Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

Zwischen Verfall und Chancen

Kaum ein hallischer Stadtteil hat mehr mit Vorurteilen zu kämpfen als Halle-Neustadt. Plattenbauten, verfallene Gebäude, wenig Kultur und eine rapide alternde Gesellschaft. Andererseits ziehen vermehrt auch Studenten nach »Ha-Neu«. Was ist das Besondere an dieser ehemals eigenständigen Stadt ?

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Photo: Alexander Kullick

Ellen Bär lebt gerne in Neustadt, und das seit inzwischen fast 50 Jahren. Die Rentnerin muss nicht lange überlegen, warum. »Man hat hier alles, was man zum Leben braucht. Die Mieten sind nach wie vor bezahlbar, die Lebensqualität ist in Ordnung. Man darf aber auch keine allzu hohen Ansprüche haben.« Man spürt, dass sie den letzten Satz ernst meint. »Die Menschen waren froh, eine Arbeitsstelle und noch dazu bezahlbaren Wohnraum zu finden, man hat bei so einem Angebot nicht zweimal überlegt.«
Wie Ellen Bär ging es vielen Menschen, oft jungen Familien, die in den 1960er-Jahren nach Neustadt kamen. »Ha-Neu«, so die im Alltag oft verwendete Bezeichnung, wurde zu Beginn der 60er-Jahre innerhalb von Monaten künstlich von Stadtplanern und Architekten der DDR am Reißbrett entworfen und aus dem Boden gestampft. Vor allem für die Arbeiter der gut 25 Kilometer entfernten Chemiestandorte Leuna und Schkopau wurde viel Wohnraum benötigt, in dem sich die Mitarbeiter aber auch zuhause fühlen sollten. Dutzende Mehrfamilienhäuser, überwiegend Plattenbauten, entstanden binnen weniger Jahre für Zehntausende von Menschen. Zwischen den einzelnen Wohnblöcken wurden viele Grünanlagen angelegt, die die Attraktivität der neuen Stadt steigern sollten. Tatsächlich war Halle-Neustadt, damals auch als »Halle-West« bekannt, bis kurz nach der Wende eine eigene Kommune und damit Schwesterstadt von Halle. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung Deutschlands lebten fast 90 000 Menschen in der Stadt.
Geblieben sind davon heute weniger als die Hälfte, wofür es verschiedene Gründe gibt.
»Mit der Wiedervereinigung hatten die Leute neue Freiheiten, die natürlich viele nutzten. So zogen, wie aus allen ostdeutschen Städten, prompt Tausende in den Westen«, weiß Bär, die seit 1969 mit ihrem Mann und zunächst auch ihren Kindern an diesem Ort lebt. Ob sich das Zusammenleben seitdem geändert hat ? Ein älteres Pärchen beklagt das fehlende Gemeinschaftsgefühl der Mieter untereinander, das sei früher stärker ausgeprägt gewesen. »Ich denke, das liegt an den verschiedenen

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Lebenseinstellungen der Generationen.« Früher, zu DDR-Zeiten, hätten überwiegend junge Menschen mit ihren Familien in Neustadt gelebt, heute sind diese Menschen meist Rentner, die Kinder oftmals weg. Gekommen sind stattdessen wiederum neue Familien, denen der Bezug zum Ursprung der Siedlung fehle, sowie zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund. »Man hat sich nicht mehr so viel zu sagen, weil man sich eben nicht so gut kennt. Untereinander wird zwar gegrüßt, das ist aber auch schon alles. Beiden Seiten, Jung und Alt, fehlt das Interesse füreinander«, merkt der Mann an, seine Frau nickt zustimmend.
Es ist Freitagnachmittag, die Sonne strahlt vom Himmel. Einer der ersten Frühlingstage im neuen Jahr, die länglichen Gebäude werfen breite Schatten. Sicherlich auch ein Grund, warum viele Neustädter den Tag mit der Familie oder alleine im Freien verbringen. Es kommt nicht gerade der Eindruck auf, dass das »Projekt« Halle-Neustadt der Vergangenheit angehört, dafür versprühen die Leute hier einfach zu viel Lebenslust. Immer wieder wird gesagt, dass es angenehm sei, im nach wie vor größten Stadtteil Halles zu wohnen. Um die Jahrtausendwende wurde Neustadt an das Straßenbahnnetz der Stadt Halle angeschlossen, man ist in 10 bis 15 Minuten in der Altstadt, auch S-Bahn-Anschluss besteht schon länger. Rund um die breite Straße »An der Magistrale«, welche sich durch weite Teile zieht, existieren viele Freizeitangebote. So gibt es eine vor allem bei jungen Menschen und auch Migranten beliebte Skateranlage, ein in eine Einkaufspassage inte­griertes Kino, an dessen Standort schon zu DDR-Zeiten ein solches zu finden war, sowie eine Schwimmhalle.
Wenn man sich unter den Bewohnern Neustadts umhört, fällt auf, dass viele Menschen gar keinen Grund sehen, regelmäßig Fahrten in die Altstadt zu unternehmen. Sie müsse »maximal einen Arztbesuch« im Stadtkern Halles wahrnehmen, viel mehr aber auch nicht, sagt Bär.

