Aug 2016 hastuUNI Heft Nr. 65 0

Studium ohne Leidenschaft

»Studierst du noch – oder arbeitest du schon ?« – Die Tendenzen von Verwertung und Vereinheitlichung greifen um sich. Auch die Universität, deren Idee eigentlich einmal darin bestand, die Autonomie des Geistes zu wahren, ordnet den Geist zunehmend diesen Strukturen unter. Infolgedessen orientiert sich das Studium der Geisteswissenschaften nicht primär am Erkenntnisgewinn, sondern an der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt.

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Photo: Katja Elena Karras

Was kann an der Universität demotivierender sein als die Teilnahme an einer Statistik-Vorlesung ? Der Besuch bei einem Dozenten oder Professor höchstpersönlich. Wer schon einmal hochmotiviert – das muss sich nicht zwingend von hochverwirrt unterscheiden – mit einem Kopf voller Ideen und dem Ziel der Absprache einer Studienarbeit, zu seinem Dozenten gegangen ist, kennt vermutlich folgende Situation:
Die Studierende sitzt nach mehrstündiger oder mehrtägiger Vorbereitung aufgeregt auf dem Platz vor dem Sprechstundenzimmer. Schnell werden noch einmal die letzten Notizen durchgeschaut, damit das vorbereitete Thema auch möglichst souverän und interessant vorgestellt werden kann. Die Tür öffnet sich, die Studierende betritt den Raum. Die Aufregung steigt: Wie kommt das Thema wohl an ? Wird der Dozent meine Fragen beantworten können ? Kann er mir weiterhelfen ?

Nach einem freundlichen Händeschütteln wird Platz genommen. Die Aufforderung zur Vorstellung des Themas oder zum Stellen von Fragen folgt prompt. Man selber, relativ aufgeregt, redet los. Meist hören sich die Gedanken ausgesprochen nicht so stimmig an, wie sie vorab theoretisch im Kopf vorhanden waren. Generell fällt auf, dass dem Thema vielleicht der rote Faden fehlt. Aber egal. Man ist hier für Hilfe und Beratung. Nach dem ersten Erguss lässt sich jedoch meist am Gesicht des Gegenübers erkennen, dass man heute vermutlich nicht die erste Studentin ist, die ihre wirren Ideen vorträgt. Und auf die Welle an Ideen, die einem gerade aus dem Kopf gefallen sind, folgt von der anderen Seite des Ufers der Staudamm. Ratschläge wie: »Machen Sie es sich nicht so schwer.«, »Sie wissen, dass Sie in zwei Wochen abgeben müssen, also mit Blick auf die Zeit würde ich Ihnen zu etwas anderem raten.«, »Nehmen Sie doch, anstelle von diesem, jenes Beispiel, dazu gibt es auf jeden Fall ausreichend Literatur, und es lässt sich in der Praxis anwenden.« Oder dann wie zuletzt: »Sie müssen die Welt nicht neu erfinden.« Diese Ratschläge (Erzieher wissen: jeder Ratschlag ist ein Schlag) rauben einem Lust und Motivation. Letztlich kommt man sich vor wie ein Idiot und fragt sich, warum man sich die letzten Wochen überhaupt Gedanken gemacht hat. Natürlich muss man die Welt nicht neu erfinden, aber warum eigentlich nicht ?

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Photo: Katja Elena Karras

Form und Wissenschaftlichkeit
Generell steht an allererster Stelle bei der Bewertung der Studienarbeit die Form und die Wissenschaftlichkeit. Form heißt so viel, als dass es zu jedem Thema gleich viel Inhalt gibt und jede Thematik sich im gleichen seitlichen wie zeitlichen Rahmen erschließen lässt. Wissenschaftlichkeit bedeutet in diesem Kontext den Ausschluss von Neuem. Dabei ist es in Teilen sinnvoll, gerade mit Bedacht auf das Arbeitspensum des Dozierenden wie Studierenden, eine Obergrenze für Seitenzahlen festzulegen, aber welchem Satz wird dann das Asyl verwehrt ? Spätestens mit Blick auf die Differenz von Themen erscheint dieser Sinn dann nicht mehr gegeben.
Auch der zeitliche Rahmen rettet bestimmt regelmäßig einige Studenten vor dem Verlieren im Thema und setzt Anreize, wirklich etwas zu Papier zu bringen. Aber wen beschlich noch nie das Gefühl, eigentlich keine Ahnung zu haben, wovon er da schreibt ? Wer hat überhaupt schon mal ein ganzes Buch gelesen ? Wer musste nicht schon oft ein Buch weglegen, weil der Abgabetermin in Kürze bevorstand ? So wichtig auch die Forderung nach einem gewissen Maß von Wissenschaftlichkeit ist, um Studierende davon abzuhalten, sich in Studienarbeiten ihren wirrsten Fantasien hinzugeben und die Arbeit mit ihrem Tagebuch zu vertauschen, so sehr sie auch die Dozenten schützt, sich wirklich jeden Quatsch durchlesen zu müssen – so sehr trägt diese Forderung auch zur Langeweile und Lethargie von Studienarbeiten bei. Der Dozent sieht sich gezwungen, zum hundertsten Mal den Vergleich von Smith und Marx bezüglich ihrer Bewertung der Rolle der Arbeitsteilung durchzulesen, und der Student sieht sich genötigt, dem Ganzen den Anschein von etwas Neuem, Anderem zu geben. Wer hat sich noch nie dabei beobachtet, wie er gute Sätze und Formulierungen in schlechtere abzuändern versucht hat, um sie sich anzueignen ? Natürlich gehört ein gewisses Maß an solch behäbiger Übung und Strukturierung von Gedanken dazu, wenn wirklich einmal etwas Sinnvolles entstehen soll, aber ist diese Form das Maß aller Dinge ? Hat nicht jeden von uns schon einmal das Gefühl beschlichen: Warum mache ich das hier eigentlich alles ?

