Dez 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 75 0

Das Rote Elend

Einst mordeten hier die Nazis, dann folterte die Stasi. Die JVA Halle I, besser bekannt als »Roter Ochse«, wurde im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zu einem Symbol für staatliche Willkür in Deutschland. Noch heute prägen negative Schlagzeilen die Berichterstattung über das Gefängnis – das es bald gar nicht mehr geben soll.

Foto: Sophie Ritter

Was macht ein Gefängnis, rein optisch betrachtet, aus? Sind es die hohen Mauern, die unüberwindbar wirken und gerne noch mit Stacheldraht gekrönt sind? Sind es die häufig kleinen, vergitterten Fenster, die den Blick aus den tristen Zellen auf den noch tristeren Innenhof eröffnen? Sind es die langen und finsteren Schatten, die die Wachtürme werfen? Oder ist es einfach die immer gleiche Farbe, an allen Wänden, oftmals dunkel und lähmend? Wenn man all diese Eigenschaften als Maßstab für ein gutes Gefängnis anlegt, dann ist der »Rote Ochse« ein solches.

Man könnte an dieser Stelle darüber philosophieren, was eine moderne JVA leisten soll. Für die Zeit des 19. Jahrhunderts, in der die »Königlich-Preußische Straf- und Besserungsanstalt« errichtet wurde, erübrigt sich diese Frage. Während heute oft von Resozialisierung und dem Vorbereiten auf die Zeit nach der Haft die Rede ist, dienten Strafanstalten damals im Prinzip einzig dem Zweck, Straftäter oder solche, die man dafür hielt, wegzusperren und ihnen den Aufenthalt so hart wie möglich zu gestalten. Nicht auszuschließen, dass die Architekten des »Roten Ochsen« diese Aspekte im Hinterkopf hatten, als sie den Bau planten.

Dieser dauerte bis 1842, sechs Jahre später kamen im Zuge der Deutschen Revolution erstmals politische Gefangene hier an. Nicht hinlänglich belegt ist hingegen die Herkunft des Ausdrucks »Roter Ochse«: Vermutlich ist der erste Teil der Farbe geschuldet, die die für den Bau verwendeten Ziegelsteine haben; der zweite Teil geht möglicherweise auf die von Ochsen gezogenen Karren zurück, die beim Bau und später für den Transport der Gefangenen benötigt wurden.

Fast 100 Jahre lang war das Gefängnis eine vergleichsweise normale Haftanstalt, vereinzelt gab es aber auch in dieser Zeit schon Hinrichtungen. Die dunkelsten Zeiten der Anstalt sollten jedoch noch bevorstehen.

Bautzen als Symbol der Unterdrückung, Halle in Vergessenheit

Foto: Alexander Kullick

Wenn in der DDR jemand »nach Bautzen« geschickt wurde, war allen klar, was die Stunde geschlagen hatte. Die menschenunwürdigen Haftbedingungen in dieser Strafanstalt galten selbst für die damals herrschenden Verhältnisse als einzigartig: einzigartig schlecht. Aus dem ganzen Land wurden nach Belieben politisch unerwünschte Bürger hierhergebracht; viele kehrten als gebrochene und traumatisierte Menschen zurück, andere gar nicht. Die gelbe Klinkerfassade des Komplexes führte bald zur gebräuchlichen Bezeichnung »Gelbes Elend«, die stellvertretend für die Folter und all die anderen Menschenrechtsverletzungen stand, die hier begangen wurden.

