitbestimmung ihnen zufolge doch quasi »ausgehebelt«. Bevor sich jedoch allzu viel Unmut ausbreiten konnte und der Stura sich genötigt sah, über eine Großbestellung veganer Taschentücher abzustimmen, besann man sich darauf, dass es ja dennoch wichtig sei, Vertreter der Studentenschaft in den universitären Gremien vor Ort zu haben. Man darf sich eben nur, um Lukas Wanke zu zitieren, »keine Illusionen machen.« Nun, wer Illusionen hat, sollte laut Helmut Schmidt ja sowieso zum Arzt gehen. Oder so ähnlich.

Schließlich folgte das wichtigste Anliegen dieser Veranstaltung – weg von der pittoresk drapierten Couchecke und hin zum Rednerpult: Die politischen Hochschulgruppen durften sich innerhalb von fünf Minuten selbst kurz vorstellen. Dabei erwiesen sich jeweils zwei Dinge als stellenweise problematisch; die fünf Minuten und das Vorstellen.

Die Vertreter von "Die LISTE" Foto: Paula Götze

Die Vertreter von Die LISTE
Foto: Paula Götze

So versammelten sich als erstes die Vertreter von »Die LISTE« vorne am Rednerpult im grau-roten Partnerlook mit den eigens mitgebrachten Fahnen. Der Plüschtier-Tukan hatte leider keinen Partnerlook verpasst bekommen, um Stil ging es aber in diesen zwei Minuten und 30 Sekunden auch nicht, weder modisch noch inhaltlich. Als Gag funktionierte der Auftritt dennoch und wer für »Liebe, Alkohol und die Hoffnung, Leistungspunkte angerechnet zu bekommen« wählen will, der sollte sich schon mal einen grau-roten Kuli und Tukansticker besorgen. Den »Damen und Herrinnen« der »Martin-Luther-King-Universität« gefiel die Vorstellung von einer »stählernen Zukunft« mit atombetriebenen Wasserwerfern ohne Geisteswissenschaften jedenfalls, wie die gehäuften Lacher, das Gejohle und Geklatsche im Publikum erahnen ließen. Nachdem die Hälfte der fünf Minuten um war, verabschiedeten sich der Redner Holm Weidemann und seine Mitstreiter um im Flur Pfeffi zu trinken.

Hermann Weber Foto: Anne Jüngling

Hermann Weber von der Grünen Hochschulgruppe
Foto: Anne Jüngling

Nach diesem fulminanten Auftritt hatte Hermann Weber, der Vertreter der Grünen Hochschulgruppe (GHG), einen schweren Stand. Dabei hatten auch die Grünen ihre Gagschreiber bemüht und ihre Ziele in launige Ansagen wie »Schatz, ich will die Trennung« verpackt. Die Jusos horchten ängstlich auf, tatsächlich ging es aber nur um Müll und Recycling. Weitere Themen waren mehr Fahrradständer (»Schon wieder kein Ständer«), besseres und gesünderes Mensaessen (»Für Liebe, die durch jeden Magen geht«) sowie der Kampf gegen die Meldung von Symptomen im Falle von Krankheit (»Meine Filzläuse gehören mir«). Besonders die Ansage »Wieder nur gestreamt? Deine Prokrastination geht die Uni nichts an!« verschreibt sich einem sensiblen Thema. Es geht nämlich um das Thema Datenschutz, erläutert am Beispiel des Studentenausweises, der sich beim Bezahlen in der Mensa merkt, ob man das vegetarische Menü oder die panierten Wurstschnitzel gewählt hat. So viel also zu den konkreten Programmpunkten, zu denen natürlich auch Begriffe wie Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit sowie Familienfreundlichkeit gehörten – und natürlich ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Jenis Henke Foto: Anne Jüngling

