Jan 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 63 0

Wie in der Toskana

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle. Auch die meist verkannten mittelgroßen Städte lohnen einen Besuch. Diesmal ging es in den sonnigen Süden.

IMGP0451kd copy_960

Foto: Julia Plagentz

Die Stadt ist heute in frühherbstliches, warmes Licht getaucht. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, auf den Bürgersteigen türmen sich dicke gelb-orangene Laubberge, die beinah zum Hineinlegen einladen. Mit der Regionalbahn dauert die Fahrt von Halle bis zum Naumburger Bahnhof rund 40 Minuten. Die Strecke führt, von den Leuna-Werken mal abgesehen, vorbei an weiten, grünen Wiesen und bewaldeten Hügeln, alle verbunden durch die sich gemächlich entlangschlängelnde Saale. »Hier ist es wie in der Toskana, bloß näher«, hat Max Klinger einmal gesagt. Das Weinberghaus des bekannten Leipziger Malers und Bildhauers liegt etwas außerhalb der Stadt.


Angekommen in Naumburg, gibt sich der Bahnhofsvorplatz allerdings recht ausgestorben. Es ist Reformationstag. Ein Blick auf die Stadtkarte vor dem Haupteingang zeigt, dass das Zentrum noch gut einen Kilometer südlich liegt. Da könnte man die Straßenbahn nehmen; die einzige Linie, die Nummer 4, beginnt gleich am Hauptbahnhof, hat ganze acht Stationen und fährt die Gesamtstrecke von 2,5 km in dem kleinen historischen Wagon in exakt zehn Minuten. Damit ist sie der kleinste Straßenbahnbetrieb in ganz Deutschland. Laufen erscheint bei diesem Wetter aber verlockender, in einer guten Viertelstunde spaziert es sich gemütlich ins Zentrum.

Naumburg 3 copy_960

Foto: Julia Plagentz

Das mehr als 1000 Jahre alte Naumburg ist Kreisstadt des Burgenlandkreises und zählt etwa 32 000 Einwohner. Mitten im Weinanbaugebiet Saale-Unstrut gelegen, blickt es auf eine bewegte Geschichte zurück, für welche das Wahrzeichen der Stadt, der Dom St. Peter und Paul aus dem 13. Jahrhundert, noch immer steht. Ziemlich durchkommerzialisiert, aber die spätromanisch-frühgotische Kathedrale ist dennoch den Besuch wert. Im Domshop vor der Empfangstheke drängelt sich ein Dutzend Touristen, die meisten davon weit über 60. Mit gültigem Studentenausweis kostet der Eintritt 4,50 Euro, die es sich zu zahlen lohnt. Sowohl das imposante Hauptschiff als auch die Krypta sind architektonisch sehr beeindruckend und stimmungsvoll, zudem sind überall auf Stelen historische Hintergrundinformationen zu lesen. Hauptanziehungspunkt sollte eigentlich die berühmte »Uta von Naumburg« sein, eine der Statuen im Westchor der Kirche. Sie versteckt sich überraschenderweise neben elf weiteren Statuen, man muss sie ein wenig suchen. Sehenswert sind auch der Garten hinter dem Dom und der Kreuzgang mit Innenhof, wo gerade eine Dame im besten Alter Fotos mit ihrem grellgelben Smartphone macht. Es dauert ein wenig. »Ich weiß immer nicht, wo ich da jetzt drücken soll«, sagt sie. Im Dom selbst darf man ohne Erlaubnis nicht knipsen.

Naumburg 9 copy_960

Foto: Julia Plagentz

Nach etwa einer Stunde hat man alles Wichtige gesehen und tritt wieder hinaus auf den überraschend lebendigen Domvorplatz. Ein bisschen erinnert er wirklich an eine toskanische Piazza, mit einigen gut gefüllten Restaurants, vielen vorbeilaufenden Menschen und dem Brunnen in der Mitte. Geht man von hier noch einmal circa zehn Minuten Richtung Osten die kleine Herrengasse entlang, so kommt man zum Marktplatz. Schlendernde Paare, einige junge Leute und kleine Touristengrüppchen, einige davon mit einem Eis in der Hand.
Der Platz präsentiert sich herrschaftlich mit seinen hübsch restaurierten, pastellfarbenen Renaissance- und Barockhäusern. Die zahlreichen Cafés und Restaurants sind auch hier alle gut besucht. Da hat Naumburg Glück gehabt; um Sachsen-Anhalts Innenstädte ist es nicht immer so gut bestellt. Abschließend sollte man dem Nietzsche-Denkmal auf dem Holzmarkt einen Besuch abstatten, der Philosoph hat einige Jahre seiner Kindheit hier verbracht, später lebte er vor allem im Winter seiner Gesundheit wegen in Italien, besuchte seine Familie aber noch häufig in Naumburg.
Nun ist die Dämmerung hereingebrochen, es wird kälter, und Hunger stellt sich ein. Wie so oft ist der Rückweg über Marktplatz und Herrengasse zum Domplatz gefühlt viel kürzer als der Hinweg. Eine urige Gaststube am Domplatz lädt zum Aufwärmen und Stärken ein. Dann grüßt der Dom ein letztes Mal im blau-violetten Abendlicht, während die Sonne langsam hinter den Weinbergen untergeht.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

, , , , ,

Erstellt: 13.01. 2016 | Bearbeitet: 10.01. 2016 19:46