Okt 2016 hastuUNI Heft Nr. 68 0

Studiengeflüster

261 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU; eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 11: Ein kleiner Exkurs in die faszinierende Welt des Fremdsprachenlernens.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Wir alle haben es schon mindestens einmal getan und häufig ruft es sehr unterschiedliche Reaktionen hervor: Das Erlernen einer Fremdsprache. Wer mehr als zwei Sprachen spricht, dem wird häufig ein Sprachtalent attestiert, während andere gern die Ausrede parat haben, Sprachen seien »einfach nicht so ihr Ding«. Schuld daran sind manchmal traumatisierende Erinnerungen an den fremdsprachlichen Schulunterricht. Die Schule scheint so manchem den Enthusiasmus am Sprachenlernen verdorben zu haben.
Ein Problem könnte sein, dass ein hohes Maß an Ausdauer gefragt ist: Wer nicht über Jahre hinweg am Ball bleibt, wird nichts Neues mehr hinzulernen, bereits Gelerntes wieder vergessen und seine Kenntnisse nicht erweitern. Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus besagt, dass ohne systematische Wiederholung innerhalb kurzer Zeit der Großteil des Gelernten vergessen wird und nur ein kleiner Rest noch über längere Zeit hinweg stabil bleibt. Das gilt ebenso für Sprachen.

Denken und Sprechen
Aus dem Dschungel der Sprachen hat sich das deutsche Schulsystem vor allem Englisch, Französisch, Spanisch, Latein und Russisch ausgewählt. In Regel werden bis zum Abitur zwei Fremdsprachen im Unterricht erlernt, denn deutsche Schüler wachsen meist mit nur einer Sprache auf. Einsprachigkeit ist allerdings quantitativ betrachtet nicht der Normalfall, denn deutlich mehr Menschen weltweit leben in mehrsprachigen Kontexten. Schätzungen gehen davon aus, dass momentan 2500 bis 3500 Sprachen existieren. Eine genauere Zählung ist nicht möglich, weil zahlreiche (noch) unbekannte Sprachen existieren und einige andere im Aussterben begriffen sind.
Es ist kein esoterisches Gerede, dass eine neue Sprache immer auch einen Zugang zu einer anderen (Gedanken-)Welt schafft. Die Sapir-Whorf-Hypothese der sprachlichen Relativität besagt, dass die Natur einer Sprache das Denken formt und somit die Wahrnehmung der Welt beeinflusst. Auch wenn sie mittlerweile umstritten ist, enthält sie wahre Elemente: In unserer Muttersprache lernen wir nicht nur zu sprechen, wir lernen auch von Grund auf, in ihr zu denken, denn durch Sprache werden Gedanken erst möglich: Gegenständen und Konzepten werden Laute zugewiesen. Gibt es in einer Sprache kein Wort für etwas, so existiert dieses Etwas auch nicht.
So hat zum Beispiel das Wort »Weltschmerz« seinen Weg ins englische Vokabular gefunden, ganz einfach, weil es dafür keine passende englische Bezeichnung gab. Ein weiteres Beispiel ist Pirahã (sprich: pidahan), die Sprache eines gleichnamigen indigenen Volkes, welches im brasilianischen Amazonasgebiet siedelt. In Pirahã existieren keine Zahlwörter wie »eins«, »zwei« oder »drei«, sondern nur Entsprechungen für »wenige« oder »viele«. Versuche, den Menschen die Zahlen von eins bis zehn oder simple Addition beizubringen, scheiterten kläglich. Sprachen sind also komplexe Kommunikationssysteme und beeinflussen ganz maßgeblich Bereiche wie Logik, Emotion oder Zeitempfinden, also kurz: die Sicht ihrer Sprecher auf die Welt.

