Okt 2017 hastuPAUSE Nr. 74 0

Back to the (Polish) roots

In einem Auslandssemester in Krakau kann man junge Studierende aus der ganzen Welt kennenlernen. Viele davon sind in das Land gekommen, aus dem ihre Vorfahren vor vielen Jahren ausgewandert oder geflohen sind. Für diese galt Amerika als Land der Zukunft, für sie selbst nun ist Europa »the place to be«.

Foto: Lena Schraml

Man schreibt das Jahr 1913, kurz vor dem ersten großen, weltverändernden Krieg. Polen ist zu dieser Zeit noch aufgeteilt zwischen Preußen, Russland und Österreich-Ungarn. Der Pole Walter Kumięga, Ururgroßvater des nach ihm benannten 21-jährigen Walter Kumięga IV., beschließt, den alten Kontinent Europa zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Er verspricht sich – wie so viele andere – eine bessere Zukunft für seine Familie und ein Leben in Freiheit. Im US-Bundesstaat Maine gründet er eine Hühnerfarm, die die nächsten Jahre die Lebensgrundlage der Familie werden soll. »Irgendwann wurde aus der Hühnerfarm eine Teppichreinigung, die bis heute von meinem Opa betrieben wird«, erzählt der stolze Enkel, der Internationale Beziehungen an der University of Maine studiert.

Wenige Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, entscheiden sich auch die Urgroßeltern von Kate, ihr Heimatland Polen zu verlassen und in die Neue Welt aufzubrechen. In einer polnischen Gemeinde in New Jersey angekommen, stirbt Kates Urgroßmutter Julianna an Typhus, und ihr Mann »bestellt« sich per Brief über die Kirche eine neue, polnische Ehefrau – diese wird zur Stiefmutter von Kates Großmutter Florence und ihrem Bruder.

»Meine Familie ist unglaublich matriarchalisch, ich weiß fast nichts über die Männer in meiner Familie! Nicht einmal die Namen. Nana erzählte über ihre Stiefmutter Dinge, die man sonst nur aus Märchen kennt: von Anfang an behandelte sie ihre zwei Stiefkinder schlecht. Sie sperrte sie in Schränke oder in den Abstellraum, ließ sie hungern, schlug sie. Nur ihren eigenen drei Kindern, die sie ihrem Mann gebar, war sie eine gute Mutter«, erinnert sich Kate. Weil die Stiefmutter mit ihrem neuen Zuhause jedoch sehr unglücklich ist und sie zurück nach Polen will, ist die Rückkehr nach Europa beschlossene Sache. Als Florence 13 Jahre alt ist, wird sie von ihrem Vater in der polnischen Gemeinde zurückgelassen, allein mit ihrem jüngeren Bruder. Von da an muss sie in einer Nylon-Fabrik arbeiten, um sich und ihren Bruder durchzubringen. Mithilfe der anwesenden Tanten und Onkel schafft sie dies, findet mit Anfang 20 einen Ehemann und gründet ihre eigene Familie. Als sich während des Zweiten Weltkriegs die Lebensbedingungen in Polen drastisch verschlechtern, bittet die Stiefmutter die zurückgelassenen, ungeliebten Stiefkinder um Geld für ihren Bauernhof, welches diese ihr jedoch verweigern. »Das weitere Schicksal dieses Teils der Familie ist uns nicht bekannt«, erzählt Kate weiter. »Doch es ist sehr wahrscheinlich, dass ich hier in Polen Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins habe.«

Viele Familiengeschichten haben eine Gemeinsamkeit: Auschwitz

Auch ein Teil von Rhoyas Familie kommt aus Polen. Die 23-jährige Rhoya studiert Geschichte an der University of Washington. Ihre Familienmitglieder stammen aus dem Iran, aus England, Polen, Litauen, Österreich, Kanada, Deutschland. Allein über Rhoyas Familiengeschichte ließe sich ein eigener Artikel schreiben. Ihre Taufpatin Eva Schloss zum Beispiel ist Holocaust-Überlebende und Stiefschwester von Anne Frank. Rhoyas Urgroßvater kämpfte in Polens Heimatarmee gegen die Nationalsozialisten, wurde jedoch gefangen genommen und kam in ein Arbeitslager. Sein Sohn betätigte sich ebenfalls politisch und kam nach Auschwitz. 1945 waren sie unter den Glücklichen, die befreit werden konnten und überlebten. Unabhängig voneinander verließen sie Polen und gingen nach England, wo sie sich wiederfanden und beschlossen, den europäischen Kontinent für immer zu verlassen und nach Kanada auszuwandern.

