Apr 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 71 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation und den Eindruck, dass Gesagtes und Gemeintes nicht immer dasselbe sind. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen. Diesmal geht es um ein kleines Wort mit großer Bedeutung.

Foto(collage): Katja Elena Karras

Foto(collage): Katja Elena Karras

»Always« hallt es noch lange in meinen Ohren nach, auch als das Lied im Radio längst verstummt ist, und dieses eine Wort bleibt in meinem Kopf hängen. 1994 haben Bon Jovi das Lied veröffentlicht, und das Wort »always« klingt in meinen Ohren so viel schöner und kraftvoller als das heute inflationär gebrauchte »forever«.

Und da wächst in meinem Kopf schon die Frage: Was heißt »immer« eigentlich überhaupt noch in einer Zeit von »forever«? Was bedeutet »friends forever« oder »forever together?« Sollte »immer« nicht ein großes Wort sein, das etwas Absolutes, Unvergängliches, Unübertreffbares ausdrückt? Aber irgendwie scheint es zu einer bloßen Aneinanderreihung von Buchstaben zu verkommen. Mit nur fünf Buchstaben, und nur vier verschiedenen, ein wunderbar kurzes Wort, das sich leicht einfügen lässt. Das Gegenteil »nie« hat gar nur drei; und ihm scheint es im alltäglichen Gebrauch ganz ähnlich zu ergehen.

»Ich lass dich selten im Stich!«

Menschen als soziale Wesen machen gern Versprechungen wie »Du kannst immer auf mich zählen« oder »Ich lass dich nie im Stich«, was grundsätzlich ja erst einmal sehr nett, eben sozial, ist; wenn man aber darauf zurückkommen möchte, passt es nicht. Offensichtlich ist dann gerade nicht »immer«, sondern »nie«.

Dabei gibt es doch auch die Wörter »0ft« oder »selten«. Warum verwendet man nicht einfach die, wenn sie doch das ausdrücken was gemeint ist? Sind sie zu schwach, zu vage, zu wenig pathetisch? Nun, sie wären in jedem Fall ehrlich, im Kontext von Versprechen einhaltbar. Wenn man aber jemanden darauf aufmerksam macht, dass »immer« und »nie« eigentlich etwas ausnahmsloses ausdrücken, das aber in der ge
rade aktuellen Verwendung nicht tun, wird das gern quittiert mit: »Du weißt doch, was ich meine!« Irgendwo ist die ursprüngliche absolute Bedeutung dieser Wörter schon im Bewusstsein, aber im Alltäglichen scheinen die Wörter allzu oft ihren wirklichen Wert zu verlieren.

bff … hmm

Ähnlich ist es mit »forever«. Manchmal scheint es fast, als würden Beziehungen, die eigentlich das Prädikat »forever« erhalten hatten, in die Brüche gehen, einfach weil da vielleicht noch jemand Besseres gekommen ist. Es geht eben immer noch ein bisschen besser. Sicher, manche Beziehungen sind einfach nicht zu retten, und manche sind es vielleicht auch nicht wert; aber andere sollten es doch sehr wohl wert sein, um dieses »immer« zu kämpfen. Gemeinsam. Aber an diesem Punkt scheint »forever together« oft zu scheitern; eben dann, wenn man together für forever kämpfen müsste.

Ironischerweise lässt sich immer im wahrsten Sinne des Wortes abkürzen: ewige, immerwährende beste Freundschaft heißt heute »bff«. Eigentlich doch ganz praktisch; immerhin ist ein Alphabetismus flexibel, und man kann die Bedeutung später immer noch anpassen, wenn sich die Umstände geändert haben sollten, beispielsweise ergänzen zu »bffhnm« für »blöd, früher Freunde, heute nicht mehr«. Warum braucht es überhaupt eine Abkürzung für »immer«? Für das, was es ausdrücken soll, sind fünf Buchstaben doch schon beeindruckend kurz.

Zurück zu dem eingangs erwähnten Liebeslied: Bon Jovi definieren ihr »Always« als mehr als ein »forever«: Es ist ein »forever and a day«, ein »bis die Sterne nicht mehr leuchten, bis die Himmel auseinanderbrechen und die Worte sich nicht reimen«; so lange will das lyrische Ich des Liedes für seine Liebe da sein.

Sicher hat auch irgendwo jeder sein eigenes, quasi ein individuelles »immer«, das in aller Regel mit dem eigenen Ableben endet. Vielleicht gibt es auch gar kein universelles »immer«, zumindest keines, das wir sicher als solches identifizieren können. Dafür ist »immer« vielleicht einfach zu groß und zu absolut. Nichtsdestotrotz scheint ein universeller Gebrauch des Wortes so alltäglich; und irgendwie vermittelt er manchmal auch das Gefühl, wir hätten noch soooo viel Zeit. Für alles. Also schieben wir Dinge vor uns her, auch solche, die uns wichtig sind; es scheint unterschwellig das Gefühl vorzuherrschen: »Dafür habe ich immer noch Zeit.« In der Generation Forever hat alles irgendwie noch Zeit: Kinder bekommen, die Eltern oder Großeltern besuchen, etwas schönes unternehmen. Und dann wirft es einen plötzlich voll aus der Bahn, wenn man – im Nachhinein – merkt, dass man für irgendetwas die letzte Gelegenheit verpasst hat. Diese Erkenntnis kommt aber meist zu spät, quasi nach »immer«. Nur das resultierende Bedauern bleibt dafür dann mitunter für immer im herkömmlichen Sinn.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 14.04. 2017 | Bearbeitet: 14.04. 2017 22:36