Das entfremdete Studium
Das Studium ist im Prinzip verfrühte Lohnarbeit. Es wird eine Studienleistung erbracht, nicht der Erkenntnis, sondern der Leistungspunkte wegen. Und diese Punkte, die es eigentlich auch nur als Konstrukt in unseren Köpfen, im Löwenportal und in Bologna gibt, sammelt man bestimmt nicht mit Bedacht auf Erkenntnis, dieser sind solche Punkte herzlich egal, sondern mit Bedacht auf Anerkennung. Anerkennung im zwischenmenschlichen, aber vor allem im materiellen Bereich. Das Studium der Leistungspunkte hat an sich keinen Selbstzweck, sondern es entfaltet seinen Zweck, besonders in der Betrachtung durch die Verwandtschaft (»Und was macht man dann später damit ?«), oft erst im Aufgehen in Lohnarbeit. Hier ist weder der Weg das Ziel noch das Ziel das Ziel. Marx sagte über die entfremdete Arbeit, diese zeichne sich dadurch aus, dass sie »als eine Pest geflohen wird«, sobald sie absolviert ist. Es ist fraglich, ob dies im Studium anders ist. Das Studium ist dem Student nicht eigen. Es wird studiert, um später mal zu existieren, aber es wird nicht existiert, um zu studieren. Dabei sind Bildungsabschlüsse, ähnlich wie die Rahmenbedingungen der Studienarbeit, nicht pauschal ablehnbar. Mit Blick auf vergangene Zeiten sollten sie dem Individuum eigentlich Unabhängigkeit verleihen, da sie es ihm ermöglichen, sich mittels eigener Leistung von bestimmten Gegebenheiten zu emanzipieren. Aber muss jede Leistung mit jeder vergleichbar sein ? Sind Punkte denn alles ? Bei den Weight-Watchers bestimmt. Aber sollten sie es im Studium sein ?

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Photo: Katja Elena Karras

Irgendwas, das bleibt
Nach geraumer Zeit des Studiums blickt man dann zurück und fragt sich: Was habe ich eigentlich gelernt ? Ein Knäuel wüster Theorien, verschiedener Ansätze und mathematischer Zeichen entfaltet sich im Kopf. Alles Dinge, die mal gehört wurden, dann aber getrennt vom eigentlichen Leben neben einem fortbestehen. Sicher soll das Studium Möglichkeiten und verschiedene Ansätze aufzeigen. Im Endeffekt ist es in Teilen schon das, was man selbst daraus macht. Wer aber den Absprung vom bloßen Lehrplan schafft, prallt spätestens am Ende des Semesters in einem Becken ohne Wasser auf, denn dann kommen die Klausuren und Hausarbeiten, die einem Themen aufdrücken, von denen man sich eigentlich verabschiedet hatte. Dann legt der vereinheitlichte Lehrplan die Steine in den Weg, die gerade weggerollt wurden. Deshalb wandert man wie ein Getriebener zwischen Themen hin und her und weiß meist: von allem ein bisschen. Was also nach dem Studium bleibt, sind in erster Linie die Leistungspunkte oder halt auch nicht. Diese imaginieren einem, um es mit Silbermond zu sagen, zumindest das Gefühl von Sicherheit, in dieser Welt, in der nichts sicher scheint, und geben ein bisschen Halt in dieser schnellen Zeit. Doch dann dient das, was im Studium vermittelt wurde, nicht dazu, sein Leben danach oder dagegen auszurichten und dadurch Halt im Sinne von Werten und Idealen zu erlangen; was gelernt wurde, dient der Verwertung. Relevant ist letztlich der Tauschwert des Studiums, nicht der Gebrauchswert. Halt gibt, was davon verwertet werden kann, nicht was daraus gelernt werden kann.

