Nov 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 68 1

Und über allem schwebt die Mir

»Baikonur mon amie«, ein Comic, der auf leichte Art und Weise das erzählt, was in der Vergangenheit liegt und doch in den Köpfen weiterlebt. Eine Rezension.

Grafik: Baikonur mon amie

Grafik: Baikonur mon amie

1989, irgendwo im Norden der Deutschen Demokratischen Republik: Zwischen Plattenbauten und Rinderweiden erleben die drei Freunde Katrin, Hannes und Basti eine recht unbeschwerte Kindheit. Die drei tragen Pionierhalstücher, machen sich aber auch schon mal über Friedrich Engels und matschige Kuba-Apfelsinen lustig. Bastis Familie sieht oft verbotenes Westfernsehen und ist eher unpolitisch; im krassen Gegensatz dazu sind Hannes» Eltern bis ins Mark von der sozialistischen Idee überzeugte, offizielle Stasi-Mitarbeiter.
Katrins Vater ist ein scheuer, aber liebevoller Mensch, der die SED verachtet und Mitglied der heimlichen Opposition ist. Katrin selbst aber hat nur einen Traum, sie will Kosmonautin werden, koste es was es wolle.
Auf den ersten Blick wirkt das 2015 erschienene »Baikonur mon ami« von Sonja Knoll und Michael Rühl wie ein Kinderbuch, mit bunten Bildern und einfacher Sprache in großen Buchstaben. Doch die Kinder, die im Mittelpunkt stehen, sind nicht diejenigen, die das Buch lesen; es sind diejenigen, die es geschrieben haben. Die Figuren mögen mehr oder weniger fiktiv sein, doch ein autobiographischer Bezug der Autoren lässt sich ganz gewiss nicht leugnen. Hier wird die Erinnerung lebendig, ist Rückblick, eine Verarbeitung dessen, was man erst nach Jahren richtig begreifen kann. »Baikonur« ist ein Stück Geschichte, persönliche und politische; ebenso für Erwachsene gedacht wie für Kinder.
Schließlich kommt auch die Spannung nicht zu kurz, denn plötzlich bricht die Welt der drei Protagonisten in sich zusammen: Mit kindlicher Unbekümmertheit entlarven sie in einer einfachen Wandzeitung die sozialistischen Solidaritätsbemühungen mit hungernden Kindern in Nicaragua als Farce. Die Strafe folgt auf dem Fuße, die Zukunftspläne vom Kosmonauten-Dasein lösen sich in Luft auf. Die Katastrophe scheint perfekt zu sein.

Ein gemalter Film
»Baikonur mon amie« hat einen ungewöhnlichen Stil: Blei- und Buntstift sowie gelegentliche Aquarellelemente genügen den Autoren, um die Wendezeit noch einmal auferstehen zu lassen. Es gibt keine statischen Panels, welche die Geschichte in einen abgesteckten Rahmen pressen, keine Farbenexplosionen, die den Leser an Disneyland erinnern könnten. Sprechblasen kommen zwar vor, werden aber fast zur Nebensache degradiert; eigentlich ist »Baikonur« weniger ein Comic als eine Mischung aus mit Illustrationen ergänzten, großen Textabschnitten und filmisch anmutenden Bildfolgen. Mit diesem stellenweise an das alte DDR-Magazin »Mosaik« erinnernden Stil gelingt es den Autoren, eine Brücke zwischen dem Heute und dem Gestern zu schlagen, zwischen Gegenwart und Erinnerung. Und man sieht: Die DDR war keineswegs so grau und düster, wie es einem die eigene Vorstellung vielleicht vorgaukelt. Zwischen den Plattenbauten und verfallenden Altbauhäusern sieht man die Farbtupfer der herbstlich verfärbten Bäume und am großflächigen Nachthimmel meint man die Raumstation »Mir« vorüberziehen zu sehen. »Baikonur« ist nicht einfach nur eine abstrakte Erzählung, es reißt den Leser geradezu mit in den Erinnerungsstrom, in die Welt der Protagonisten. Man weiß nie was als nächstes kommt, Passbilder wie in einem Schulalbum, kindliche Buntstiftmalereien oder ein stimmungsvolles Halbseitenpanel mit Sonnenuntergang. Manche Panels illustrieren den Text, bei ganzen Bildfolgen kommt die Geschichte aber auch ohne Worte aus. Wie die Einstellungen eines Films ziehen sie am Leser vorüber, der da zwischen den Zeilen lesen muss, wo es keine gibt. Den Autoren gelingt es, Gesichter und Landschaften eine eigene Geschichte erzählen zu lassen.

Mosaik der Zeitgeschichte
Die Immersionswirkung ist gewaltig; gerade durch die kindliche Perspektive der Protagonisten bekommt man als Leser einen ganz neuen Blick auf die letzten Monate und Wochen der DDR. Ideologische Förmlichkeiten und Parolen zeigen sich in ihrer ganzen Absurdität und Sinnlosigkeit, doch schwebt auch immer das Damoklesschwert von Stasi-Terror und Parteimissgunst über Hauptfiguren und Leser. Eindimensionalität oder Schwarz-Weiß-Denken sucht man in »Baikonur« jedoch vergebens; vielmehr wird das ganze Spektrum der Gesellschaft abgedeckt, alle Facetten des menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet. Seien es die unbarmherzigen Stasi-Eltern, die nach dem Mauerfall panisch ihre Dokumente verbrennen oder der unscheinbare Physiker mit Berufsverbot, der bei

Oppositionsveranstaltungen zum glänzenden Redner wird. Vor allem aber erzählt »Baikonur mon amie« von einer Kindheit, die von Gegensätzen und Widersprüchen geprägt ist. Die drei Protagonisten rebellieren zwar auf ihre Weise gegen das System, Pioniere sind sie aber trotzdem gerne. Katrin würde für ihren Traumberuf Kosmonautin sogar in die Sowjetunion gehen, begleitet ihren Vater aber auch auf Treffen des »Neuen Forums«. Der Comic ist das komplexe Bild einer Kindheit in einem sterbenden Staat, dessen Vertreter sich umso fanatischer an ihre Ideologie und Parolen klammern, desto offensichtlicher es wird, dass ihre Zeit abläuft. »Baikonur« ist auch ein wenig eine Abrechnung, mit Stasi-Spitzeln und Mitläufern ebenso wie mit der eigenen Vergangenheit. Vor allem aber ist es ein Mosaik aus Charakteren, Zeitumständen und Emotionen, aus kindlicher Lebensfreude, Zukunftsplänen und dem unerklärlichen politischen Umbruch. Historische Ereignisse, besonders solche, die noch nicht lange zurückliegen, kann man wohl nie wirklich begreifen oder erklären. Mithilfe dieses Buches kann man aber zumindest anfangen, sie zu verstehen.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 09.11. 2016 | Bearbeitet: 09.11. 2016 15:42