Dez 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 75 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation zwischen und mit Menschen. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie etwas bewegen. Diesmal geht es um Reisen und Abenteuer in Realität und virtuell

Illustration: Katja Elena Karras

»I’m leaving on a jet plane, don’t know when I’ll be back again …«, spielt mein Autoradio den über 50 Jahre alten Klassiker von John Denver in der Version von Peter, Paul and Mary. Passenderweise bin ich auf dem Weg zum Flughafen, und ich denke mir, es ist ein riesiger Luxus, einfach die Zeit und Flexibilität zu haben zu verreisen, ohne genau zu wissen, wann man zurückkommt. Zugegeben werden einem hierbei auch oftmals Steine in den Weg gelegt; so erlauben einige Länder die Einreise nur, wenn man auch im Besitz eines Rück- oder Weiterreisetickets ist. Schon daran kann das verträumte Nichtwissen »when I’ll be back again« schnell scheitern.

Die Reisefreude vor dem Rechner

Reisen ist heute insgesamt, verglichen mit früheren Zeiten, eine ziemlich unkomplizierte Angelegenheit. Das Angebot ist riesig, fast jeden Tag kann man, rein theoretisch, in so ziemlich jede Ecke der Welt aufbrechen. Individualreisen und der sogenannte Abenteuer-Tourismus boomen. Aber worin liegen die Individualität und das Abenteuer bei einer solchen extern durchgeplanten Reise? Sicher, jeder erlebt jede Reise irgendwie individuell, und es kann ohne Frage auch aufregend sein, neue Dinge zu machen oder zu entdecken – aber wo ist das natürliche Abenteuer des Reisens? Ungeplante Momente und Begegnungen und das Schließen von Bekannt- und Freundschaften können leicht wegfallen, wenn bereits alle Fragen vor Reiseantritt geklärt sind.

Es ist schon verlockend, sich vor allem mithilfe des Internets auf eine Reise vorzubereiten, Highlights zu planen, Busfahrpläne herunterzuladen, Preise zu vergleichen. Keine Frage. Aber wo ist das Abenteuer, beziehungsweise wie viel davon erlebt man vor seinem Bildschirm? Heißt Abenteuer im 21. Jahrhundert, dass man etwas penibel plant oder planen lässt, was man zuvor noch nicht gemacht hat? War Abenteuer nicht mal etwas, das man nicht planen konnte, das einfach auf einen zukam?

Wie viel Abenteuer und wundervolle, höchstindividuelle Momente man vor Ort durch die Planung verpasst, lässt sich nicht abschätzen. Hierbei ist die Voraborganisation allerdings nur ein Faktor, vor Ort geht es weiter: Ohne Frage ersetzen insbesondere digitale Planungshilfen heute viel Kommunikation, gerade auch auf Reisen. Musste man früher Menschen nach dem Weg oder dem richtigen Bus fragen, so liefert heute gern das Smartphone die Antwort, und das bestenfalls auch noch unmissverständlich in unserer präferierten Sprache.

Von Händen und Füßen zu einem Daumen

Kommunikation mit Händen und Füßen aus Mangel an gemeinsamen Sprachkenntnissen? Heute eher Kommunikation mit Händen und Smartphone: übersetzen – fertig. Man muss sich nicht einmal mehr an der mitunter komplizierten Aussprache abmühen, kann man dem Gegenüber doch einfach das Wort in seiner Sprache auf dem Bildschirm zeigen. Und dieser kann auch gleich in dem Programm antworten. Sicher ist das praktisch, aber für die große Offenheit, die sich viele selbst zuschreiben, spricht das doch irgendwie nicht. Wo es früher Blickkontakt gab, wird heute gemeinsam auf den Bildschirm geschaut; wo man einst Mimik und teils ausladende Gestik einsetzte, tippt und wischt man heute auf wenigen Quadratzentimetern. Engt man sich damit nicht furchtbar ein?

In diesem Zusammenhang werde ich eine Anekdote nicht vergessen, die mein Opa oft und gern zum Besten gab: Als er in den 1930ern als Austauschschüler in England war, fragte er im Restaurant seinen Gastbruder, was »ham and eggs« seien. Daraufhin begann dieser erst zu grunzen und dann zu krähen und entsprechend zu gestikulieren. Ich möchte behaupten, dass heutzutage in mindestens 90 Prozent solcher Situationen der Griff zum Smartphone geht.

Was aber, wenn wir trotzdem mal keine Übersetzung finden für das Wort, das wir gerade brauchen? Bleiben wir beim Beispiel des Restaurants – ich möchte behaupten, es gibt zwei Gruppen: die Abenteurer, die das Unbekannte einfach bestellen, um das Rätsel zu lösen, und die Vorsichtigen, die dann lieber etwas bestellen, das sie kennen.

Lost in Communication

Darüber hinaus bleiben, egal wo man ist, durch die modernen Möglichkeiten digitaler Kommunikation, unsere Lieben zu Hause auch immer potenzielle Gesprächspartner, denen man alles brandaktuell erzählen kann. Und damit fällt dann auch vielleicht das Bedürfnis weg, einem wildfremden Menschen vor Ort einfach zu erzählen, was uns bewegt. So verpasst man unter Umständen wundervolle Freundschaften.

Nicht jede Reise muss ein Abenteuer sein, ein erholsamer Urlaub hat zweifelsohne auch sein Gutes. Aber wenn man nun ein Abenteuer anstrebt, dann sollte man dieses vielleicht nicht auf seinem Smartphone erleben. Sondern mit Menschen sprechen. Die schönen Orte nicht erst auf den Fotos entdecken. Die mobile Wunderwaffe mal nicht als erste Lösung sehen. Denn wer weiß, wie viele Möglichkeiten sie zerstört.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 08.12. 2017 21:43