Dez 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 75 0

Daheeme ist, wo das Sterni auf dich wartet

Andauernd dieses Rumgeningel. Wir Leipziger Pendlerstudenten haben immer etwas, worüber wir lamentieren. Und weil uns die berühmte Frage »Warum ziehst du dann nicht nach Halle?« schon aus den Ohren rauskommt, folgt hier ein kleiner Einblick in unser alltägliches Ringen mit dem Wahnsinn.

Illustration: Katja Elena Karras

Die Augenlider hängen tief, die Mundwinkel auch. Schon wieder nur fünf Stunden geschlafen und dann noch nicht mal was gefrühstückt. Ach, wie schwer doch unser Leben als Leipziger sein kann. Doch es wird uns auch wahrlich nicht leichtgemacht. Sei es der megamäßig miese Bahnverkehr im Winter, die Tatsache, dass unser Wecker um 5.30 Uhr klingelt, wenn wir zur ersten Vorlesung müssen, oder einfach nur, dass wir jeden Tag fast drei Stunden unseres wertvollen Lebens in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen.

Aber wir sind ja auch verrückt – würde man zumindest vorerst behaupten, wenn man unsereins in den Fluren der Uni über den Weg läuft. Ein eigenartiges Wesen, asylsuchend an der MLU, stets auf dem Sprung und immer die Uhrzeit im Hinterkopf.

Wie aus dem Nichts erscheinen wir, wenn auch oft mal 15 Minuten zu spät, im Vorlesungssaal und verschwinden dann zum Ende der Veranstaltung in Schall und Rauch – so schnell, dass uns keiner mehr zu fassen bekommt. Man kann sich also glücklich schätzen, diese rare Spezies auf dem Campus zu erspähen. Bei dem Begriff »Vollzeitstudium« zucken wir nur fragend mit den Schultern. Impliziert das etwa, »vollzeit« (oder wenigstens annähernd »vollzeit«) präsent in der Vorlesung zu sein? Aber was ist, wenn diese mal wieder der totale Reinfall ist und man schlichtweg keine Lust hat, den langen Weg zur Uni für diese hochakademische Zeitverschwendung auf sich zu nehmen?

Das ist doch in unserem digitalen Zeitalter gar nicht mehr nötig! Denn wenn unser kuschelig warmes Bett uns mal wieder nicht loslassen will, dann haben wir ja – Gott lobe ihn – den Lebensretter ILIAS. Dank diesem Wunderwerk kann man gemütlich von Zuhause aus die Vorlesung verfolgen und muss scheinbar nie mehr die wohlig warmen Hallen seines Eigenheims verlassen.

Doch übertreibt es nicht, meine lieben Mitstudenten, sonst wird es euch zum Verhängnis! Denn wer schaut sich schon, von der Lieblingsdecke umhüllt, mit einem Kakao in der Hand, die todlangweilige, anderthalbstündige Vorlesung an, wenn Netflix nur einen Mausklick weit entfernt ist. Kann man ja auch später noch machen, die bleibt ja eh online.

Es ist der ewige Kampf zwischen Uni und Freizeit, zwischen Bildung und trivialem Wissen über Stranger Things, zwischen dem Sprint zur S-Bahn und dem frisch gemahlenen Kaffee des Mitbewohners. Ja ja, wir Leipziger haben es schon ziemlich schwer.

Wollen wir mal nicht so schwarzmalerisch sein. Das Pendlerleben bringt so einige unverhoffte Vorteile mit sich. Wenigstens ist der Kaffee in der Thermoskanne schon ausreichend abgekühlt, wenn wir in der Vorlesung ankommen (oder eben schon leer und dafür die Tasche um einiges leichter). Und stellen wir morgens ganz panisch fest, dass wir etwas nicht vorbereitet haben, ist das nur halb so schlimm, denn das kann man ja noch auf den letzten Drücker im Zug erledigen. Außerdem nutzen wir wenigstens unsere MDV-Karte so richtig aus und kennen mittlerweile alle Uhrzeiten und Haltestellen der SBahnen in und auswendig – falls uns also mal eine ältere Dame am Bahnhof nach Auskunft fragt, sind wir super vorbereitet. Und zu guter Letzt haben wir immer eine Ausrede parat, warum wir so müde und schlecht gelaunt sind. Doch warum nehmen wir diese Unkosten und Mühen auf uns?

Einmal Leipzig, immer Leipzig. Denn egal, ob man an diesem fast schon magischen Ort geboren oder im Laufe der Zeit zugezogen ist: je mehr Zeit vergeht, desto weniger möchte man diese sagenhafte Stadt wieder verlassen. Nur, wenn es dann auf das Studium zugeht, eröffnen sich unversehens mehrere Möglichkeiten. So unplausibel das Leben in Halle scheint, so verlockend sind doch die ziemlich beachtlichen Angebote der MLU und dann auch noch NC-frei! Aber nur für das Studium all das Wunderbare in Leipzig aufgeben? Seien wir doch mal ehrlich! So sehr das kleine Städtchen Halle es auch versuchen mag, uns mit seinen süßen Cafés, den vorzüglichen Hallorenkugeln und dem traumhaften Saaleufer einzulullen, niemals könnte Halle den wunderschönen Clarapark mit der Sachsenbrücke, das Kanufahren auf dem Kanal, die Abende am Cossi oder Störmi und erst recht nicht die Illegalen und Open Airs im Sommer ersetzen. Und die Liste hört nie auf. Was würden wir bloß ohne Lenes Tauschbude, das IFZ und die Tille, das Conne Island, die Substanz, unsere wunderschönen Spätis und geliebten Lost Places, ohne die originellsten Junkies aller Zeiten und vor allem ohne den immer gut gelaunten Radio-Jens machen?

Es würde uns das Herz aus dem Leibe reißen, wenn wir all das und noch viel mehr aufgeben müssten, um seelenruhig und ohne Umstände in Halle zu studieren. Dann lieber jeden Tag drei Stunden Bahn fahren und übermüdet zuhause ankommen. Denn Daheeme ist, wo das Sterni auf dich wartet.

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Über Lea Albert

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 08.12. 2017 21:10