Mai 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 72 0

Der Herzschlag Europas

Jeden Sonntag um 14 Uhr kann man sie auf dem Marktplatz beobachten: etwa 50 Personen, Europa-Flaggen haltend, zum Abschluss die Europa-Hymne »Ode an die Freude«. Die wöchentlichen Veranstaltungen sind der hallische Ableger der proeuropäischen Bewegung »Pulse of Europe«. Ein Gespräch mit den zwei MLU-Studierenden, die die Initiative in Halle ins Leben gerufen haben.

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Foto: JEF Halle

Ursprünglich wurde die Bewegung von einem Paar aus Frankfurt am Main gegründet, welches besorgt auf das Wahljahr 2017 und die zunehmend nationalistisch-populistischen Strömungen in vielen EU-Mitgliedsländern blickte. Nach dem für viele überra­schen­den Brexit und der Wahl Donald Trumps sahen sie ihre schlimmsten Vermutungen bestätigt und veranstalteten Ende November 2016 die erste öffentliche Kundgebung in Frankfurt. Seitdem ist die Zahl der Veranstaltungsorte stetig gewachsen. Mittlerweile finden die sonntäglichen Versammlungen in über 120 europäischen Städten statt, unter anderem in Rom, Paris, Brüssel und Amsterdam – und seit dem 19. Februar auch hier. David Horn und Niclas Hütte­mann haben »Pulse of Europe« nach Halle geholt.

Beide sind Mitglieder der JEF, der Jungen Europäischen Föderalisten, einer europaweiten Jugendorganisation, die 1949 in Deutschland gegründet wurde und sich seitdem über den Kontinent ausgebreitet hat. Auch an der Martin-Luther-Universität gibt es einen Ableger, die Hochschulgruppe JEF Halle. In Sachsen-Anhalt hat die JEF um die 50 Mitglieder, mit Kreisgruppen in Halle, Magdeburg und Halberstadt.

Die JEF haben auf der Kreisebene Halle kein konkretes politisches Programm, vielmehr sehen sie »politische Bildung als das Wichtigste« an, meint Niclas. »Viele Menschen haben eine sehr unkonkrete und falsche Vorstellung von dem Gefüge der europäischen Institution«, fügt David hinzu. Unklarheit herrsche oft bei Themen der europäischen Zusammenarbeit und der positiven Effekte, die eine solche für den Einzelnen haben kann. »Wir wollen Menschen in gewisser Weise auch für Europa begeistern.« Hier in Halle, und in Sachsen-Anhalt allgemein, würden sie aber vor allem auf die europäische Idee aufmerksam machen wollen und sich nicht um eine europäische Arbeitslosenversicherung streiten, meint David. »Ich sage es mal so – wir haben in Halle andere Probleme, als ein politisches Programm zu entwerfen und zu verteidigen.«

Konkret setzen sie vor allem Veranstaltungen wie Vorträge oder Workshops um, zum Teil auch hochkarätig mit Landesministern oder dem Oberbürgermeister der Stadt Halle besetzt. So fand letztes Jahr im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine »Landtags-Reihe« statt, bestehend aus mehreren Veranstaltungen, die öffentlich zugänglich waren und in gewisser Weise auch europäische Themen betrafen. Dabei arbeiteten sie vor allem mit Vertretern der Landtagsparteien und den Europa-Abgeordneten des Landes eng zusammen. Auch würden sie sich an Projekten beteiligen, die sie tangieren, ohne an der Organisation mitgewirkt zu haben – beispielsweise hätten sie an der #läuftnicht-Gegendemonstration im Zuge des 1. Mai teilgenommen.

Gemeinsam und überparteilich

Doch nicht alles hat einen politischen Aspekt: »Für den 19. Juni planen wir wieder unsere Europäische Märchennacht, die mittlerweile schon zum sechsten Mal stattfindet«, erklärt David. In Zusammenarbeit mit Stadtmarketing und Stadtbibliothek würden sie »der Sprachenvielfalt einen Abend lang Platz geben wollen, um das Thema Europa auch kulturell zu vermitteln«, führt er weiterhin aus. Dabei würden Märchen und Gedichte in ihrer Originalsprache von Sprachbegabten oder Muttersprachlern verlesen werden. In den letzten Jahren sei die Märchennacht auch sehr gut angenommen worden, meinen die beiden JEF-Mitglieder. So hätten letztes Jahr ungefähr 80 Personen teilgenommen – »kulturelle Veranstaltungen kommen in Halle doch sehr gut an«, kommentiert David.

