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Schwanger – und dann auch noch vegan? Wie das für Mutter und Kind gut gehen kann, erzählte die Ökotrophologin Laura Gerhardt im Anschluss an den veganen Kaffeeklatsch zwischen Kindergebrabbel und Kuchenduft in der Goldenen Rose.

Foto: Sophie Ritter

Foto: Sophie Ritter

Beinahe alle Plätze im Spiegelsaal in der Goldenen Rose sind am Sonntag, dem 14. Mai, besetzt. Der ein oder andere Zuschauer hat noch ein Stück Kuchen oder Torte auf seinem Teller – das Besondere hierbei: Es handelt sich um veganes Backwerk. Genau darum geht es in dem Vortrag, den die Ökotrophologin Laura Gerhardt hält: Um vegane Ernährung, allerdings mit dem Fokus auf Schwangerschaft, Stillzeit und Kinderernährung. So ist es auch nicht verwunderlich, dass überwiegend junge Familien im Publikum sitzen und konzentriert zuhören, während draußen ab und zu die Straßenbahn vorbei fährt oder einer der Knirpse vor sich hin brabbelt.

Gerhardt kommt gleich zur Sache und räumt mit einer weit verbreiteten Annahme auf, welche sich alle Mütter zu Herzen nehmen sollten: Schwangere essen nicht für eine zweite Person mit, sondern haben lediglich einen um 250 kcal erhöhten Energiebedarf. Somit sollte man auf eine angemessene und ausgewogene Ernährung achten. Die nötigen Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe kann man sich bei veganer Lebensweise beispielsweise durch den Verzehr von Kichererbsen, Süßkartoffeln, aber auch weniger exotischen Lebensmitteln wie Rosenkohl zuführen. Wichtig ist hierbei allerdings auch der um 20% gesteigerte Proteinbedarf, welcher durch Lebensmittel wie Tofu gedeckt werden kann, ebenso müssen mehr langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren konsumiert werden, welche allerdings fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommen, allerdings auch in Leinöl oder Hanfsamen enthalten sind.

Auch während der Stillzeit sollten Mütter sehr auf ihre Ernährung achten, da diese eine wichtige Rolle spielt bei der Zusammensetzung der Muttermilch. Ebenso wie in der Schwangerschaft liegt auch hier ein erhöhter Energiebedarf vor: bis zum 4. Monat um 635 kcal, danach verringert sich dieser auf 525 kcal. Eine weitere Parallele ist der erhöhte Proteinbedarf (2g zusätzliche Proteinaufnahme pro 100 g Milch) sowie die Notwendigkeit einer vermehrten Zufuhr von DHA, einer mehrfach ungesättigte Fettsäure, welche zum Beispiel in Mikroalgen enthalten ist.

Ein besonderes Problem stellt das Stillen dar – zumindest falls dies nicht wie normal bis zum 6. Monat möglich ist und somit auf Säuglingsnahrung zurückgegriffen werden muss. Vegane Mütter können hierbei Säuglingsnahrung auf Basis von Reis (zum Beispiel Prémiriz) oder Soja verwenden, wobei letztgenanntes allerdings kein veganes Vitamin D enthält, welches vor allem für die gesunde Entwicklung des Knochenbaus von Bedeutung ist.

Sobald auch diese Phase vorbei ist, beginnt für die Säuglinge und Kleinkinder der allmähliche Übergang zur Familienkost. Hierbei kann anfangs auf Lebensmittel wie Kartoffeln, Pastinaken oder Blumenkohl zurückgegriffen werden, ebenso eignen sich Äpfel, Birnen und Bananen. Wer es exotischer mag, kann seinem Kind bereits Quinoa oder Amaranth zu essen geben. Wie Gerhardt allerdings betont, sollten vegane Eltern besonders auf eine Sicherstellung ausreichender Energiezufuhr achten, da das Gewicht vegan ernährter Kinder häufig etwas unterhalb der Norm liegt. Später, wenn die Pubertät einsetzt, muss auch hier auf den veränderten Nährstoffbedarf dementsprechend reagiert und die Ernährung angepasst werden – der erhöhte Eisenbedarf beispielsweise lässt sich durch Lebensmittel wie Spinat decken.

Zuhörer, die nun gerne mehr wissen möchten, verweist Gerhardt noch einmal auf weiterführende Literatur, wie zum Beispiel »Vegane Küche für Kinder – Einfach lecker für kleine Entdecker« (Christina Kaldewey) und Websites mit Hilfestellungen für Veganer (Vebu.de, Vegan.at). Ihren Vortrag unterbricht sie an dieser Stelle kurz, um ihr Kind zu stillen – dies wird von den Zuschauern im Raum, die überwiegend ja selbst Eltern sind, mit Verständnis hingenommen und in ungezwungener Atmosphäre wird die Gelegenheit ergriffen, sich kurz auszutauschen. Nach dieser kleinen Pause kommt Gerhardt noch einmal auf Nährstofftests insbesondere für Schwangere, Kinder und Jugendliche zu sprechen. Hierdurch soll vor allem der Haushalt an Vitamin B12, Vitamin D, Vitamin B2, Folsäure und Eisen sowie Jod überprüft werden. Falls die Ergebnisse unbefriedigend ausfallen sollten, ist es nötig, die Ernährung anzupassen und den Test daraufhin nach einem gewissen Zeitraum noch einmal zu wiederholen. Gemäß dem Motto »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« sollen auf diese Weise etwaige Risiken oder gar Schäden durch mangelnde Nährstoffaufnahme vorgebeugt werden.

