Dez 2016 hastuUNI Heft Nr. 69 0

Zwischen den Polen

Zwei Studentinnen wollen mit folgendem Plädoyer ein für allemal klären, warum sie tun, was sie eben tun, sich nämlich mit Polen beschäftigen – besser gesagt: Polenstudien studieren.

Das alternative Viertel Krakaus befindet sich im ehemaligen jüdischen Viertel und wird immer beliebter. Foto: Lena Schraml

Für alle, die sich jetzt denken, dass dieser Text bestimmt nur da ist, um Seiten zu füllen, da der Grund für eine Beschäftigung mit Polen ja ganz logisch sei – tja, falsch gedacht. Dafür müssen wir uns zu oft verteidigen, wenn wir das Objekt unseres Studiums nennen. Natürlich sind wir nicht die Einzigen, die sich für ihre Studienwahl erklären müssen. Das geht vermutlich den meisten so, die sich mit etwas Exotischerem, vor allem aus dem Bereich der Geisteswissenschaften, beschäftigen. Aber Polen ist unser direkter Nachbar! Sollte es nicht langsam selbstverständlich sein, sich auch mit diesem auseinanderzusetzen, ihm die Gartentür zu öffnen und ihn auf einen kawka czy herbatka (»Kaffeechen oder Teechen«) einzuladen?
Wenn wir sagen, wir studieren Polenstudien, kommen Fragen wie: »Ah, Polen, okay, interessant, wieso genau Polnisch, hast du Familie da? Kommst du aus Polen?« Chatpartner auf gewissen Onlineplattformen schreiben plötzlich nicht mehr zurück, und jemand hat sogar mal geantwortet: »Ja witzig, du lernst also, wie man Autos klaut, oder?« Ohne Witz, auch wenn es einer sein sollte.
Wir »Polen-Studis« können nachvollziehen, warum viele Menschen meinen, sich nicht für Polen interessieren zu müssen. Polen ist unser Nachbarland, ja, aber haben wir nicht schönere Nachbarn, die auch noch so viel besseres Wetter haben? Oh, dieses charmante Österreich, dieses romantische Frankreich, dieses heißblütige Spanien! Ach, halt, Spanien ist ja gar nicht unser Nachbar. Hat schon mal jemand einen Romanistik-Studierenden gefragt, warum er oder sie Französisch und Spanisch studiere? Ob er oder sie Familie dort hat? Sicher nicht. Diese Sprachen werden nicht mehr infrage gestellt, nachdem ein allgemeiner Konsens darüber herrscht, dass diese »schön« sind.
Dagegen ist das Polnische doch keine Sprache! Man versteht ja nichts außer schschtschsch, oder? Zudem sollen sie ja sehr ausländerfeindlich sein, diese Polen, sogar antisemitisch – und jetzt diese rechtspopulistische Regierung. Da kommt was zusammen. Diese Argumente kennen wir. Aber erstens denken nicht alle Teile der Bevölkerung so, nur ein Bruchteil der Wähler hat diese Regierung gewählt. Differenzierung ist wie immer gefragt. Und zweitens ist das doch erst recht ein Grund, dieses Land nicht »aufzugeben« und die Menschen zu unterstützen, die den Rest der Bevölkerung darstellen, die für demokratische Werte einstehen.
Um Polen besser verstehen zu können, muss man sich mit der Geschichte befassen, die sehr bedeutend ist für mancherlei Stimmungen und Ängste, mit denen nun wieder Politik gemacht wird. Dies soll keine Verteidigung sein für Ausländerfeindlichkeit oder Antisemitismus, nein, sondern ein Plädoyer für mehr Interesse und nicht sofortiges Aburteilen des ganzen Landes, das gerade Ähnliches durchmacht wie viele weit größere Länder dieser Erde. Solidarność!
Die Geschichte Polens birgt eine lange glorreiche Epoche, das sogenannte »goldene Zeitalter« Polens, als es im 16. Jahrhundert zusammen mit Litauen noch das größte Reich Europas darstellte. Sie birgt eine lange, leidvolle Zeit, in der Polen als souveräner Staat über 120 Jahre von der Landkarte verschwand, aufgeteilt unter den Nachbarstaaten Preußen, Österreich und Russland. Aus dieser Periode stammt die Grundangst, wieder von den umgebenden Ländern »isoliert« zu werden. In regierungsnahen Medien ist diese »Bedrohung« allgegenwärtig. Sehr faszinierend ist übrigens der Umstand, dass in der Zeit der Teilungen und auch im Zweiten Weltkrieg die Idee von der polnischen Nation aufrechterhalten wurde durch Literatur, Kunst und Kultur sowie durch die starke Untergrundbewegung, die in Polen besonders ausgeprägt war. Dies nur als kleiner, Neugier weckender Einblick.

Arm in Arm mit polnischer Literatur - die Autorin mit Julian Tuwim in Lodz Foto: Lena Schraml Foto:

Arm in Arm mit polnischer Literatur – die Autorin mit Julian Tuwim in Lodz
Foto: Lena Schraml
Foto:

Abgesehen von der interessanten Geschichte, Kultur und der wunderschönen Sprache (oh ja!) kann man auch in Polen wunderbar Urlaub machen. Selbstverständlich ist es in den typischen Urlaubsländern wie Spanien, Italien, Frankreich oft wärmer, doch auch in Polen gibt es Meer, Berge, Seenlandschaften, schöne Städte, kleine Dörfer. Schon viele »Polen-Newbies«, die keinerlei Erwartung hatten, haben wir dazu gebracht, von Polen begeistert zu sein – allein dadurch, dass wir mit ihnen richtig lecker und dafür richtig günstig essen und trinken gingen, ihnen die im Gegensatz zu den Alpen kaum berührte Tatra im Süden, die polnische Ostsee oder die freilebenden Wisente im Osten des Landes zeigten. Als Wochenendtrip mal eine Tour zu den zu Recht beliebten Städten Krakau oder Warschau zu unternehmen, lohnt sich außerdem immer.
Neben allen – für Polen-Kenner offensichtlichen – Gründen, sich mit dem Land zu beschäftigen, kam für einige von uns auch das Alleinstehungsmerkmal hinzu, das man hat, wenn man beispielsweise den Bachelor Deutsch-Polnische Studien in Regensburg oder eben den Master Interdisziplinäre Polenstudien in Halle als Studiengang erwählt. Die guten Beziehungen zu den DozentInnen und ProfessorInnen sind nur ein Teil davon, der unbezahlbar ist. Es wird jedoch noch viele von uns »Sonderlingen« benötigen, bis mehr Menschen auf die Antwort, was man denn studiere, nämlich Polenstudien, nicht mehr mit: »Hä, wieso das denn?«, sondern mit: »Ahhh, schön!« antworten …

  • Dienstags von 16.00 bis 18.00 Uhr c. t. findet im Melanchthonianum HS XVI die Ringvorlesung »Was Sie schon immer über Polen wissen wollten (oder sollten)« statt. In dieser interdisziplinären Veranstaltung geben die Vortragenden Einblicke in das Polen von gestern und heute, zum Beispiel aus sprach-, kultur-, geschichts- und literaturwissenschaftlicher Sicht.

Über Lena Schraml

,

Erstellt: 16.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 18:15