Die Organisation fühlt sich dabei keiner Partei zugehörig, vielmehr seien in der JEF laut David »alle demokratischen Parteien willkommen«. Niclas meint dazu: »Wir haben Leute, die sich eher der FDP zugehörig fühlen, der Linkspartei, den Grünen sowieso. Wir sind eine ganz bunte Gruppe.« David fügt schmunzelnd hinzu: »Meine Mentorin bei der JEF war zum Beispiel bei der FDP, da gab es häufiger schöne Diskussionen.« Sie würden auch bei der Organisation von Veranstaltungen mit vielen verschiedenen Parteien zusammenarbeiten.

Auch bei der Initiation von »Pulse of Europe« seien sie von verschiedenen Stadträten und beispielsweise der SPD unterstützt worden. »Aber natürlich alles unter der Hand, weil das bei Pulse of Europe nicht präsent sein darf«, erklärt Niclas, denn die europaweite Bürgerinitiative legt besonderen Wert auf Überparteilichkeit und Neutralität, weshalb auf den Veranstaltungen Parteivertreter keine Reden halten dürfen – maximal BürgermeisterInnen als Repräsentanten ihrer Stadt ist dies gestattet. Gestartet sind sie mit 20 Personen am 19. Februar, seitdem ist die Anzahl der Teilnehmer stetig gewachsen. Bei herrlichem Wetter seien auch schon 120 Menschen aufgetaucht, meinen die beiden. »Pulse of Europe ist ein guter Katalysator, um über Europa zu reden«, schätzt Niclas ein.

Weiter wöchentlich für Europa

Halle war unter den ersten zehn Städten in Deutschland, die »Pulse of Europe« von Frankfurt adaptiert hatten. »Darauf sind wir schon sehr stolz«, sagt Niclas. »Wir waren die erste ostdeutsche Stadt.« Seit Februar fand die Veranstaltung jeden Sonntag ohne Unterbrechung statt. Dabei war dies ursprünglich nicht so angedacht, sollte »Pulse of Europe« doch nur bis Ende März oder spätestens Anfang April andauern. Doch die Bewegung hat eine Eigendynamik entwickelt, der sich die Initiatoren nicht entziehen konnten. Jetzt hätten »die Frankfurter« geplant, bis zur Bundestagswahl im September weiterzumachen. David meint dazu: »Das ist ja auch die Idee von Pulse of Europe – dass man gerade zu den Wahlen auf Europa aufmerksam macht.« Die beiden JEF-Mitglieder haben die Leitung
für die sonntäglichen Veranstaltungen mittlerweile abgegeben, da sie sich in erster Linie für die JEF engagieren möchten.

»Das Wichtigste, was man über uns wissen sollte, ist, dass wir erreichbar sind und Personen unterstützen möchten, die sich mit Europa und Demokratie auseinandersetzen wollen«, erläutert David. So würden sie gern Hilfestellungen für engagierte Studierende geben, gerade was Kontaktknüpfung und Hilfe beim Antragstellen für Gelder betrifft. Niclas fügt hinzu: »Wir sind für Personen da, die was bewegen wollen.«

  • Der Stammtisch der JEF findet dienstags um 20 Uhr in der Bar Haley statt, Interessierte sind immer willkommen. Außerdem bietet die Hochschulgruppe das ASQ-Modul »Studierende für Studierende« an.
  • »Pulse of Europe« ist in Halle auch weiterhin als wöchentliche Veranstaltung geplant, während sich in anderen Städten ein monatliches Format durchsetzen könnte.
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Foto: JEF Halle

Über Anne Jüngling

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Erstellt: 31.05. 2017 | Bearbeitet: 31.05. 2017 17:24