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Häuserruinen und mangelnder Mut in Investitionen gefährden den Stadtteil
Doch das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille, Neustadt hat heute mehr denn je mit Problemen zu kämpfen. Nahezu jeder dritte Bewohner bezieht Arbeitslosengeld, jungen Menschen fehlen – und auch das ist nicht allein ein Problem Halle-Neustadts – berufliche Perspektiven. Dazu fällt sofort der enorme Wohnungsleerstand auf. Stadt und Land haben in den letzten Jahren bereits einen starken Rückbau beziehungsweise Abriss von ganzen Blöcken vorangetrieben, welche sonst dem Verfall ausgesetzt wären. In anderen Ecken »Ha-Neus« ist genau das die traurige Realität, es fehlen sowohl Investoren oder Käufer als auch potentielle Mieter. Ellen Bär hat auch hierzu eine deutliche Meinung: »Die goldenen Jahre sind vorbei und werden wohl auch nie wiederkommen. Das liegt daran, dass das Konzept der Stadt nicht für die heutige Gesellschaft angelegt war oder es einfach an Ideen fehlt.«
Andere Anwohner sehen sich vor allem mit vermeintlich kurzfristigen Problemen konfrontiert: »Es werden kaum noch neue Grünanlagen angelegt, stattdessen werden alte entfernt. Dabei waren und sind grüne Flächen doch das, was Neustadt ausmacht«, meint ein älterer Herr. Ebenso wird kritisiert, dass seit Jahren viel zu viel Müll auf den Straßen oder Gehwegen herumliegt, für den sich scheinbar niemand zuständig fühlt. Der Zuzug von Migranten – kein hallischer Stadtteil hat einen höheren Ausländeranteil – wird von einigen eher skeptisch aufgefasst, von anderen aber auch als Chance begriffen. »Man ist dankbar für jeden, der hierher zieht, und wenn die Menschen eine Kultur mitbringen, dann ist das doch grundsätzlich zu begrüßen«, sagt eine junge Studentin.
Darin liegt für viele auch der nach wie vor existierende gewisse Unterschied zur Kernstadt Halles. Neustadt sei demnach seit jeher offen für Neues, während bestimmte Dinge in anderen Stadtteilen eher konservativ betrachtet werden, so zumindest die Meinung einiger Bewohner.
Doch gibt es etwas, das Neustadt einzigartig macht ? Aussagekräftige Antworten auf diese Frage zu finden, gestaltet sich durchaus als schwierig. Gewisse Wandmalereien oder Brunnen seien durchaus bemerkenswert, sowie natürlich der Gründungsmythos Neustadts seit inzwischen fast 60 Jahren. Zwar gibt es in fast allen großen deutschen Städten, vornehmlich im Osten, Gebiete, die Neustadt ähneln; aber dass eine ganze Großstadt innerhalb weniger Jahre Stück für Stück entworfen wurde, ist in Deutschland in dieser Art einzigartig.

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Eine langfristige Perspektive ?
Umstritten – vor allem unter älteren Bewohnern – ist die Antwort auf die Frage, ob man sich noch einmal für das Wohnen und Leben in »Ha-Neu« entscheiden würde, wenn man noch mal jung sei. Verneinungen werden damit erklärt, dass man zu DDR-Zeiten kaum eine andere Wahl hatte, als das Angebot für eine neue Wohnung kam, und dass die Wünsche schon damals etwas anders aussahen – und heute einfacher zu realisieren seien, bei all den Möglichkeiten.
Wiederum andere sind sehr bescheiden und erklären immer wieder, dass man hier doch nach wie vor alles zum Leben findet, und das zu günstigen Preisen. Doch diese Menschen ahnen, dass sie mit einer solchen Einstellung wohl ziemlich alleine dastehen. »Das Anspruchsdenken ist heute einfach ganz anders als damals«, sagt Ellen Bär, die die Frage klar mit »Ja« beantwortet. Die Rentnerin in ihren späten Siebzigern freut sich, dass auch unter Studenten ein gewisses Interesse für Neustadt entsteht, denn nur so sei eine Zukunft dieses etwas anderen Stadtteils möglich – mit dem Zuzug junger, gebildeter Menschen mit Perspektive.
Objektiv betrachtet kann Neustadt nur Bestand haben, wenn die Menschen wieder näher zusammenrücken, das wird von den heutigen Bewohnern am meisten kritisiert. Es muss wieder die Gemeinschaft entstehen, wie sie – zumindest älteren Bewohnern zufolge – vor der Wiedervereinigung geherrscht hat. Dazu müssen Stadt und Land sowie Investoren Mut haben, in Neustadt zu investieren, den Menschen Perspektiven zu geben und den unvermeidbaren Rückbau weiter seriös und langfristig mit System voranzutreiben. Andernfalls werden in wenigen Jahrzehnten, wenn die letzten Menschen der ersten Generation nicht mehr da sind, die Lichter in Neustadt langsam ausgehen.

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 10:58