Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 66 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Im Sommer gibt es nichts, was es mit der Saale aufnehmen könnte, findet zumindest der Hallische Zufall.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Wenig, da ist sich der Hallische Zufall sicher, kann so schnell eine magische, beruhigende und positive Stimmung erzeugen, wie eine sommerliche, langsam vor sich hin fließende, nicht zu schma­le, aber auch nicht zu breite – man muss das Ufer noch deutlich sehen können – Flussbiegung mit braunblauem Wasser. Spiegeln müssen sich darin Felsen und belaubte, grüne Bäume. Die Saaleschleife, nicht weit der Peißnitz flussabwärts, ist so ein Fleckchen Erde, an dem die Welt am besten in Adjektiven beschrieben wird. Die Kinder, die hier toben, würden wohl noch Wie-Wörter dazu sagen, während die Eltern erkannt haben, dass es eben Momente im Leben gibt, wo Thüringer Roster und Pils sich perfekt in die Szenerie einfügen und einfach genossen werden sollen. Es ist ein großes Glück, findet der Hallische Zufall, dass auch die Besitzer der Kioske am Rive-Ufer dies bemerkt haben. Nebenan kann sogar geklettert werden, traditionelle Spaziergänger und Jogger treffen hier auf neue Trendsportler. All das direkt am Fluss, an der Saale.Der Hallische Zufall kann gut verstehen, dass die Hallenser ihrem Fluss so verbunden sind. Nicht nur, dass die Saale im Stadtgebiet die perfekte Breite für einen Stadtfluss hat, nein, schon die Namensgebung: Halle an der Saale. Halle allein, das klingt nackt und beliebig, das klingt provinziell und irgendwie westfälisch. »An der Saale«, das klingt präzise und lässt doch Raum für Phantasie, Lyrik und Entspannung. Der Hallische Zufall jedenfalls liebt diesen sanften Schwung, der dem Doppelvokal innewohnt. Die besondere Wirkung des Namenszusatzes lässt sich auch beweisen: Einfach auf Briefköpfen, Liebesbriefen, Postkarten oder sogar Rechnungen die voll ausgeschriebene Version verwenden: alles sieht sogleich viel freundlicher und angenehm vintage aus.
Was der Hallische Zufall aber noch mehr liebt, sind alte Geschichten. Die Saale hat hunderte davon zu erzählen. Von den alten Fabriken etwa, mit ihrem heute morbiden Charme. Deren Äußeres aus Zeiten, als solche Gebäude noch nicht bloß nach kantigen Wörtern wie Funktionalität und Profitabilität erbaut wurden, sondern im Gegenteil die Fassaden noch schön, repräsentativ und charaktervoll aussahen. Die Brauereien etwa, direkt ans Wasser gebaut, dauerhaftes Zeichen, dass Hallunken und Halloren einem Bier am Wasser noch nie abgeneigt waren. Wenn der Hallische Zufall die Fassade der Freybergschen Brauerei im abendlich stillen Flusswasser sich spiegeln sieht und dann den Geschichten aus früherer Zeit lauscht, dann fragt er ganz ernsthaft, ob das eigentlich geht: in einer Stadt ohne Fluss zu leben.
Natürlich flüstert ihm die Saale auch traurige Geschichten zu, von Zeiten, da das Flusswasser rabenschwarz gewesen sein soll und kein Fisch mehr dort leben konnte. Umso schöner findet es der Hallische Zufall, wenn heute wieder Kinder planschen, junge Leute schwimmen und beobachtende alte Damen flüstern, dass sie das ja niemals gedacht hätten, dass man hier noch mal baden würde können, also wirklich nicht.
Unten am Fluss. Mit Peißnitzinsel ein Mittelpunkt, wo Hallenser grillen, Schulabschlüsse feiern und merkwürdigen Traditionen wie Laternenfesten oder neuartigen Open Airs beiwohnen. Der Hallische Zufall ist oft hier und könnte noch so viel mehr aufzählen, was die Saale zu etwas so Besonderem macht. Und doch gibt es einen Ort, der das Lebensgefühl Saaleflussromantik perfekt beschreibt, denn fraglos ist es eines der schönsten Dinge, im abendlichen Licht oben auf den Lehmanns-Felsen – während im Hintergrund im Park die Glühwürmchen leuchten – auf die Saale und im Horizont auf Hochhaus­schluchten, alte Fabriken und Universitätsgebäude zu blicken. Wenn der Hallische Zufall dabei einen Tee, einen Wein oder ein Bier trinkt und über Leben, Gott und die Welt philosophiert, dann weiß er: Es ist Sommer. Er mag es aber auch, zu träumen und sich an
Josephs Zeilen zu erinnern, die all das schon vor vielen Jahren in Worte fassten:

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Auf  Wiedersehen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 17:44