Jan 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 63 0

Von Träumern und Machern

Die Kinder der 80er und 90er Jahre – die sogenannte Generation Y – werden von den Medien oftmals als selbstverliebt und größenwahnsinnig bezeichnet. Haben sich die Prävalenzen gewandelt? Verfolgen die derzeitigen Studierenden in Halle (Saale) Kindheitsträume oder werden ein sicherer Arbeitsplatz und ein ordentliches Gehalt vorgezogen?

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Foto: Anne Beyer

Nicht wenige Studierende überdenken und wechseln ihr Studienfach. Etwas einmal Ausgesuchtes möchte einfach nicht so richtig passen. Laura kennt dieses Unbehagen. In jungen Jahren will sie Floristin werden. Dieser Impuls will nur leider nicht gedeihen. Andere Talente werden abgewägt: In der Schule kann sie in Informatik gute Noten einheimsen, und da die IT-Branche gut bezahlt und viele Stellen bietet, entscheidet sich Laura, Softwarelokalisierung zu studieren. Alles gut und zukunftsorientiert gedacht, doch Freude kommt dabei nicht auf. Um die akademische Laufbahn nicht verlassen zu müssen, sucht sie nach einer doppelt gehaltvollen Alternative: Der Verdienst muss zum Leben reichen, und der Spaß an der Arbeit darf nicht zu kurz kommen. Laura ist den Weg zur Blumenflüsterin zwar nicht gegangen, indes ist es aber beim kreativen Gestalten geblieben. Trotz Zeitverlust bereut sie die Entscheidung nicht und blüht nun als MuK- und Germanistikstudentin auf.


Viele Studierende haben einen ähnlichen Werdegang hinter sich. Beispielsweise studiert Maxine derzeit Soziologie. Nachdem das Denken an ein Reitlehrerin-Dasein verworfen wird, versucht sie sich an Wirtschaft. Sie gibt heute zu, dass die Aufstiegschancen und ein etwaiges hohes Gehalt Gründe für diese Entscheidung waren. Zudem eröffnete sich so die Möglichkeit, ins Familiengeschäft einzusteigen. Auch wenn die Rahmenbedingungen sich schön fügen, scheinen die Inhalte keinerlei Interesse zu wecken. Mittlerweile hat sich ihre Sicht aufs Geld verändert: Dieses könne als Mittel zum Zweck dienen, aber nicht selbst Zweck des Studiums sein.

Zwei Seiten

Den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Absicherung begeht auch Defne. Neben Kunstgeschichte studiert sie Wirtschaft. Die Kunst in all ihren Farben – ob beim Zeichnen oder Fotografieren – begleitet sie seit frühester Kindheit. Defne versucht dennoch, Freizeit und Arbeit ein Stück weit zu trennen; zur Kamera greife sie nur in privaten Momenten: »Der Zauber der Dinge, die einem nah am Herzen liegen, darf nicht verloren gehen.« Da sie auch organisatorisches Talent besitzt, möchte sie die Kunst von außen unterstützen. Vorstellbar wäre ein Beruf im Kunstmanagement, als Kuratorin oder Kunsthändlerin. Das Wirtschaftsstudium erleichtert den Blick vom pars aufs totum. Es bringt ihr Wissen näher, das nötig ist, um die Kunst im großen Ganzen verstehen und lenken zu können.
Beim Interviewen der Studierenden gibt es eine Frage, die ein kurzes Stocken nach sich zieht: die nach den Prioritäten. Es wird zwar versucht, beide Ziele – hohes Gehalt und Spaß an der Arbeit – in einem zu vereinen, doch was zählt letztendlich mehr? Dass auf diese Frage eine allgemeingültige Antwort folgt, ist allein aus praktischen Gründen in diesem Zusammenhang nicht möglich. Trotzdem scheint einem Aspekt Vorrecht eingeräumt zu werden: Auch wenn jeder Studierende in akademischen Kreisen zu finden sein und einen Verdienst erlangen möchte, welcher der universitären Arbeit und der errungenen Abschlüsse gerecht wird, handelt es sich bei diesen Überlegungen des Öfteren um sekundäre. Wichtiger erscheint es, eine Tätigkeit ausüben zu können, die den Talenten und damit auch ein Stück weit dem eigenen Charakter nahekommt. Das, was wir gerne machen, ist ein Teil unserer Persönlichkeit und diesen möchte keiner der Befragten aufgeben. Ein goldener Käfig ist und bleibt eben ein Käfig.

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Illustration: Anne Walther

Das Glück, beide Zielvorstellungen vereinen zu können, ist jedoch nicht jedem beschert. Die Medizin-Studentin Nadja scheint eine dieser Glücklichen zu sein. Zu Kinder- und Jugendzeiten standen die Polizei und die Bundeswehr auf der Arbeitsspeisekarte. So wirklich geschmeckt hat diese Vorstellung nicht, doch die Quintessenz bleibt dieselbe: Nadja möchte sich selbst herausfordern, an ihre Grenzen gehen. Wenn das Herz dabei ist und es auch an Disziplin nicht mangelt, ist diese Manier machbar. Auf den Hinweis, dieser Weg werde kein Spaziergang, entgegnet sie: »Man soll nicht da suchen, wo es schön ist, sondern es sich schön machen.«
Die Einordnung in die zwei Extreme »hohes Gehalt« und »Spaß an der Arbeit« ist natürlich sehr abstrakt. Neben diesen Faktoren beeinflussen dutzende andere unsere Entscheidung für oder gegen ein Studienfach. Offen bleibt, ob attraktiv wirkende Berufe auch in Zukunft ihre elaborierte Stellung behalten oder ob die internetbezogene Welt eher kreativen Branchen Chancen bieten kann. Genauso gut kann es passieren, dass die Wahl eines künstlerischen Studiengangs weder zu Geld noch zu fester Arbeit führen wird. Womöglich kommt es nicht auf die Branche an, sondern darauf, Talent und Disziplin fokussiert umzusetzen und die gegebenen Umstände gezielt für sich zu nutzen.

Über Anne Beyer

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Erstellt: 13.01. 2016 | Bearbeitet: 10.01. 2016 19:47