Jul 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 73 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation und den Eindruck, dass Gesagtes und Gemeintes nicht immer dasselbe sind. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen. Diesmal geht es um eine vielgestellte Frage, die oft mit geringem Interesse an der Antwort einherzugehen scheint.

Illustration: Katja Elena Karras

Kürzlich überraschte mich in der Oldie-Show im Radio die Originalversion eines Liedes der »Windows«, das ich bisher nur als englischsprachiges Cover von »Mouth & MacNeil« gekannt hatte. Auf etwas schnulzige Weise erzählt das Lied »How do you do« eine Liebesgeschichte, die mit ebendieser Frage beginnt. Ich fand es irgendwie sehr erfrischend, eine Frage nach jemandes Befinden mal wieder in einem Kontext, der ihrer eigentlichen Ersthaftigkeit gerecht wird, zu hören. Heutzutage scheinen solche Fragen allzu oft nur noch Floskeln zu sein, auf die allenfalls eine möglichst einsilbige positive oder allenfalls noch neutrale Antwort gegeben werden sollte, die keiner weiteren
Reaktion des Fragestellers bedarf.

Die »Windows« waren ein deutsch-englisches Popduo, das mit ebenjenem Lied 1972 seinen einzigen wirklich großen Hit landen konnte. Diese deutsch-englische Konstellation und ein in meinem Hinterkopf herumspukendes Gespräch mit einer englischen Freundin brachten mich zum Nachdenken. Welchen Stellenwert hat die Frage nach dem Befinden heute, schlappe 35 Jahre nach Veröffentlichung jenes Liedes?

Im anglophonen Sprachraum hat das »How are you?« schon länger etwas floskelartiges, das beispielsweise in Geschäften zur Begrüßungsformel der Mitarbeiter gegenüber den Kunden, egal ob persönlich bekannt oder nicht, wie automatisiert abgespult wird. Ich empfand das immer als nett und höflich, wohingegen eine englische Freundin das ganz anders sieht. Sie sagt, diese Dienstleistungsfloskel hat viel zu viel Übergriff auf private Gespräche und Fragen genommen: »Everybody asks you how you are – but nobody cares!«

Sicher macht es einen Unterschied, ob jetzt ein Fremder, für den ich wie im erwähnten englischen Beispiel Kunde bin, sich höflich-desinteressiert nach meinem Befinden erkundigt, oder ob sich eine mir nahestehende Person so verhält. Und wenn mich ein Dienstleister gar nicht fragt, wie es mir geht, sondern beratungs- oder verkaufsorientierte Fragen stellt, dann stört mich das auch nicht. Was mich hingegen sehr stört, ist das scheinbar stetig zunehmende Desinteresse im persönlichen Gespräch. Warum stellt man jemandem, der einem wichtig ist, eine potenziell so wichtige Frage, ohne die Antwort wirklich hören zu wollen? Zeit und Interesse daran, was den anderen beschäftigt, sind vielleicht die wichtigsten Pfeiler persönlicher Beziehungen, gerade in turbulenten Zeiten. Die Frage nach dem Befinden eines Freundes oder Familienmitgliedes sollte keine Pflicht sein, die man höflich, aber möglichst kurz im Gespräch abarbeitet. Ein ernstgemeintes »Wie geht es dir?« und ein offenes Ohr für eine Antwort, die nicht Sekundenbruchteile oder Sekunden, sondern Minuten oder auch Stunden in Anspruch nimmt, können mitunter sehr viel ausmachen.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 08.07. 2017 | Bearbeitet: 01.10. 2017 18:09