Während Rhoya gern von ihrer komplizierten Familiengeschichte erzählt, hält sich Sami, eine 21-jährige New Yorker Psychologie-Studentin, eher zurück. »Eigentlich kommt meine Familie nicht wirklich aus Polen. Meine Vorfahren stammen aus Litauen und Ungarn. Das einzig Polnische in ihrer Biographie ist leider Auschwitz«, erwähnt sie zwischen zwei Schluck Bier mit Himbeersirup, die sie nach polnischer Manier mit dem Strohhalm trinkt. »Mein Großvater Alfred Friedman und dessen Mutter Dobris überlebten mehrere Konzentrationslager und zuletzt auch Auschwitz – als einzige meiner Familie. Mein Urgroßvater sowie die drei älteren Geschwister von Großvater wurden dort ermordet.« Dieser schwerwiegende Teil der Familiengeschichte ist auch der Grund, warum Sami letztlich nach Krakau gekommen ist. »Okay, um ehrlich zu sein, wollte ich zuerst nach Amsterdam. Aber letzten Endes hat mich das Land, in dem sich das Schicksal meiner Familie entschieden hat, mehr interessiert. Und es ist so viel besser, als ich jemals gedacht hätte!« Hier in Krakau kann Sami durch die rege jüdische Gemeinde, die laut Fremdenführerin stetig wächst, auch ihren eigenen Glauben neu entdecken. Das JCC, das »Jewish Community Center«, im ehemals jüdischen Stadtteil Kazimierz, organisiert jede Woche Shabbat-Dinner, viele Lesungen, Konzerte, Workshops, und Ende Juni das »Jewish Culture Festival«, eines der größten dieser Art in der Welt.

Neue Erfahrungen auf dem »Alten Kontinent«

Zurück in das Land ihrer Vorfahren zu gehen, die eigenen Wurzeln zu erforschen, das ist die Intention vieler Austauschstudenten hier in Krakau, aber auch in ganz Polen. Ihre Vorfahren flohen oder wanderten in die Welt aus, in diesem Fall nach Amerika – ihre Nachkommen dagegen treffen sich an die 100 Jahre später zurück auf dem »Alten Kontinent«. Zusammen mit Studenten aus der ganzen Welt wird polnische Kultur erlebt: Wir trinken Bier mit Himbeersirup in einer der vielen Pijalnias von Kraków, essen Pierogi, tanzen wild zur polnischen Rockmusik der Band »Kult« oder lauschen andächtig der Musik von »Gypsy And The Acid Queen«. Wir fahren mit dem Fahrrad entlang der Weichsel, gehen gemeinsam zur Nacht der offenen Synagogen, sprechen viel über Politik. Dabei entdecken wir gemeinsame Werte, Zukunftsvorstellungen und -ängste und stellen fest, dass sich die Segel vieler Freiheits- und Zukunftssuchenden Richtung Europa drehen. »Ich
weiß, dass in Europa auch nicht alles super läuft. Wenn ich nicht meine Familie in den Staaten hätte, würde ich nach dem Studium trotzdem sofort nach Polen oder Deutschland ziehen«, sagt Walter, dessen Vorstellung schon länger war, nach Europa zu kommen. »Hier kann ich endlich ich selbst sein. Außerdem gibt es hier einfach die besseren Metal-Bands.« Er lacht, und Rhoya nickt. Ihr Plan lautet sowieso: Fertig studieren, nach Großbritannien ziehen und wahrscheinlich für immer dort bleiben. »Ohne Krankenversicherung kann ich nicht in Amerika leben. In zwei Jahren läuft das Programm aus – vielen Dank auch, Trump! Und die grad school kann ich mir dank ihm dann auch nicht mehr leisten, wenn ich noch Jura studieren will. Also was bleibt mir übrig?«

Auf diese halb rhetorische Frage können wir nur die Lippen zusammenpressen, die Schultern nach oben ziehen und den Kopf schütteln, als Zeichen, dass auch wir keine Ahnung haben. Wir einigen uns an diesem Tag darauf, dass wir zusammenhalten müssen, als junge Generation an sich, über Grenzen und Ozeane hinweg. »Auf dass wir Geschichten wie die unserer Vorfahren niemals selbst erleben müssen, na zdrowie!« prostet Sami uns zu, und wir stoßen voller Zuversicht und Entschlossenheit unsere Gläser aneinander.

Über Lena Schraml

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Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 13:38