Janis Henke von den Jusos
Foto: Anne Jüngling

Es folgte Janis Henke, der Vertreter der Juso-Hochschulgruppe Halle, der zugab, einer SPD-nahen Vereinigung anzugehören. Zum sozialen und politischen Engagement beziehungsweise dem solidarischen Miteinander der Halleschen Jungsozialisten gehören vor allem Spiel und Spaß, wie Janis erläuterte. Die Umsetzung dessen zeigt sich zweimal wöchentlich 18 Uhr im Enchilada oder in der Blanco Bar, wo man als JuSo übrigens Kurze billiger bekommt. Inhaltlich wurden die Themen leider nur sehr oberflächlich ausgeführt, aber diese Aufgabe hatte die GHG ja schon zum Großteil erledigt und wozu sonst gibt es Flyer? Womöglich fehlten aber auch einfach nur die Schwerpunkte abseits des Slogans »Hochschule für alle«. Was nun ganz markant und einzigartig »Sozialistisch. Praktisch. Rot« anmuten soll, war einem hinterher eher unklar. Zumindest erfuhr der geneigte Zuhörer noch, dass die Jusos auch Fahrten zum Land- und Bundestag organisieren sowie Kontakte zu SPD-Politikern haben.

Kai Krause und ... von der Liberalen Hochschulgruppe Foto: Anne Jüngling

Kai Krause und Emanuel Stuve von der Liberalen Hochschulgruppe
Foto: Anne Jüngling

Nun kamen die Vertreter der Liberalen Hochschulgruppe as known as LHG und quasi die FDP der Hochschulpolitik. Deren Vorstellung kam allerdings vergleichsweise gewitzt daher; der Ton vom Video, das Kai Krause (einer von zwei Sitzungsleitern des Stura) vorbereitet hatte, ging nicht. Gleich mal ein Anlass, um mehr und bessere Digitalisierung zu fordern. Weitere Programmpunkte waren die Abschaffung der Anwesenheitspflicht, eine freie und zeitgemäße Studiengestaltung, klare Regeln beim Urheberrecht angesichts der Scheindebatte um StudIP sowie WLAN, welches unsere Daten verschlüsselt. Kai stellte im Anschluss die alles entscheidende Frage in den Raum, deren Antwort er gleich mitlieferte: »Schaffen wir das? Nein!« Hierfür gab es tosenden Beifall. Dieser ebbte allerdings ganz schnell ab, als Kai hinterher schob: »Dafür brauchen wir euch!« Die plötzlich einkehrende, peinlich berührt anmaßende Stille wurde genutzt, um auf weitere Themenschwerpunkte hinzuweisen wie Bafög für alle und die Abschaffung der Zweitstudiengebühr. Als die LHG mit schonungsloser Offenheit zugab, dass sie wohl nicht in der Lage sei, eine Revolution loszutreten, folgte prompt der Publikumseinwurf »Konterrevolutionär!« und löste die Stimmung im Saal gleich wieder. Um die fünf Minuten optimal zu nutzen, wiesen die Vertreter der LHG zum Schluss nochmal darauf hin, dass sie jegliche Form von Gewalt, auch (oder sogar) verbaler, ablehnen würden. »Nur mit uns könnt ihr reden«, beschwor Kai das Publikum.

Caroline Banasiewicz von der Offenen Linken Liste Foto: Paula Götze

Caroline Banasiewicz von der Offenen Linken Liste
Foto: Paula Götze

Als Vertreterin für die OLLi, ausgeschrieben Offene Linke Liste (übrigens die einzige Liste, die man an jeder Fakultät wählen kann) erschien Caroline Banasiewicz, die momentan Sozialsprecherin im Stura ist. Um »keine Mauern« zwischen sich und dem Publikum zu errichten stellte sie sich erst gar nicht hinter das Rednerpult, sondern vor die rote Couchgarnitur des Sturas. Die Themen waren klassisch links gewählt; so ging es um eine inklusive Hochschulpolitik, weniger Kürzungen an Mitteln, mehr demokratische Mitbestimmung und den verstärkten Kampf gegen rechts. Des Weiteren sollen NCs abgeschafft werden, ebenso Studiengebühren und Diskriminierung. Da die OLLi ihre Vorstellung einer linken, emanzipatorischen Hochschulpolitik recht schnell auf den Punkt brachte, blieb noch Zeit zur Selbstbeweihräucherung – Erfolge wurden genannt, wie die Positionierung gegen das Lutherjahr oder das Mitwirken an der Entscheidung des Sturas, Mitglied des Bündnisses »Halle gegen Rechts« zu werden.

