Dez 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 69 0

Welcome to Hallewood

Dass Halle das »einzige salzproduzierende Museum Deutschlands« beherbergt, wissen alle, die regelmäßig Straßenbahn fahren. Doch unsere Saalestadt hat noch viel mehr zu bieten als Salz, den Roten Turm und den Bergzoo: Sie ist nicht nur eine Medienstadt, sondern auch Drehort einiger bekannter Filme. Der Stadtrundgang »Von Zorn bis Hallewood« gibt eine kleine Kostprobe davon, wie viel Potenzial in Halle steckt.

Illustration: Katja Elena Karras

Es ist ein später Nachmittag Ende Oktober, draußen ist es dunkel, und es regnet in Strömen. Ein Tag, an dem die meisten wahrscheinlich zu Hause auf der Couch sitzen, ein gutes Buch lesen oder einen Film schauen. Auch ich sehne mich in diesem Moment sehr nach meiner Wohnung und einer heißen Tasse Tee, doch das Gefühl verschwindet schnell, als ich am Stadtbad ankomme. Ich habe mich für die Stadtführung »Von Zorn bis Hallewood« angemeldet und bin nun sehr gespannt, was ich heute alles über die berühmten Zorn-Verfilmungen und auch über andere Filme, die in Halle entstanden sind, erfahren werde. Im Durchgang zum Stadtbad, geschützt vom Regen, stehen bereits die Stadtführerin und ungefähr zehn weitere interessierte Zuhörer. Es herrscht eine angenehme, freundliche Stimmung, trotz des Wetters. Denn es gibt schließlich gar kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, betont unsere fröhliche Stadtführerin gleich zu Beginn. Sie hat ein großes Tablet dabei, mit dem sie uns während der Führung ab und zu Filmausschnitte oder kleine Beiträge zeigt, die das Erklärte noch anschaulicher gestalten.

Blaulicht, Mord und Totschlag in Halle
Begonnen wird mit den Trailern zur Krimireihe »Zorn«. Stephan Ludwig, selbst Hallenser, ist der Autor der beliebten Buchreihe und landete mit seinen Geschichten rund um Claudius Zorn und seinen Kollegen Schröder auf den Bestsellerlisten. Vier der fünf Bücher sind bereits verfilmt, der vierte Teil »Zorn – Wie sie töten« wurde im April dieses Jahres ausgestrahlt. Der fünfte und bisher letzte Teil »Zorn – Kalter Rauch« erschien im November 2015 als Buch und wird momentan auch wieder in Halle gedreht. Laut Stadtführerin hätte es für die Zorn-Filme keinen besseren Drehort als Halle geben können, weil die Stadt sowohl mit alten, geheimnisvollen Gebäuden als auch mit typischen Plattenbauten dienen könne. Stephan Ludwig macht in seinen Büchern eindeutige Anspielungen darauf, dass es sich beim Handlungsort um die Saalestadt drehen muss – direkt erwähnt wird sie allerdings nie. Dass der oft schlecht gelaunte Zorn, der einem den Eindruck gibt, als würde er gerade in einer Midlife Crisis stecken, und sein Kollege Schröder solche Publikumslieblinge sind, wundert die Stadtführerin nicht. Vor allem der pummelige, immer freundliche und hilfsbereite Schröder, der sich in seiner Stadt pudelwohl zu fühlen scheint, verkörpert ihrer Meinung nach den typischen Hallenser. Die unterhaltsamen Dialoge mit Wortwitz und die beiden Schauspieler Luca und Ranisch in den Hauptrollen machen die Zorn-Reihe schon lange nicht mehr nur für Hallenser zu einem spannenden Lese- oder Filmerlebnis.
Der Regen hat etwas nachgelassen, unser Rundgang führt uns nun in Richtung des Joliot-Curie-Platzes und stoppt kurz im Innenhof des HWG-Gebäudes. Mit einem kurzen Blick auf das Tablet wird schnell klar, welche bekannten Serien-Szenen hier gedreht wurden. Der Innenhof diente dem »Polizeiruf 110« als Polizeipräsidium. In 50 Folgen, von 1996 bis 2013, spielten Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler die zwei Kommissare Schmücke und Schneider. Gedreht wurde natürlich vor allem in Halle. Möglicherweise kann man auch jetzt noch auf neue Folgen des Poli zei rufs hoffen. Denn das Klingelschild des Drehteams, welches seinen Sitz all die Jahre lang im HWG-Gebäude hatte, ist immer noch da …