Chamäleon statt Paradiesvogel
Wer letztlich Erfolg im Studium haben will, muss neben einem gewissen Grad an Intelligenz besonders eine Eigenschaft aufweisen: Anpassungsfähigkeit. Selbst wer mit gemächlicher Geschwindigkeit und interessengeleitet studiert, wird irgendwann von Punkten und Praktika eingeholt und muss in seinem Werdegang vom Menschen zum Bachelor o. ä. diverse Stationen durchlaufen, die ihm nicht behagen. Dies mag vielleicht in einem gewissen Rahmen in Ordnung sein, allein schon der Erkenntnis von Präferenzen oder Abneigungen und des Wachsens an Grenzen wegen, aber ist es in diesem Maße notwendig ? Denn auch das Gefühl, durch Konformismus immer wieder das zu bestätigen, was man eigentlich ablehnt, hinterlässt Spuren und ist letztlich eine Form von Zwang und Herrschaft, die in institutioneller Weise ausgeübt wird. Der Drang der Gesellschaft nach Einheitlichkeit und Auslöschung des Individuellen wird in der Hochschule weitergeführt und wirkt in Form von standardisierten Lehrplänen, Regelstudienzeit, Langzeitgebühren, festgesetzter Form von Studienarbeiten, und erhält sich mittels des Anscheins von Wissenschaftlichkeit, indem neue Gedanken abgewertet werden und es darum geht, den immer gleichen Mist nur anders auszudrücken.
Es ist nicht alles schlecht an der Universität, aber vieles. Bildungsabschlüsse können emanzipativ wirken, und die Strukturierung von Gedanken per se ist nichts Falsches, nur sollte diese sie nicht auslöschen. Hinzukommend gibt es auch ein gewisses Angebot an Seminaren, die tiefer gehen, und es besteht Spielraum bei der Wahl von Themen für Hausarbeiten. Doch wird diese Freiheit wieder aufgehoben, wenn versucht wird, jeden Gedanken in dasselbe Korsett zu zwängen oder ihn als unwissenschaftlich zu denunzieren, nur weil er nicht durch eine Autorität legitimiert ist. Auch sind weder alle Studierenden, die Erfolg haben, anpassungsfähige, geldgeile Lakaien, noch sind alle Dozenten desinteressierte Wissenschaftszombies. Zweifelsohne gibt es gute Dozenten, die bestärkend statt bedrückend wirken. Und möglicherweise gibt es Studierende, bei denen Lehrplan und Interesse stark übereinstimmen. Aber eine Kritik der Strukturen von Vereinheitlichung und Verwertung, die innerhalb eines Bereiches bestehen, von dem
zumindest ich mir einmal mehr erwartet hatte, ist notwendig.
Eine Kritik dieser Strukturen ist kein Plädoyer fürs dumme Rumhängen, wobei dies partiell auch ganz schön und wichtig sein kann. Es ist eine Kritik des Zwangs, Dinge tun zu müssen, die man so für sich selbst und sein Leben nicht für sinnvoll hält. Denn auch ein bewusstes, freies Leben und Studieren erfordert Aktivität, nur halt schöner. Weiterhin verliert ein Studium, welches nur dem Zwecke dient, damit irgendwann mal einen Job zu erhalten, das Ziel der Erkenntnis aus den Augen. Wenn die Inhalte des Studiums als getrennt vom wahren Leben, also der »Freizeit«, wahrgenommen werden, dann sind sie wirkungslos. Wünschenswert wäre ein freies Studium, das nicht als Gegensatz zur Freizeit wahrgenommen wird. Ein Studium, das fesselnd und vereinnahmend ist. Ein Studium mit Leidenschaft. Aber die Abwesenheit von genau dieser scheint nötig für Erfolg. Denn wer eine Sache mit Leidenschaft tut, also mit Gefühl, hat so seine Probleme, sich von dieser zu lösen und einfach von Baum zu Baum zu springen. Wer als Chamäleon von Seminar zu Seminar kriechen möchte, soll dies gerne tun, nur sollte es nicht auch von allen anderen erwartet werden. Gerade ist das System zugunsten der Anpassungsfähigen ausgelegt (»Survival of the Fittest«). Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass andere ganz gut durchkommen, aber auch nicht, dass einige verloren gehen.

Verständnis und Selbstbestimmung
Es geht letztlich nicht um die Neuerfindung der Welt, sondern um ihr Verständnis und ihre Veränderung. Den Beitrag, den die Universität dazu leisten könnte, wäre es, dem Einzelnen Zeit und Raum zu geben, sich von der Welt zu distanzieren und sich ihr anschließend in selbstbestimmter Weise wieder zu nähern. Die Universität sollte ein Schutzraum der Gedanken sein und nicht ein Rädchen im Getriebe, das Studium dabei Mittel, um das ganze Getriebe einmal zu hinterfragen. In der gegenwärtig angelegten Form ist es die Fortsetzung der Umstände und des Trotts, die uns schon immer bestimmen. Die Studienzeit sollte aber keine stumpfe Fortsetzung des Bestehenden sein, sondern eher eine Zäsur im Leben, die Reflexion ermöglicht und einfordert, denn der Alltag kriegt uns alle noch schnell genug.

Linda, zu viele Semester, zu wenige Leistungspunkte.

Über Linda Zapfe

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 10:00