Jan 2016 hastuUNI Heft Nr. 64 0

Studiengeflüster

261 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 8: Wie eine Wundererde aus dem Amazonas die Menschheit retten könnte …

hastuzeit-64_druck_40s_Seite_960Unsere Erde wird von mittlerweile 7,4 Milliarden Menschen bevölkert. Sie alle müssen sich ernähren. Das stellt große Anforderungen an den Agrar- und Ernährungssektor weltweit. Der für die Landwirtschaft nötige Boden bietet unsere Lebensgrundlage, dennoch wird er durch die stark intensivierte Landwirtschaft häufig übermäßig beansprucht. Einige der heutigen Böden entstanden teilweise schon vor der letzten Eiszeit, degradieren heute aber innerhalb weniger Jahrzehnte derart, dass sie ihre wertvollen Eigenschaften irgendwann verlieren. Gründe hierfür sind vor allem der übermäßige Einsatz von synthetischen Düngern und Pestiziden sowie der Einsatz schwerer landwirtschaftlicher Maschinen. Bereits 1991 zeigten 38 % der weltweiten Ackerfläche deutliche Degradationserscheinungen.

Der Boden ist bald am Ende

Neben Wasser stellt der Boden die wichtigste Ressource für den Fortbestand des Menschen dar. Natürliche Ressourcen sollten also clever und vor allem nachhaltig behandelt werden. Der Studiengang Management natürlicher Ressourcen an der MLU ermöglicht eine intensive Beschäftigung mit den Ressourcen Boden, Wasser und Pflanze. Das Studium vereint interdisziplinär die Naturwissenschaften Geologie, Biologie, Bodenkunde sowie ökonomische Aspekte.

Im Rahmen diverser Projekte haben sich Studierende und Dozierende der MLU den Möglichkeiten der nachhaltigen Bodenverbesserung gewidmet. Ein besonders interessanter Ansatz ist hier eine »Wundererde« aus dem Amazonas namens terra preta do indio, portugiesisch für »schwarze Erde der Indios«. Sie rettet zwar keine alten Damen aus brennenden Häusern und trägt auch keinen enganliegenden Superheldenanzug, aber es ist nicht vermessen, sie als Supererde zu bezeichnen.

Das Geheimnis der Terra Preta

In den sechziger Jahren stießen Forscher erstmals auf die ungewöhnlich dunkle Erde; in einem Urwaldgebiet, dessen Boden normalerweise an Nährstoffen verarmt und rostfarben ist. Die Terra Preta entstand nämlich nicht natürlich, sondern durch menschliche Hinterlassenschaften der damals dort siedelnden Indios wie Fäkalien, Knochen, Pflanzenkohle und Asche. Die teilweise 6000 bis 11 000 Jahre alte Terra Preta hat ganz besondere Eigenschaften. hastuzeit-64_druck_40s_960übersichtDie in ihr enthaltene Pflanzenkohle hat eine besonders große Oberfläche, beinahe wie ein hochporöser Schwamm, welcher aus chemisch stabilem Kohlenstoff besteht und auf diese Weise als hervorragender Nährstoff-und Wasserspeicher fungiert. Der originale Terra-Preta-Boden existiert allerdings nur im besagten Amazonas-Gebiet. Wie könnte man also das Prinzip auch auf ausgelaugte Böden außerhalb Südamerikas übertragen und hier nutzbar machen?

Lösung für Welthunger und Treibhauseffekt

Im Prinzip kann Terra Preta relativ simpel nachempfunden werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Pflanzenkohle. Für ihr Wachstum entziehen Pflanzen der Luft CO₂, welches nach ihrem Tod wieder in die Atmosphäre freigegeben und als Treibhausgas wirksam wird. Nicht allerdings, wenn die Biomasse über 350° C unter Ausschluss von Sauerstoff verkohlt (pyrolysiert) wird, wodurch reine Biokohle entsteht. Für Terra-Preta-Böden kann beispielsweise Pflanzenmaterial pyrolysiert werden, der Kohlenstoff bleibt in ihm mindestens 1000 Jahre stabil. In Deutschland stellen bereits einige wenige Unternehmen ihre Version der Terra Preta her. Durch die Verbreitung dieser Art von Erde könnte zunehmend auf die übertriebene Nutzung von billigen und schädlichen Kunstdüngern verzichtet werden, da die Pflanzen widerstandsfähiger sind. Momentan ist die deutsche Landwirtschaft aufgrund der einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung vieler Landwirte abhängig von importiertem Kunstdünger aus China. Und das zum Nachteil unserer Böden, welche zunehmend degradieren und irgendwann schlichtweg nicht mehr zum Anbau von Nahrungsmitteln genutzt werden können. Ein Boden nach dem Terra-Preta-Prinzip hingegen könnte eine Lösungsmöglichkeit des Welthungerproblems darstellen sowie eine Reduktion des Treibhauseffekts fördern. Ein völliger Neuanfang ist für den Boden nicht mehr möglich, jedoch könnten Böden nach dem Terra-Preta-Prinzip einiges retten. Ein baldiges Umdenken in der Landwirtschaft wäre dazu unbedingt notwendig.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

Erstellt: 30.01. 2016 | Bearbeitet: 27.01. 2016 11:56