Dez 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 69 0

Wut in Heterotopia!

Warum ermorden zwei junge Männer elf Redaktionsmitglieder eines französischen Satiremagazins? Was treibt einen anderen dazu, in einem Supermarkt Kunden zu erschießen? Woher kommt diese Wut? Und überhaupt – solche Ereignisse sind grausam genug, muss man die jetzt auch noch inszenieren?

Foto: Falk Wenzel/ Bühnen Halle

Foto: Falk Wenzel/ Bühnen Halle

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek befasste sich intensiv mit den Terroranschlägen, die Paris im Januar 2015 erschütterten. Dabei produzierte sie eine gewaltige Textfläche. Im Rahmen einer Coproduktion bespielt das Ensemble des Neuen Theater die Räumlichkeiten der Oper Halle. Die Zusammenarbeit der besonderen Art bemerkt man bereits bei der Suche nach seinem Sitzplatz. Dieser befindet sich nicht, wie üblicherweise, im Zuschauerrang, sondern im Zentrum der Opernbühne.
Von Beginn an rasen die Spieler über die ersten Seiten ihres Manuskripts hinweg. Hauptsache laut, schnell und enervierend. Ein Publikum, das sich nach ruhigen Tönen sehnt, wird enttäuscht. Wer etwas vom Text verstehen will, kann ihn ohnehin online nachlesen. Aber man muss eben erst mal Energie erzeugen und die Zuschauer mitreißen. Denn packst du die Leute nicht mit deinem ersten Satz, packst du sie nie.
Robin Krakowski und Hagen Ritschel nehmen sich das zu Herzen. Die Brüder im Stück legen einen derart intensiven Testosteron-Wettstreit hin – man will aufstehen, um etwas Vernunft in sie zu rütteln. Das muss man mal im Zuschauer auslösen. Chapeau! Auf der Eintrittskarte steht nicht umsonst: WUT. Dann dreht sich plötzlich der Bühnenteil, auf dem das Publikum sitzt! Preisfrage: Wie teuer ist es, sich so zu fühlen, als würde man in die Synapse einer Literaturnobelpreisträgerin geschraubt werden? Sie können gerne einen Joker anrufen. Wie wäre es mit Bühnenbildner Sebastian Hannak? Er fasste für »Wut« tief in seine Kreativitäts-Trickkiste. Ein einziges Bühnenbild war ihm nicht genug: da stehen vier. Überall hängen Flatscreens, Mikrofone – und alles dreht sich! MacGyver hätte das nicht besser hinbekommen.
Während zwei Spieler auf »Bild eins« (ein römisches Auditorium? Oder der Olymp?) in Becken voller Schaumstoffwürfel (Wolkenbänke?) purzeln, erschreckt einen von hinten bereits das nächste Ensemblemitglied. Man sitzt im Epizentrum von Sebastian Hannaks Konstruktion und weiß schlagartig, warum im Programmheft »Raumbühne: Heterotopia« steht. Pausenlos saust das Ensemble um die Zuschauer herum, etabliert nur schemenhaft Figuren (ähnlich den Geistesblitzen, die in Jelineks Hirn herumspuken?) und nutzt jedes theatrale Mittel, um sich neue Situationen zu erspielen: Kostüme, Dialekte, Multimedia und vieles mehr. Jelineks poröse Textfläche mimt eifrig den Zaubermantel. Geschmeidig hüllt sie sich um das Schauspiel und erzeugt stets eine neue Sinnebene. Supermarkt, Redaktion oder Wohnzimmer: Es ist, als stünde die Autorin – der Star dieses Theater abends – im Raum und würde alles kommentieren.
Was sie auch irgendwie tut. Elke Richter sieht ihr zum Verwechseln ähnlich: Eine Frau, die händeringend nach Erklärungen sucht, aber nur die Überforderung findet. In der Stückmitte hält sie einen herzzerreißenden Monolog: »Ich habe Wut!«
Was bleibt von diesem Abend? Text kann man keinen zitieren – man versteht nicht mal die Hälfte. Aber Wochen später beschäftigt einen noch dieses Gefühl – die Verständnislosigkeit, Überforderung und Wut im Angesicht des Terrors. Es ist tröstlich, dass es kluge Köpfe gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Sie zeigen einem, dass man mit seiner Ratlosigkeit nicht alleine ist. Klar, man könnte das Stück weniger heftig inszenieren, aber die Realität ist nun mal brutal.
Regisseurin Henriette Hörnigk sagte scherzhaft: »Nach dem ersten Lesen hätte ich das Skript gerne an die Wand geklatscht.« Zum Glück hat sie es nicht getan. Möchte jemand wissen, was postdramatisches Theater ist – so setze er sich unbedingt in »Wut«.

  • Vorstellungen am 25. Februar und 3. März 2017, 19.30 Uhr
  • Nachlesen: www.elfriedejelinek.com -> Theatertexte -> Wut

Über Günther Sturmlechner

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Erstellt: 17.12. 2016 | Bearbeitet: 17.12. 2016 15:13