Mai 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 72 0

Architektur ist Trumpf

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle, denn auch die meist unbekannten Mittelstädte lohnen einen Besuch. Vor einer Weile haben wir schon über Merseburg und Zeitz, über Torgau und Nebra berichtet. Nun ist das ostthüringische Altenburg an der Reihe.

DSC06519_Stadtansicht-mit-Rathaus,-Bartholom+ñikirche-und-Schloss_kk

Foto: Paul Thiemicke

Südlich von Leipzig, sozusagen von Sachsen umarmt, liegt der Landkreis Altenburger Land mit der mehr als 1000 Jahre alten Residenz- und Spielkartenstadt gleichen Namens. Ausgerüstet mit unserem MDV-Ticket machen wir uns über zwei Landesgrenzen hinweg auf, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Für Anfang Mai ist es immer noch recht kühl und diesig, da wird es wohl nichts mit der weiten Aussicht – na was soll«s, wir wollen ja auch nicht das thüringisch-sächsische Landschafts­panorama, sondern die Stadt selbst bewundern. Altenburg ist von Halle aus günstig zu erreichen; die »S-Bahn Mitteldeutschland«, wie die Lautsprecherdurchsage in stets freundlich-unverbindlichem Ton verkündet, bringt uns in einer reichlichen Stunde ans Ziel, vorbei an so interessant klingenden Zwischenhalten wie Neukieritzsch oder Regis-Breitingen. Endlich am Ziel angekommen erwartet uns die erste Überraschung: Statt einer verschlafenen Provinzstation empfängt uns in der 30 000 Einwohner zählenden Stadt ein wahres Schmuckstück von einem Bahnhof; in der verzierten Eingangshalle fühlen wir uns fast ein bisschen ins 19. Jahrhundert versetzt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch beim anschließenden Gang über die Wettinerstraße Richtung Altstadt, die zu beiden Seiten von schön sanierten Gründerzeitvillen gesäumt wird. Zur Zeit ihrer Erbauung war Altenburg immerhin Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg, samt der dazugehörigen feinen Gesellschaft. Fast kann man die Herren in Frack und Zylinder und die Damen in ihren Reifröcken sehen, wie sie hier auf und ab flanierten.

Am Ende der Straße liegt das Lindenau-Museum, in dem unter anderem italienische Tafelbilder und Abgüsse antiker Statuen zu bewundern sind. Hier, am Rande des weitläufigen Schlossparks, erwartet uns auch schon die nächste Überraschung: Altenburg ist hügelig, sehr hügelig. Auf den Satellitenbildern sah das alles irgendwie flacher aus … Nun ja, Bewegung ist gesund, auf geht«s!

DSC06453_Mauritianum-im-Schlosspark

Foto: Paul Thiemicke

Gleich neben dem Lindenau-Museum, versteckt hinter ein paar Bäumen, finden wir das kleine Naturkundemuseum Mauritianum, das uns von der Gründerzeit direkt in den Barock befördert. Weiter geht es hügelaufwärts durch den idyllischen Park, bis wir die Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche erreichen. Hinter diesem 1906 fertiggestellten Bauwerk verbirgt sich eine berührende Geschichte: In Gedenken an seine verstorbene Frau ließ Herzog Ernst I. die Kirche erbauen, in der die beiden nebst ihrem früh verstorbenen Sohn beigesetzt sind. Lassen wir dieses steinerne Symbol einer großen Liebe nun hinter uns – jetzt geht es zur Abwechslung einmal hügelabwärts – und wandern wir weiter durch den Schlosspark, der hier einem dichten Auwald ähnelt. Nachdem wir das barocke Teehaus passiert haben, empfängt uns das Altenburger Schloss in all seiner imposanten Größe. Hier und da sind ein paar Sanierungsarbeiten im Gange, aber das stört uns nicht, denn diese ehernen Mauern strotzen geradezu vor Geschichte. Hier fand im Jahre 1455 die Entführung der späteren Landesherren Ernst und Albrecht durch den Ritter Kunz von Kaufungen statt, seinerzeit ein Skandal mit weitreichenden Folgen, der den adeligen Kidnapper am Ende den Kopf kostete. Seit dem »Altenburger Prinzenraub« hat sich einiges verändert, nun beherbergt das alte Gemäuer das umfangreiche Schloss- und Spielkartenmuseum, in dem man alles über DAS altenburgische Alleinstellungsmerkmal schlechthin erfahren kann: Das Kartenspiel Skat wurde um 1820 hier entwickelt und trat bald seinen Siegeszug durch ganz Deutschland an. Die Altenburger Spielkarten sind bis heute ein Begriff und sogar die deutsche UNESCO-Kommission erklärte 2016 das Spiel zum immateriellen Kulturerbe. Natürlich gibt es für die ganz professionellen Turnierspieler auch ein Schiedsgericht, das von Ostthüringen aus weltweit für Ordnung bei Regeldiskussionen sorgt.