Ĉu vi parolas Esperanton?
Welche sind die »schwersten« Sprachen der Welt? Am häufigsten genannt werden Arabisch, Chinesisch (Mandarin und Kantonesisch), Japanisch und Koreanisch, gleich danach folgen meist Isländisch und Ungarisch. Kriterien für den angenommenen Schweregrad sind – für Europäer – ein anderes Schriftsystem, eine sich signifikant unterscheidende Grammatik und die Aussprache.
Eine der einfachsten Sprachen ist Esperanto, eine im Jahr 1887 von dem Polen L. L. Zamenhof konstruierte Plansprache, die vor allem auf romanischen Sprachen basiert und sich durch eine besonders logische Struktur auszeichnet. Esperanto wurde erfunden, um als weltweite lingua franca zu dienen, heutzutage hat diese Stellung allerdings das Englische übernommen, und die Zahl der Sprecher ist überschaubar geblieben.

Eine, sechs oder einhundert Sprachen?
Wenn man sich nicht unbedingt die drei schwersten aussucht, ist es durchaus möglich, mehrere Sprache zu erlernen, so wie der Engländer Matthew Youlden, ein »perfectly normal guy«, der momentan im Internet gefeiert wird, weil er neben seiner Muttersprache Englisch fließend Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Hebräisch, Katalanisch, Irisch und Italienisch spricht. Mehr als ein Dutzend weitere kann er verstehen. Er ist somit ein Polyglott, eine Person also, welche viele Sprachen beherrscht. Eine offizielle Mindestanzahl für »viele« gibt es natürlich nicht. Auch wenn es nicht gleich 100 sein müssen, wie im Falle Sir John Bowrings (interessanterweise ebenfalls ein Engländer), der berühmtesten Persönlichkeit der polyglotten Elite des 19. Jahrhunderts, so werden mindestens sechs als angemessen angesehen. Ziemlich einschüchternd.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Wohlklingende Irrgärten
Es braucht im Grunde kein besonderes »Sprachtalent«, um eine neue Sprache zu lernen. Was es allerdings braucht, ist die richtige Motivation. Ob Freundschaft, Liebe, Beruf oder Faszination für die Zielkultur; Leidenschaft erleichtert das Lernen ungemein. Auch sollte nicht überstürzt, sondern in moderatem Tempo gelernt werden, denn zu schnelles Lernen fördert ebenso schnelles Vergessen. Für langfristigen und nachhaltigen Erfolg ist es sinnvoll, so viele Kanäle wie möglich zum Lernen zu nutzen, beispielsweise (Hör-)Bücher, Zeitschriftenartikel, Songs oder Nachrichtensendungen. Sehr hilfreich für blutige Einsteiger sind auch TV-Werbespots; die Nachricht wird schnell klar und die Sprache ist meist simpel. Natürlich ist Kontakt mit anderen Sprechern der Sprache, beispielsweise mithilfe eines Sprachtandems, ebenfalls sehr empfehlenswert. Sprechen ist die Königsdisziplin des Fremdsprachenlernens.
Wer diese Etappe gemeistert hat, wird feststellen, dass eine Sprache sich gewissermaßen als ein Fass ohne Boden entpuppt und man sie vielleicht nie bis zur Perfektion beherrschen wird; das macht unter anderem auch ihren besonderen Reiz aus. Vielleicht ist es dann an der Zeit, sich einer neuen Sprache zu widmen, denn das Lernen kann durchaus süchtig machen: Jedes unbekannte Schriftwort ist wie ein spannendes Rätsel, jeder kniffelige gesprochene Satz wie ein kleiner wohlklingender Irrgarten.
Sprachenlernen macht einfach Spaß und wird durch schnelle Erfolge und den Zugang zu Menschen sowie deren Kulturen belohnt. Es ist ratsam, möglichst früh zu beginnen, denn leider war die beste Zeit, mit dem Erlernen einer Fremdsprache zu beginnen, für die meisten von uns vor rund 20 Jahren. Die zweitbeste ist jetzt sofort.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 21:50