Doch auch eine abwechslungsreiche vegane Ernährung mit viel Obst und Gemüse bietet nicht alles, was der Körper braucht. Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel seien notwendig, sagt die Referentin ‒ ganz besonders in den Phasen der Schwangerschaft und Stillzeit sowie später bei der veganen Kinderernährung. Den Bedarf an Vitamin B12, das in natürlicher Form nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt, kann man hierbei über speziell entwickelte Zahnpasta, Lutschtabletten oder Spray decken, welches in den Mundraum gesprüht wird. Für die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren eignen sich Kapseln und für die Aufnahme von Vitamin D bestimmte Tropfen. Diese Nahrungsergänzungsmittel sind in Drogeriemärkten, Apotheken oder im Internet erhältlich.

Gerhardt spricht aus eigener Erfahrung: sie selbst lebt schon längere Zeit vegan und davor vegetarisch. Vegane Ernährung, so ihr Fazit, sollte insbesondere in der Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern sorgfältig geplant sein, am besten mit der Hilfe eines Ernährungsberaters. Unter diesen Voraussetzungen stehe einer gesunden Entwicklung des Kindes auch nichts im Weg, im Gegenteil – mit einem Zitat der Veganen Gesellschaft verweist sie noch einmal auf die Vorteile dieser Lebensweise: »Vegan zu leben reduziert Tierleid, ist umweltfreundlich und noch dazu sehr gesund – nicht nur für Erwachsene, sondern genauso auch für Kinder, Stillende und Schwangere.« In ihrem Studium der Ökotrophologie hat sie sich selbst mit diesem Thema beschäftigt und ist zum Schluss gekommen, dass die vegane Lebensweise die gesündeste Form der Ernährung ist – sofern man sich gut damit auskennt.

In der anschließenden Diskussion fachsimpeln die Zuschauer, überwiegend ja selbst vegane Eltern und deshalb sehr informiert, mit der Referentin gemeinsam über diverse Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine. Für Anwesende, die weder vegan noch Eltern sind, womöglich weniger interessant – man gewinnt allerdings den Eindruck, dass diese sich der Verantwortung bewusst sind, die sie für ihre Kinder und deren Ernährung tragen und dieser so gut wie möglich gerecht werden wollen.

Wer allerdings bei der Fragerunde die Beleuchtung kritischer oder skeptischer Töne erwartet, wird enttäuscht. Beim Versuch, von Gerhardt zu erfahren, was sie Kritikern an veganer Lebensweise (insbesondere während der sensiblen Phasen Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei veganer Kinderernährung) entgegenzusetzen hat, springen verschiedene Zuhörerinnen ihr auch gleich zur Seite, um noch einmal zu betonen, dass Veganismus kein Problem darstellt, sofern man sich informiert und sorgfältig plant.

Verschiedene Ernährungsberater und Ärzte raten häufig dennoch eher von dieser Form der Ernährung während Schwangerschaft und Stillzeit ab – so zum Beispiel Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, welcher vor zwei Jahren im Spiegel auf diverse Probleme durch Nährstoffmangel besonders während der Schwangerschaft hinwies. Auch Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler und Autor, verweist in einem Interview mit Telepolis auf die Gefahr eines Vitamin-B12-Mangels. Neurologische Schäden sind die Folge bei Säuglingen und Kindern, sofern es zu einer Unterversorgung mit Vitamin B12 kommt. Gänzlich unumstritten ist das Thema also nicht.

Das Publikum scheint aber zufrieden zu sein mit dem Vortrag Gerhardts und ihren Antworten – zumindest sollten die interessierten Zuhörer nun besser Bescheid wissen über eine angemessene vegane Ernährung in der Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern.

An jedem zweiten Sonntag im Monat treffen sich Interessierte zum veganen Kaffeeklatsch in der Goldenen Rose. Nicht jedes Mal steht ein Vortrag auf dem Programm, doch es ist allemal eine Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen, eine neue kulinarische Erfahrung zu sammeln oder einfach mit Leuten anderer Lebensweise ins Gespräch zu kommen, denn eins ist klar: Die Ansichten über vegane Ernährung sind letzten Endes genauso vielfältig wie das vegane Kuchenbuffet vor Ort.

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 05.06. 2017 | Bearbeitet: 05.06. 2017 16:26