Okt 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 66 0

Zur Genealogie der Propheten

Mit der Erinnerung ist es wie mit dem Eisessen: Bevor es den Magen erreicht hat, ist es bereits geschmolzen. Und was als Nachgeschmack auf der Zunge zurückbleibt, die Künstlergruppierungen der Nabis und der Fauves, sie gossen es am Scheitelpunkt von 18. und 19. Jahrhundert in Farbe. Konkreter? Abstraktion!

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Malerei: Odilon Redon

Zugegeben, sie schimmert etwas widerspenstig durch den mauvegedeckten Schleier der erleuchteten Post-Impressionisten, die irisierende Farbgewalt der satten Bouquets und der erträumten Horizonte: Die enigmatische Bildwelt des endlich Kolorist gewordenen Odilon Redon, an deren Rändern sich die Wirklichkeit zum Phantasma verklärt, sie will sich nicht recht fügen zwischen die Flüchtigkeit der Bonnard«schen Augenblicke und die kompositorische Strenge eines Félix Vallotton. Im Clair-obscur von Omen und Ekstase nimmt sie Reißaus von den Fesseln der bloßen Gegenständlichkeit und flüchtet sich in Mythen und Symbole – daneben noch Matisse und seine Odaliske? Ein Mund zwischen zwei Ohren!
Und doch: den Kreis der Nabis, die frühen Fauvisten und den Symbolisten katexochen, sie alle eint mehr als ihre Sammler. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts formen ihre unterschiedlichen Stile grosso modo die gemäßigte Opposition zu einem Impressionismus, dessen Kampf gegen die Dominanz der Linie um die Jahrhundertwende längst in Formalismus erstarrt ist. Und wiewohl ihre Werke den Weg in die Klassische Moderne auf leisen Sohlen beschleichen, so sehr muss es als Verfehlung gelten, die unterschiedlichen Bewegungen vor dem Hintergrund der aufkeimenden avantgardistischen Dekonstruktion des Werkbegriffes vorschnell als kontrarevolutionär abzuurteilen. Alleine die radikale Überwerfungstaktik der Vorhut, an deren Miasma der Zerstückelung die Tradition zu zerbersten drohte, die Nabis und die Fauves konterkarieren sie mit sukzessiver Überholung, mit einer Renovation des Impressionismus aus sich selbst heraus und causa sui: In den Naturbildern Vallottons und den Hafenidyllen Albert Marquets verdichten sich die Herbste des impressionistischen Kaleidoskops zu monochromen Farbflächen, denen allesamt der Eindruck einer tiefstehenden Sonne anhaftet. Die hastigen Pinselstrichte Édouard Vuillards und Kerr-Xavier Roussels, sie führen fort, was Vincent van Gogh in der pastosen Rauschhaftigkeit des »Sämanns« begann, und setzen der Aufhellung der Farbpalette die Kraft dunkler, erdiger Töne entgegen. Ihr Nimbus ist der Initialbefund einer Zeit, in der sich Dichtung und Malerei gleichermaßen von ihrer bloßen Darstellungsfunktion lossagen, um eines zu werden: Musik.
Einen gemeinsamen Weg freilich gab es dabei nicht, wohl aber ein gemeinsames Ziel: Das Ex Negativo von der Konvention des Salons. Losgelöst von einenden Aperçus und Manifesten bricht es sich Bahn in kühnen Bildlösungen und Flächen abstrakter Farbigkeit. Wo Gauguin das Heil der Kunst in der fremden Welt der polynesischen Inselregionen suchte, die Nabis und die Fauves fanden es im suggestiven Vorstoß zur inneren Wirklichkeit. In den Portraits und den Akten Vallottons verliert sich der altmeisterliche Stil des Vordergrundes in der Abstraktion hart aufeinanderprallender Komplementärfarben, deren Befreiung von Konturen die Figuren in leere Räumen treten lässt. In den Holzschnitten und Farblithografien bündeln sich die Anleihen aus der japa­nischen Kunst, deren Mehrfachper­spektive den Kubismus prophezeit, und beinahe scheinen in der »Baigneuse de face« Max Ernsts »Plejaden« vorausgeahnt. Die Gemälde Bonnards, des »Nabi très japonard«, sie verkünden die Befreiung des Gegenstandes von der Direktheit seiner Augenerscheinung: Sein »Effet de glace« verzerrt die Wiedergabe der Wirklichkeit durch den indirekten Blick in den Spiegel; der flüchtig erhaschte Moment einer vorübergehenden Passantin, der Stillstand im Fluss einer vorbeirauschenden Kutsche – hier sitzt nicht der Gegenstand, hier sitzt die Erinnerung Modell. Die Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, die in Auszügen noch bis zum 11. September in der Moritzburg gastiert, sie ist kein Paukenschlag, der rücksichtslos aus der Tradition reißt, keine Umwertung aller Werte. Und sie will es auch gar nicht sein. Ihr Gestus ist der Ruhepol zwischen impressionistischer Stagnation und avantgardistischer Unrast, das kurze Aufatmen an der Jahrhundertwende, bevor sich die Kunst in Autoaggressionen aufbäumt, um die Paradigmen von Autor, Inhalt, Form und Stoff aus ihren Werken zu tilgen.

 

Über Pascal Schiemann

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Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 16:22