Okt 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 68 0

Studierende feiern 100 Jahre Dadaismus

Das studentische Theater DADAZ führte zur Langen Nacht der Wissenschaft Werke der provozierenden künstlerischen Bewegung auf. Und wer war eigentlich Dada Johann Fuchsgang Goethe?

Foto: Nataliya Gryniva

Foto: Daria Resner

Den Auftritt am ersten Juli dieses Jahres eröffnen die acht Studierenden und Dr. Sergej Birjukov, Literaturwissenschaftler und Leiter der Theatergruppe, außergewöhnlich: Sie kommen hintereinander in den Saal und stampfen auf dem Weg zur Bühne laut mit den Füßen. Unterwegs sprechen sie das Gedicht »Karawane« von Hugo Ball. Genauer gesagt sind es einzelne Laute wie »jolifanto bambla o falli bambla« und »großiga m’pfa habla horem«, die das Publikum aus Dozenten, Studierenden und Besuchern am Steintor-Campus zu hören bekommt. Die meisten von ihnen sehen überrascht aus.

Die Dada-Bewegung entstand vor 100 Jahren in Zürich im Cabaret »Voltaire«. Junge Dichter aus Deutschland, Frankreich und Rumänien, darunter Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und Emmy Hennings, schufen vor dem Hintergrund des ersten Weltkrieges eine neue avantgardistische Kunstrichtung. »In erster Linie ging es den Dichtern um einen Protest gegen den Krieg. Sie wollten die Absurdität des Krieges zeigen. Künstlerisch war die neue Richtung mit den avantgardistischen Strömungen jener Zeit verbunden: dem italienischen und russischen Futurismus und dem deutschen Expressionismus«, erklärt Dr. Sergej Birjukov nach dem Auftritt.

Die Gedichte an diesem Abend heißen »tegriroro«, »Sie puppt mit Puppen« oder »Sekundenzeiger« und deuten auf eine weitere Absicht der jungen Dichter hin: provozieren. »Die Dadaisten machen den Skandal zur besonderen Form der Kommunikation. Indem sie das Publikum schockieren, bringen sie es dazu nachzudenken«, sagt Dr. Sergej Birjukov.

In einem weiteren Gedicht von Tristan Tzara erhält der Zuschauer die Anleitung, wie ein dadaistisches Gedicht zu schreiben ist. Man solle eine Zeitschrift nehmen, sich dort einen Artikel auswählen, ihn mit der Schere in Stückchen schneiden und dann die Worte neu zusammensetzen. Eine Technik, die die Dadaisten wörtlich nahmen: Die Collage spielte eine große Rolle in ihrer Kunst. »Die Dichter waren der Meinung, dass die klassische Kunst die Menschheit nicht vor Krieg bewahren konnte.Sie entwickelten originelle Formen wie die Collage, die phonetische Poetik oder die Zusammenführung von Theater und Poesie.« Wie es mit dem Inhalt aussieht, zeigt Maxim, einer der Teilnehmer der Theatergruppe, dem Publikum. Er trägt mit lauter Stimme das Gedicht »An Anna Blume« von Kurt Schwitters vor:

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört (beiläufig) nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – bist
du? – Die Leute sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen
nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die
Hände, auf den Händen wanderst du.
[…]

Foto: Nataliya Gryniva

Foto: Daria Resner

Birjukov erzählt: »Dadaismus existierte nicht lange in Europa. Später setzte sich die Bewegung in den USA fort«, Dada habe aber seine Spuren in der Kunst der Gegenwart hinterlassen. So sei der Surrealismus faktisch aus dem Dada entstanden. Sergej Birjukov selbst schrieb das auf Deutsch und Russisch erschienene Buch »Ja ja, Da da…«, in dem er auf dadaistische Praktiken zurückgreift. Auch die studentische Theatergruppe DADAZ, die der Literaturwissenschaftler 2001 gegründet hat, verdankt der künstlerischen Bewegung ihren Namen.

Eine der teilnehmenden Studentinnen erzählt, dass ihre Freunde sich nichts unter Dada vorstellen konnten, als sie ihnen vom bevorstehenden Auftritt erzählte. Ob die Definition von Hugo Ball geholfen hätte? »Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als auf die konventionelle Sprache zu verzichten, ad acta zu legen. Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal. Dada Dalai Lama, Buddha, Bibel und Nietzsche. Dada m’dada. Dada mhmdada da. Auf die Verbindung kommt es an, und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird.« Das Publikum hat jedenfalls viel gelacht und geklatscht.

»Dada ist 100« – Zum Jubiläum zeigt das Künstlerhaus 188 bis zum 25. Oktober eine Ausstellung mit Druckgrafiken von heute. Geöffnet täglich außer freitags von 10.00 bis 18.00 Uhr bei freiem Eintritt.

Über Nataliya Gryniva

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Erstellt: 16.10. 2016 | Bearbeitet: 23.10. 2016 21:44