Marie Gumprich vom Ring Christlich Demokratischer Studenten Foto: Paula Götze

Marie Gumprich vom Ring Christlich Demokratischer Studenten
Foto: Paula Götze

Schließlich kam der RCDS an die Reihe. Der Ring Christlich Demokratischer Studenten konzentrierte sich vor allem auf universitäre Themen statt auf große Politik, dennoch schaffte es Marie Gumprich mit ihrer Forderung nach Kameraüberwachung an den Fahrradständern und Extra-Ausweisen zur Bibliotheksnutzung spätabends im weiteren Verlauf der Veranstaltung gleich mal eine Debatte über Überwachung und Datenschutz auf allgemeinpolitischer Ebene anzustoßen. So viel also zu dem Schwerpunkt auf universitären Themen, welcher sich in der Forderung nach Kaffeeautomaten in allen Bibliotheken und einem Verzicht auf die Offenlegung von Symptomen in Attesten manifestiert. Weiterhin wurde der Wunsch nach einem effizienten und sparsamen Umgang mit studentischen Geldern geäußert.

Es folgte die Podiumsdiskussion, bei der sowohl das Moderatorenteam als auch das Publikum Fragen stellen konnten. Diese Chance nutzten einige Zuhörer, um gezielt ihrer eigenen Partei die Möglichkeit zu verschaffen, sich selbst darzustellen wie beispielsweise im Falle von der »Die LISTE« geschehen. Besonders viel Kritik richtete sich an den RCDS und die LHG. Im Folgenden sind die wichtigsten Diskussionspunkte aufgeführt, welche Programminhalte der verschiedenen politischen Hochschulgruppen widerspiegeln.

Als allererstes wurden die Vertreter bezüglich ihres Standpunktes zum Kulturticket in die Kneifzange genommen. Wie zu erwarten, forderte Malte Hirschbach (»Die LISTE«), derzeit einer der zwei Sitzungsleiter des Stura, ein Kneipenticket und Freibier. Die Positionen der anderen Vertreter lauteten im Wesentlichen, dass die Studierenden darüber abstimmen sollen, wenngleich die einzelnen Gruppierungen ihre jeweiligen Vorbehalte gegen das Kulturticket hegen – Kai (LHG) fürchtete beispielsweise, dass der Beitrag nicht zumutbar sein könnte und nur die Oper als Kulturstätte Vergünstigungen anbietet, wohingegen Jan Hoffmann (OLLi) sich für ein Kulturticket aussprach und darauf hinwies, dass auch in anderen Städten das Kulturticket sehr erfolgreich laufen würde.

Im Folgenden ging es darum, wie die räumliche Infrastruktur verbessert werden könne, damit kaputte Stühle und Tische nicht mehr (teilweise) wochenlang nicht repariert werden. Kai (LHG) sah den Grund dafür in einem allgemeinen Kommunikationsproblem und Lasse Joost (GHG) schlug gleich die Schaffung einer Stelle für solche Angelegenheiten vor, während Jan (OLLi) das Übel bei den generellen Sparmaßnahmen sah und die Studierenden aufforderte, sich präventiv gegen Kürzungen einzusetzen, um im Audimax nicht mit dem Stuhl zusammen zu krachen.

