Okt 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 74 0

Dead Valleys bei Naumburg

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle: Drei Stunden völlig falsch gelaufen, einer Wandergruppe und Anwohnern begegnet, die nicht mal selber die in den »Toten Tälern« berühmten Wildpferde zu Gesicht bekommen haben, und jede Menge Wein.

Karte: fenchelino – atelier für kommunikation und desgin

Die »Toten Täler« locken von Frühling bis Anfang Herbst viele Wanderer wegen ihrer artenreichen Pflanzenwelt an. In diesem Zeitraum bietet das Gebiet, welches 1967 unter Schutz gestellt wurde, für Orchideenliebhaber eine Vielfalt zum Bestaunen an. Wer also unter Heuschnupfen oder einer Menschenallergie leidet, findet ab Oktober ideale Bedingungen vor.

In Naumburg mit dem Zug angekommen, führt die Tour mit der Burgenlandbahn nach Naumburg-Roßbach weiter. Die Fahrt ist recht amüsant: Die Bahn hat einen so starken Motor, der den ganzen Boden vibrieren lässt, wodurch die Füße kitzeln. Nach ein paar Minuten ertönt eine Computerstimme, die darauf hinweist: Die Bahn hält nur bei Betätigung der Haltetaste an der gewünschten Haltestelle. Andere Reisende entdecken sie zum Glück im Türrahmen, beim Ein-und Ausstieg. Leider zu spät – wir sind bereits eine Station weiter, in Kleinjena. Also laufen wir zum Aufwärmen von Kleinjena nach Roßbach und bestaunen den Naumburger Blütengrund. Am Ende des Weges erzählt ein Bauer, der gerade Kartoffeln erntet, die Wildpferde, die es im Naturschutzgebiet »Tote Täler« geben soll, seien sehr scheue Wesen und die Wanderung werde wohl anstrengend werden. Er sagt abschließend, um nach Roßbach zu gelangen, muss die Straße überquert werden.

Auf zu den Wildpferden

Bild 1

In Roßbach angekommen, weist schon bald das erste Hinweisschild zu den Toten Tälern. Wir folgen der Wegbeschreibung von der Wanderkarte bis zur Ortsmitte, wissen dann aber nicht weiter und fragen mehrere Personen um Rat, doch keiner kann etwas mit der Karte, den Wildpferden oder dem Begriff »Tote Täler« anfangen. Ein Passant meint jedoch, man könne die asphaltierte Straße entlanggehen. Die Straße endet an einer Weggabelung. Im Nachhinein betrachtet, wäre die Wanderung die Straße mit den Pflastersteinen nach oben führend weitergegangen (Bild 1), aber Wanderschilder weisen zu den Weinbergen nach links, und auf der Wanderkarte heißt es ja auch »die Weinberge entlang«. Also gehen wir voller Zuversicht falsch weiter, und ein weiterer Wegweiser bekräftigt die Entscheidung. Unser Passant, den wir jetzt liebevoll »Wandervogel« taufen, wandert mit Schirm bewaffnet ein Stück voraus und kommt hin und wieder nach dem Weg fragend zurück.

Bild 2

Das sonnige Wetter, ein Bauer auf seinem Traktor die Felder erntend und die schönen Weinberge (Bild 2) machen die Wanderkulisse perfekt. Der Weg führt nach Großwilsdorf und mündet in eine Wegkreuzung. Dem Wandervogel wieder vertrauend, folgen wir den Wegweisern, die immer noch die Weinberge ausweisen. Das ergibt Sinn: wie auf der Wanderkarte ist Großwilsdorf dann rechter Hand. Neben der Hauptstraße erstreckt sich ein Nebenweg, neben mehreren Grundstücken entlang, zwischen Sträuchern und Bäumen, der oben an der befahrenen Straße endet. Hier gibt es allerdings keinen Wegweiser, also gehen wir, den Wandervogel jetzt im Schlepptau, auf der Hauptstraße weiter und entdecken einen Wanderweg, nach oben führend, mit dem Hinweis zum Fürst-Heinrich-Stein.

Bild 3

Nun wird die Wanderung anstrengender, weil es steil bergauf geht. Aber es lohnt sich trotzdem: Mitten in der Natur, zwischen den Weinbergen und einem wunderschönen Blick ins Hasselbachtal, obwohl der Fluss für einen Bach etwas zu groß erscheint. Aber man lernt ja nie aus. Dann endlich zeigt sich der kolossale Fürst-HeinrichStein (Bild 3) Am Denkmal selbst gibt es keine Informationen, aber ein Journalist machte sich am 26. Mai 1997 für das »Naumburger Tageblatt« die Mühe, die Geschichte des Steins zu erforschen. Die Inschrift, die es für den Stein einst gab, erklärt, dass dies Schützengrabensteine sind, die 1916 vom Jäger-Ersatzbataillon Nr. 4 errichtet wurden. Sie erinnern an den Bataillonskommandeur Fürst Heinrich Reuß. Die Steine selbst entstammen den Schützengräben, welche damals angelegt wurden.

Auf dem Weg zum Stein und um den Stein herum erstreckt sich unberührte Natur, von den Pferden aber weiterhin keine Spur. Aus einer anderen Richtung kommt uns eine Wandergruppe entgegen und sagt, dass es hier keine Pferde gibt; die wären doch bei Großwilsdorf. Dort würde man die Pferde aber sowieso nicht zu Gesicht bekommen, außerdem seien sie angriffslustig.