Medienstandorte in der Saalestadt – früher und heute
Weiter geht es nun entlang der Großen Ulrichstraße. Wir halten vor dem Eingang der »Intecta MotionWorks GmbH«. Beim ersten Blick auf die eher unscheinbare Fassade denkt man nicht, dass es sich hierbei um eines der bekanntesten Animationsfilmstudios Deutschlands handelt und dass diese Firma Filme wie »Der kleine Eisbär 2«, »Lauras Stern«, »Die goldene Gans« und »Prinzessin Lillifee« zu ihren Produktionen zählt. Neben Kino- und Fernsehprojekten entwickelt das Unternehmen ebenfalls Apps und arbeitet eng mit Autoren, Zeichnern und Animatoren aus dem Partnerstudio in Erfurt zusammen.
Nun gelangen wir zur Moritzburg, wo sich zu DDR-Zeiten das damalige »Studio Halle« befand. Der Regen wird wieder etwas stärker, aber unsere Stadtführerin holt trotzdem erneut ihr Tablet hervor, um uns mit Hilfe eines kurzen Videobeitrags und Bildern eine kleine Einführung zu geben. Horst Sindermann, der einst Chefredakteur bei der »Freiheit« war, hatte sich für das Fernsehstudio eingesetzt, und so ging »Studio Halle« 1960 erstmals auf Sendung und prägte die Fernsehabende der Menschen im Osten sehr stark. Das »Studio Halle« produzierte Magazine, Serien und Unterhaltungsshows wie »Moment bitte!« oder »Im Krug zum grünen Kranze«. Letztere Sendung, die durch die volkstümliche Musik vor allem das ältere Publikum begeisterte, verhalf dem gleichnamigen, heute noch existierenden Restaurant zu großer Beliebtheit.
Unser Rundgang endet nun am Multi mediazentrum an der Ankerstraße. Laut der Expertin hat noch kein Gebäude der Stadt die Gemüter der Hallenser so gespalten. Aufgrund des Hochwassers im Jahr 2013 trug das Gebäude, das sich in städtischer Hand befindet, Schäden davon, und es mussten 20 Millionen Euro aufgewendet werden, um den Keller wiederherzustellen. Ein weiteres Manko ist, dass das MMZ voraussichtlich erst im Jahre 2022 schwarze Zahlen schreiben wird. Trotz allem macht das Multimediazentrum die Stadt Halle zu einem der bekanntesten Medienstandorte Mitteldeutschlands. Neben Büroräumen für Firmen und Existenzgründer finden sich im Gebäude auch diverse Veranstaltungsräume und Filmstudios. Seit 2005 hat das Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der MLU dort seinen Sitz und bietet den etwa 500 Studierenden vielfältige Möglichkeiten, sich mit medialen Produkten und Verfahren aller Art vertraut zu machen.
Unser Stadtrundgang schließt nun mit einem kurzen Clip. Es ist ein Interview mit Axel Ranisch, dem es gelingt, eine sehr sympathische Hommage an Halle zu senden: »Wenn die Saale so an mir vorbeiwandert, dann fühle ich mich immer ganz romantisch, dann denke ich an Heine. Ich wohne ja leider in Berlin, aber Halle könnte ich mir auch vorstellen.«

  • www.stattreisen-halle.de

Über Ramona Wendt

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Erstellt: 17.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 18:36