Sehr emotional diskutiert wurde die Frage, ob die MLU eine Zivilklausel einführen sollte – sprich, sich die Hochschule verpflichten sollte, ausschließlich für zivile Zwecke zu forschen. Janis (JuSo) und Lasse (GHG) sprachen sich klar dafür aus, wohingegen Kai (LHG) und Marie (RCDS) der Auffassung waren, dass dadurch Forschung blockiert werden würde und die Geschichte schon oft genug Gegenstände hervorgebracht hätte, die zwar für militärische Zwecke erforscht wurden, doch nun aus dem zivilen Alltag nicht mehr weg zu denken seien. Jan (OLLi) positionierte sich klar gegen die Argumentation von Kai (LHG) und Marie (RCDS) und betonte, dass der Wissenschaft die Freiheit gegeben sein sollte, »direkt an Handys statt an Waffen forschen zu dürfen«.

Foto: Paula Götze

Von links nach rechts: Jan Hoffmann (OLLi), Malte Hirschbach (Die LISTE), Marie Gumprich (RCDS), Martin Lohmann (Moderator), Friederike Schröer (Moderatorin), Kai Krause (LHG), Lasse Joost (GHG), Janis Henke (Jusos) Foto: Paula Götze

Wie schon oben erwähnt, war ein weiteres großes Streitthema die Frage nach der Überwachung durch Kameras und die Idee, Bibliotheken ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr allen Menschen zugänglich zu machen. Die Vertreterin des RCDS argumentierte, dass am Francke-Campus bereits Videokameras installiert seien und Diebstahl ein großes Problem an der Uni darstelle, durch Überwachung aber diesem Missstand Einhalt geboten werden könne. Auf die Frage, wie sich die Anschaffung teurer Kameras mit der sparsamen Einsetzung studentischer Gelder verträgt, reichte es nur für die Aussage, dass die Allgemeinheit davon profitieren würde, wenn weniger Fahrräder geklaut werden und es somit eine sinnvolle Investition wäre. Kai (LHG) hielt während dieser Diskussion nicht zu Marie (RCDS), sondern sprach sich gegen Kameras auf dem Campus aus, ebenso wie Lasse (GHG), Jan (OLLi) und Janis (JuSo). Malte (»Die LISTE«) schloss sich dem mit der Begründung an, dass Diebe doch in einer prekären Lebenssituation seien und ihre Einnahmequellen verlieren würden, wenn die Fahrradständer überwacht würden.

Die letzte Frage des Abends lautete, warum sich der RCDS im Stura dagegen ausgesprochen hatte, Träger des Christopher Street Days zu werden. Erneut wurde hier Marie in Bedrängnis gebracht, welche angab, sie persönlich hätte nichts dagegen, könne in diesem Fall aber nur für sich selbst sprechen. Die anderen Vertreter sprachen sich klar dafür aus, den Christopher Street Day zu unterstützen, besonders Malte (»Die LISTE«) ließ es sich nicht nehmen auf das homoerotische Plakat seiner Partei hinzuweisen.

Zum Abschluss forderte das Moderatorenteam die Gäste auf, in zwei Sätzen zu sagen, warum sie es wert wären, gewählt zu werden, wer aber markante Aussagen und triftige Gründe erwartet, wurde leider enttäuscht. Schließlich stimmte man nach all dem Parteiengezänk kurz vor Ende dann doch wieder versöhnliche Töne an und lud zum Grillen im Innenhof des Juridicums ein.

Nach Ende der Veranstaltung hinterließ es dann Eindruck zu sehen, dass die Beteiligten der Löwenrunde es doch tatsächlich schafften, gemeinsam die professionell drapierte Couch-Ecke aus dem Hörsaal wieder ins Stura-Gebäude rüber zu schaffen. Happy End für die Couchgarnitur des Sturas durch vereinte Kraft – Na, wenn das mal kein Hoffnungsschimmer ist im Hinblick auf zukünftige Ereignisse, ganz gleich, wie die Wahl ausgeht.

Foto: Sophie Ritter

Foto: Sophie Ritter

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 08.05. 2017 | Bearbeitet: 19.05. 2017 16:18