Bild 4
Foto: Johanna Sommer

Die einfache Erklärung ist, dass wir wohl die Weinstraße entlanggelaufen sind und sämtliche Häuser zu der Adresse »Weinberge« gehören. Das wunderschöne Hasselbachtal ist somit das Saaletal mit Blick auf Bad Kösen (Bild 4). Wir müssen somit fünf Kilometer nach Roßbach zurückwandern. Zur Abwechslung wird ein anderer Weg hinunter genommen, und wir entdecken am Fuße des Berges, dass der Fürst-Heinrich-Stein von einem Naturschutzgebiet umgeben ist.

Auf dem Rückweg machen wir nach dem Weg fragend in der Straußenwirtschaft halt. Hier ist um die Mittagszeit ein Sommerfest mit guter Musik und leckerem Essen zugange. Professor Heinrich Sauer beschreibt uns den Weg, und da zeigt sich vor unserem inneren Auge die Wegkreuzung in Roßbach, an der wir zu Beginn unserer Wanderung dummerweise nach links abgebogen waren Er bietet noch an, in seine Weinberge zu gehen, um so abzukürzen, was aber dankend abgelehnt wird, um ein nochmaliges Verlaufen zu vermeiden. Wir befragen ihn noch nach den Wildpferden, die er, wie er sagt, noch nie gesehen hat. Aber er habe von einem Hengst gehört, der wohl ausgebrochen sei und sämtliche Damen von den Weinbergen um sich geschart und mit seiner neuen Herde die Gegend unsicher gemacht habe.

Aufgeben is´ nicht.

Unser Wandervogel hat ein schlechtes Gewissen, schließlich hat er uns eigentlich schon ab Roßbach falsch geleitet. Er bietet uns an, von Roßbach ein Stück des richtigen Weges mit seinem Auto zu fahren, damit es nicht mehr allzu weit ist, und da wir schon drei Stunden unterwegs sind, willigen wir ein.

Mit dem Auto in Großwilsdorf, am Anfang der Kleinjenaer Straße angekommen, wandern wir zu Fuß weiter. Der nächste ausschweifende Bogen auf der Wanderkarte wird nicht beachtet, wir folgen lieber dem Hinweisschild in die »Toten Täler« und kürzen somit ab. Auf dem Weg erstreckt sich rechter Hand ein Gehege für Schafe, die uns fröhlich blökend entgegenrennen. Die kleine Wandergruppe quietscht ein »Ach wie süß«, streichelt sie und gibt ihnen leckeren Löwenzahn, den sie gierig aufmampfen. Dem Weg weiterschreitend, kommt uns ein Fotograf entgegen, der die Wildpferde tatsächlich gesehen hat und erklärt, wie man zu ihnen gelangt.

Bild 5

Die Wildpferde gehören zu der Rasse »Koniks« und leben im Gebiet »Rödel«, im nördlichen Teil der »Toten Täler«, auf 90 Hektar, umgeben von einem 1,20 Meter hohen Weidezaun. In den Zaun ist für Besucher ein Einstieg eingelassen, mit der Bitte, die Tiere nicht zu füttern und sich ruhig zu verhalten. Wir entdecken alte und frische Pferdeäpfel und versuchen, der Wegbeschreibung des Fotografen zu folgen. Von 1950 bis 1992 war dies ein Panzerfahrgelände, was auch durch das ständige Auf und Ab auf weiter Flur bemerkbar ist. Tiefe Gräben und Schluchten erinnern an den Kalksteinabbau vom Mittelalter bis zur Ablösung durch die Militärnutzung. Wir laufen also auf toten Muscheln herum, vielleicht kommt daher der Name dieses Naturschutzgebietes. Die ganzjährige Beweidung mit den Koniks wird seit 2009 durchgeführt, um einer Verbuschung und Verfilzung des Gebietes entgegenzuwirken und so gefährdete Pflanzenarten zu erhalten. Auf der Suche nach den Pferden fällt auf, dass kein Wiehern zu hören ist. Es ist komplett still. Jede Menge Hufspuren und eine Wassertränke sind zu sehen, nur leider keine Tiere. Doch dann entdecken wir ein Pferd und pirschen uns vorsichtig heran, um es nicht zu erschrecken (Bild 5). Es zeigen sich weitere Tiere. Die Pferde bemerken uns, ziehen sich dann zurück, und wir spazieren ihnen hinterher. Dann plötzlich weist unser Wandervogel uns an, still zu sein, und zeigt nach links. Direkt neben uns stehen zwei Koniks (Bild 6). Sie schließen dann aber rasch zu ihrer Herde auf. Das alles ohne Wiehern oder Schnauben, sondern ruhig und entspannt. Da wir noch nie eine Herde wilder Pferde gesehen hatten, versuchen wir, uns diese schönen Bilder für unsere Erinnerungen gut einzuprägen, und genießen den Moment.

Bild 6
Fotos: Johanna Sommer

Noch ein Weinchen zum Abschluss

Leider ist es langsam an der Zeit, den Rückweg anzutreten, denn es ist schon später Nachmittag. Unser Wandervogel lädt uns ein, ab Großwilsdorf nach Roßbach zurückzufahren und dort noch ein Stück Kuchen zu essen. In Roßbach lassen wir den Tag im Weingut Frölich-Hake ausklingen. Ohne Kuchen, aber mit leckerem Käse und Wein. Wir sind uns einig: Dies ist ein gelungener Tag, und ehrlich gesagt wäre es schade gewesen, nicht durch die Weinberge zu wandern, wenn wir von Anfang an richtig gelaufen wären. So sind alle Touren im Gesamtpaket weiterzuempfehlen.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 26.10. 2017 22:14