So sehr sich die Öffentlichkeit – auch heute noch – auf Bautzen als Inbegriff des DDR-Unrechtsstaates fokussiert, so sehr geht dabei unter, dass es den Insassen des »Roten Ochsen« in Halle nicht wesentlich besser erging als ihren Schicksalsgenossen in Sachsen. Während der vier Jahrzehnte andauernden Herrschaft der DDR saßen allein an der Saale zu jedem Zeitpunkt mindestens 100 Häftlinge ein; insgesamt geht man heute von einer sehr hohen vierstelligen Zahl aus, darunter viele Frauen. So abschreckend die Praktiken der Verhöre und so lächerlich die Gründe für die Inhaftierung heute auch wirken mögen, so normal waren sie damals bereits in dieser Haftanstalt. Das hat in erster Linie mit der noch weiter zurückliegenden Geschichte des »Roten Ochsen« zu tun.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten ab 1933 sollte auch für den »Roten Ochsen« massive Einschnitte bedeuten. Anfangs weiter als Gefängnis genutzt, wurde hier alsbald ein zunächst »provisorisches Schutzhaftlager« eingerichtet, noch etwas später folgte die Umstrukturierung hin zu einem Zuchthaus. Der Unterschied zu einer »normalen« Haftanstalt liegt hierbei in den verschärften Bedingungen und den Arbeitseinsätzen, zu denen die Gefangenen oftmals gezwungen wurden. Nach Halle kamen in dieser Phase vorrangig politische Häftlinge; Sozialdemokraten und Kommunisten stellten einen Großteil aller Insassen zu dieser Zeit. Häufig in Vergessenheit geraten sind jedoch auch die »einfachen Kriminellen«, denen meist Diebstähle zur Last gelegt wurden und die man fortan »umerziehen müsse«, wie eine damals gängige Formulierung nahelegte. Dass sich die Haftbedingungen während der NS-Herrschaft drastisch verschärften, erkennt man auch in erhaltenen zeitgenössischen Dokumenten. Bruno Reißner, der das Zuchthaus Halle Mitte der 1930er-Jahre leitete, fasste die neue Gangart wie folgt zusammen: »Die Gefangenen haben eingesehen, daß es nicht mehr nach ihrem Willen, sondern nach dem Willen der Anstaltsverwaltung geht … Das Beschwerdeunwesen ist nahezu beseitigt worden.« Er zieht darin bewusst einen starken Kontrast zum Strafvollzug der Weimarer Jahre, der seiner Meinung nach eine »Verhöhnung seiner selbst« war.

Foto: Sophie Ritter

Eine abermalige Verschlimmerung war im Nationalsozialismus nie auszuschließen – so kam es ab 1942 zu einer regelrechten Welle an Hinrichtungen, die bis kurz vor Kriegsende 549 Todesopfer allein im »Roten Ochsen« forderte – reichsweit geht man von einer fünfstelligen Anzahl von Menschen aus, die in Zuchthäusern ihr Leben lassen mussten. In Halle wurde für die Ermordung der Verurteilten eigens ein neuer Trakt errichtet – zynischerweise ausgerechnet im ehemaligen Lazarettgebäude. In den meisten Fällen erfuhren die zum Sterben Verurteilten nur Stunden vor der Exekution, dass dies ihr letzter Tag sein sollte. Die penibel-bürokratische Dokumentation der Hinrichtungen ermöglicht es immerhin, die Schicksale Einzelner heute lebendig werden zu lassen. Eines dieser Schicksale erlitt Georg Mentzel.

Todesurteil für Zigarettendiebstahl

Der Hallenser arbeitete bereits einige Jahre bei der Reichsbahn, zuletzt auf einem Güterbahnhof in Leipzig. Seine Kompetenzen waren gering, den Großteil der Zeit verbrachte er mutmaßlich mit dem Reinigen von Zügen. Dabei soll er gelegentlich Gegenstände entwendet und zuhause deponiert haben. Viele Anschuldigungen konnten dem gelernten Tischler jedoch nie zweifelsfrei nachgewiesen werden. Der NS-Justiz war das gleichgültig – das Sondergericht Halle nannte ihn einen »Volksschädling« und verurteilte ihn zum Tod. In diesem Verfahren wird die ganze Absurdität des nationalsozialistischen Justizsystems in den späten Kriegsjahren deutlich; das Gericht bezichtigte ihn sogar des Geizes, weil er von den Zigaretten, die er unter anderem entwendet hatte, keine an seinen Vater abgab – wo dieser doch Raucher war. Gleichzeitig verhängte man auch gegen den Vater eine Strafe, er kam jedoch mit einem halben Jahr Freiheitsentzug davon. Georg Mentzel starb nur eine Woche vor der Ankunft der US-Armee in Halle, im April 1945, durch das Fallbeil. Er war der letzte Insasse des »Roten Ochsen«, der durch die Nationalsozialisten umgebracht wurde.

Foto: Sophie Ritter

Die Tötungsmaschinerie der Nazis markiert auch in der Geschichte des »Roten Ochsen« einen traurigen Höhepunkt – jedoch keinesfalls ein Ende von Angst, Gewalt und Willkür in dem Komplex. Nach dem Abzug der Amerikaner saßen hier sowjetische Militärrichter, die es mit der Genauigkeit ihrer Richtsprüche oft nicht so ernst nahmen und neben wahren Verbrechern auch ungezählte Schuldlose verurteilten. Nicht wenige landeten im russischen Gulag und kehrten nie heim. Ab den Fünfzigerjahren war es das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, das Teile des Geländes als Untersuchungshaftanstalt nutzte – und, was den Ablauf der Verhöre anging, wohl durchaus die Tradition der Vornutzer fortführte. Vernehmungen sahen zu dieser Zeit, so weiß man heute, oft wie folgt aus: Die Beschuldigten wurden tage- oder wochenlang in Einzelhaft gesteckt, sie sahen sich Dauervernehmungen ausgesetzt, welche für gewöhnlich nachts stattfanden, um den Biorhythmus des Körpers zu verwirren. Schlafmangel war nur eine Folge dieser Behandlung, die Zermürbung und schließlich das Geständnis zum Ziel hatte. Wenn all das nicht fruchtete, wurde rohe Gewalt angewandt, schon die Androhung selbiger reichte oft aus. In späteren Jahren wurde der Fokus verstärkt auf psychische Einschüchterung gelegt, man kann auch von »subtiler Gewalt« sprechen.

