Mai 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 72 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation und den Eindruck, dass Gesagtes und Gemeintes nicht immer dasselbe sind. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen. Diesmal wird geflucht.

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Illustration: Katja Elena Karras

Das Radio ist unschuldig; eine hitzige, aber dennoch sachliche Diskussion während einer Redaktionssitzung endete mit dem Vorschlag, mal übers Fluchen zu schreiben. Nun sitze ich hier und lasse mich von einem Lied inspirieren, das ich tatsächlich schon sehr lange nicht mehr im Radio gehört und auch nicht wirklich vermisst habe: Mitte der 1990er hatte es das Rap-Trio Tic Tac Toe mit dem Lied »Ich find dich scheiße«, dessen Refrain aus wenig anderem als ebendiesem »bösen sch-Wort« bestand, in die Charts geschafft. Ältere Kinder liefen singend – oder schreiend – durch die Straßen, während andere Generationen dieses Lied skandalös fanden und meine Eltern mir vermittelten, dass dieses sch-Wort zu vermeiden sei.

Heute ist das Wort wohl kaum aus dem Wortschatz wegzudenken. Landet man, natürlich versehentlich, im Nachmittagsprogramm eines privaten Fernsehsenders, dauert es nicht lange, und der analytische sch-Wort-Mitzähler ist im zweistelligen Bereich angekommen; und irgendwie stolpert man weniger über das Wort an sich als über die ermüdende zigfache Wortwiederholung.

Zugleich hat es eine Bedeutungserweiterung erfahren und wird nicht mehr zwingend so benutzt wie im Duden erläutert: »ausgesprochen schlecht, unerfreulich, ärgerlich«. Mittlerweile wird es auch als Adverb verwendet, um das nachfolgende Adjektiv zu betonen – egal, ob dies nun semantisch positiv oder negativ ist. An anderen Stellen tauchen die zwei Silben einfach als Füllwort auf, gelegentlich auch in mantraartiger Aneinanderreihung.

Die Flüche und Schimpfwörter des 21. Jahrhunderts kommen viel mehr aus anderen Domänen und sind im negativen Gebrauch häufig diskriminierend gegen ihre eigentliche Bedeutung. Menschen, Dinge und Umstände, die laut Duden blöd, doof oder vielleicht auch scheiße sind, werden als schwul oder behindert bezeichnet. Dann setzt wieder die political correctness ein, und es werden Forderungen laut, dass man zweitgenannte Wörter auch in ihrem eigentlichen Sinne nicht mehr verwenden sollte, weil sie nun zu negativ behaftet seien. Warum stärkt man nicht einfach wieder die ursprüngliche Bedeutung, anstatt dem Diskriminieren so stattzugeben?

Während das gute, alte böse sch-Wort noch die Subjektivität des Sprechers berücksichtigt, scheint modernes Schimpfen immer mehr auf eine persönliche und unterstellende Ebene zu gehen. Zugleich wird immer weniger in vollen Sätzen geflucht. Pöbelfloskeln ersetzen Satzkonstruktionen mit Verben. »Hurensohn!« statt »Ich find dich scheiße!«; ersteres vielleicht noch modifiziert durch derbe Adjektive, die mitunter durchaus kreativ und für unbeteiligte Zuhörer sogar unterhaltsam sein können.

Der Alltag scheint oft voll mit Flüchen, die vom Wortursprung her eigentlich keine sind, und mit wörtlichen Flüchen, die aber nicht als solche verwendet werden. Scheiße ist einfach nicht mehr das, was es mal war.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 31.05. 2017 | Bearbeitet: 31.05. 2017 18:38