DSC06484_Historischer-Friseursalon

Foto: Paul Thiemicke

Verlassen wir nun das alte Residenzschloss und gehen über eine ganz und gar profane Steintreppe hinunter ins bürgerliche Herz der Stadt. Eins ist sicher: Altenburg ist nichts für Fußlahme. Dafür kann sich der Blick auf dem Landestheater ausruhen, das uns wieder direkt in die Gründerzeit katapultiert. Bevor es auch noch zu regnen anfängt, schnell weiter zum Brühl, dem ältesten Marktplatz der Stadt, auf dem schmucke barocke Häuser den – wer hätte es gedacht – Skatbrunnen umringen. Schon wieder fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt; tatsächlich bekommt man bei einem Spaziergang durch die engen Straßen den Eindruck, dass man ständig kleine Zeitreisen unternimmt. So ist es auch dieses Mal, denn gleich hinter dem Brühl, versteckt in einer Seitenstraße, erwartet uns der historische Friseursalon. Fast vierzig Jahre fristete das kleine Geschäft unbeachtet ein Schattendasein, verstaubte das historische Mobiliar, bevor es die Friseur­innung der Region 2001 durch einen glücklichen Zufall vor dem Verkauf retten konnte. Nun erstrahlen die alten Gerätschaften wieder in neuem Glanz, und der freundliche ältere Herr, der über die Preziosen des Handwerks wacht, ist sofort bereit, uns alles über die jahrhundertealte Tradition der Bader und Barbiere zu erzählen. So erfahren wir unter anderem, dass Friseure noch bis ins 20. Jahrhundert weit mehr taten als »nur« Haare zu schneiden – kosmetische Rundumbehandlungen wurden ebenso angeboten wie ambulantes Zähneziehen. Vor der Erfindung der chemischen Kaltwelle mussten die Frauen bis zu fünf Stunden lange Behandlungen in Kauf nehmen, während nebenan die männliche Kundschaft rasiert wurde. Inmitten der hundert Jahre alten, zum großen Teil noch funktionierenden Maschinen fühlen wir uns erneut in der Zeit zurückversetzt, dieses Mal in die zwanziger Jahre, als man zum Zähneputzen noch Chlorodont-Pulver und mühsam handgefertigte Holzbürsten verwendete.

DSC06506_Rathaus-am-Markt

Foto: Paul Thiemicke

Auch wenn es noch viel mehr über das Friseurhandwerk zu erfahren gibt, müssen wir nun aufbrechen. Weiter geht es zur nahen Bartholomäikirche, die nicht nur wunderschön restauriert wurde, sondern auch die Wirkungsstätte Georg Spalatins, eines Weggefährten Martin Luthers, war. Aus der Zeit von Reformation und Renaissance stammt auch das Altenburger Rathaus am Markt, den wir nun ansteuern. Hier finden wir auch die gründerzeitliche Brüderkirche neben einem mittelalterlichen Fachwerkhaus. Nach all diesen architektonischen Zeitsprüngen ist es nun erst einmal an der Zeit, sich zu stärken, immerhin sind wir schon seit einer Weile unterwegs.

Während wir uns im besten – weil einzigen – Café am Platze ausruhen, haben wir Zeit, die bunten Bürgerhäuser zu betrachten. Wirklich verblüffend, wie gut sich Fachwerk- und Renaissance-, Barock- und Belle-Époque-Bauten zu einem großen Ganzen zusammenfügen, sich die Atmosphäre der Stadt mit jedem Schritt ändert. Bevor sich nun aber allzu große Entspannung breitmacht, wollen wir schnell weiter zur nächsten Etappe, dem Besuch im benachbarten Senfladen. Der Altenburger Senf ist genau wie das Bier wahrscheinlich vielen in Mitteldeutschland ein Begriff, doch mit diesem fängt hier das Warensortiment erst an. Schier unzählige Sorten der Würzpaste kann man kaufen und probieren, vom Chili- über Feigen- oder Bärlauch- bis hin zum türkisfarbenen Trabi-Senf. Hier ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei – vom überbordenden Probiertisch kommt man gar nicht mehr los.

Um einige mittelscharfe Souvenirs bereichert wagen wir zum Abschluss unserer Tour den Aufstieg zum Nikolaikirchturm, der ohne dazugehörige Kirche über den Dächern emporragt. Schon am Fuß des Turms empfängt uns eine neue Architekturkulisse Marke Altenburg. Diesmal sind es die verwinkelten Gässchen mit ihren schmucken Häuschen, die uns in vergangene Zeiten befördern. Verstärkt wird dieser Eindruck noch von den 160 knarzig-wackeligen Holzstufen, die wir auf dem Weg zur Spitze erklimmen müssen. Oben angekommen werden wir allerdings mit einem sehr schönen Ausblick über die Stadt entschädigt. Mittlerweile ist es zwar so diesig, dass das Umland kaum noch zu sehen ist, dafür kommt aber Altenburg selbst noch besser zur Geltung. Von hier oben aus erkennt man noch einmal deutlich, wie harmonisch Architektur und Alltagsleben zueinanderfinden. Unser Blick schweift über die wenigen letzten unsanierten Häuser, die noch an DDR-Zeiten erinnern, über die beiden großen Teiche mit ihrem Inselzoo bis hin zu den »Roten Spitzen«, dem mittelalterlichen Doppelturm eines von Kaiser Barbarossa gegründeten Klosters. Mit dieser Aussicht auf das Wahrzeichen Altenburgs endet auch unser Besuch der Skat- und Residenzstadt. Natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken und zu erleben, doch dazu wagt man am besten selbst die Zeitreise an den Ort, von dem schon der Verleger Friedrich Arnold Brockhaus schwärmte:

»Ich habe in den fünf Monaten meines Altenburger Aufenthaltes geistig mehr gelebt und erlebt, als manchem Erdenkinde im ganzen Leben oft beschieden sein wird.«

DSC06517_H+ñuser-am-Nikolaikirchturm

Foto: Paul Thiemicke

Über Paul Thiemicke

, , ,

Erstellt: 31.05. 2017 | Bearbeitet: 31.05. 2017 18:27