Zu den ersten Inhaftierten zählten Angehörige der Zeugen Jehovas. Konrad Drebinger leitete die Gemeinden Halles in der Nachkriegszeit und erlebte ein Déjà-Vu von der Sorte, die man niemandem wünschen mag – er musste zurück an den Ort, von dem er geglaubt hatte, ihn längst hinter sich gelassen zu haben.

Die Staatsmacht wechselt, die Willkür bleibt

Foto: Sophie Ritter

Drebinger stammte aus Halle und ließ sich 1926 als Bibelforscher taufen, wie sich die Zeugen Jehovas damals noch nannten. Im Nationalsozialismus wurde die Religionsgemeinschaft als erste überhaupt verboten und sah sich harten Repressionen ausgesetzt – nicht für das, was ihre Anhänger taten, sondern für das, was sie nicht taten. Sie gingen nicht wählen, sie riefen nicht »Heil«, sie verweigerten Hitlergruß und Wehrdienst. Tausende Zeugen Jehovas schickten die Nazis in Konzentrationslager, Konrad Drebinger 1937 in den »Roten Ochsen«, wo er 15 Monate zubringen sollte. Gut eine Dekade zog ins Land, ehe ihn sein Glaube erneut in Konflikt mit der Staatsmacht brachte – diese war mittlerweile zwar eine andere, jedoch nicht minder skeptisch, was die Zeugen Jehovas anbetraf. Die Justiz sprach ihn 1951 schuldig, »Kriegs- und Boykotthetze« brachten ihm sechs Jahre Zuchthaus im »Roten Ochsen« ein. Im Anschluss daran endete für ihn endgültig diese düstere Zeit, er siedelte in die BRD über. Drebinger war der verstörenden Enge der Anstalt entkommen. Tausenden anderen stand sie zu diesem Zeitpunkt noch bevor.

Bis Dezember 1989 teilten 8100 Männer und 1600 Frauen ein gemeinsames Schicksal. Sie alle verbrachten einen Teil ihres Lebens im »Roten Ochsen«, zeitweise stellten Frauen fast die Hälfte aller Insassen. Ihre Geschichten und damit auch die der Haftanstalt können heute auf drei Etagen in einer Gedenkstätte nachverfolgt werden; im Mittelpunkt stehen dabei klar die Jahre 1933 bis 1945 und die Zeit der DDR.

Foto: Alexander Kullick

Der größte Teil des Gefängniskomplexes dient jedoch auch heute noch als Vollzugsanstalt. Der aktuelle Strafvollzug ist schwerlich mit dem der Vergangenheit zu vergleichen, dennoch gibt es auch heute noch Beschwerden über die Zustände im »Roten Ochsen«. So gebe es beispielsweise zu wenige Übersetzer für Teile der ausländischen Häftlinge, außerdem existiert der Vorwurf, das Wachpersonal sei rassistisch. 2017 haben sich in Gefängnissen in Sachsen-Anhalt bereits sechs Häftlinge das Leben genommen, der Großteil davon in Halle; verglichen mit anderen Bundesländern wie Thüringen oder Sachsen liegt diese Zahl über dem Durchschnitt. Ein strukturelles Problem glauben die zuständigen Behörden darin nicht zu erkennen, dennoch laufen Ermittlungen.

In 25 Jahren stünde der 200. Geburtstag des »Roten Ochsen« an. Aktuellen Plänen des Landes Sachsen-Anhalt zufolge wird bis dahin jedoch kein Gefangener mehr dort sein: Die Nebenstelle der JVA in der Frohen Zukunft soll bis 2024 eine deutlich höhere Gesamtkapazität erhalten, was einen Umzug aller Insassen des »Roten Ochsen« in diese neue Anstalt zur Folge hätte. Eine Versöhnung mit der eigenen Geschichte?

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 08.12. 2017 21:04