Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

Sonne für alle

Eine der emotionalsten und gefährlichsten Krankheiten des 20. Jahrhunderts könnte bald ausgerottet sein – und vielleicht sogar Anlass zur Hoffnung geben.

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Illustration: gemenfrei Link: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Poliovirus_binding_receptor_ 1DGI.png

Eine amerikanische Kleinstadt in den 40er-Jahren. Es ist Sommer, der Himmel blau und die Luft angenehm warm, eigentlich perfekt, um die Zeit im Freien zu verbringen. Doch das Schwimmbad ist geschlossen, die Spielplätze verwaist, man sieht kaum jemanden im Freien. Ein Wort macht die Runde, das so manchen in Angst und Schrecken versetzt: Kinderlähmung. Die Menschheit hat in ihrer Geschichte mit vielen Krankheiten Bekanntschaft gemacht, seien es Pest, Cholera, Pocken, Spanische Grippe, Malaria, Ebola oder AIDS. Diese Namen stehen auch heute noch für Leiden und Tod. Doch es gibt auch Krankheiten, die besonders heutzutage weniger bekannt sind. »Kinderlähmung« sagt heute kaum noch jemandem etwas. Noch vor 60 Jahren allerdings war sie der Albtraum aller Eltern. Jährlich wurden tausende Menschen, vor allem Kinder, geschädigt.
Die Poliomyelitis, so der wissenschaftliche Name, begleitet den Menschen schon seit langer Zeit. Sie gehört zu uns wie Kopfläuse oder Bandwürmer. Tatsächlich befällt sie nur Menschen und Menschenaffen. Schon seit Jahrtausenden wird immer wieder von Fällen der Krankheit berichtet, doch epidemisch, also sich schnell und in großer Zahl ausbreitend, wurde sie erst mit dem Bevölkerungsanstieg Ende des 19. Jahrhunderts.
Hervorgerufen wird die Krankheit vom unscheinbaren Polio-Virus, das in die Nervenzellen des menschlichen Rückenmarks eindringt und sie zerstört. Die Symptome können bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausfallen, meistens sind sie jedoch verheerend: Lähmung der Gliedmaßen, später auch anderer Körperteile. Besonders bei Kindern kommt es oft zum Tod durch Atemstillstand, da die entsprechende Muskulatur ausfällt. Die einzige Möglichkeit zu überleben besteht darin, in einer »Eisernen Lunge« künstlich beatmet zu werden, bis die Krankheit überwunden ist.

Aber auch diejenigen, die weniger stark betroffen sind, behalten oft Lähmungserscheinungen in einer oder mehrerer Gliedmaßen, meistens den Beinen, zurück. Durch die zerstörten Nervenzellen verkümmern die Muskeln, deformierte Gliedmaßen sind die Folge. Die Opfer des Polio-Virus sind für den Rest ihres Lebens auf Metallschienen und Krücken angewiesen, oft auch auf den Rollstuhl. Das tückische an der Poliomyelitis ist dabei, dass sie jeden treffen kann, Kind oder Erwachsenen, Vorstandschef oder Fabrikarbeiter. Der Erreger wird durch Nahrung und Flüssigkeiten, aber auch durch Schmierinfektion übertragen. Jedes Schwimmbad, jedes Geländer, selbst eine Hand kann zum Infektionsherd werden. Auch zeigt nur ein sehr kleiner Anteil der Erkrankten unmittelbare Symptome. Die meisten merken nie etwas von ihrer Krankheit, übertragen das Virus aber weiter. Oft zeigen sich erst Jahre oder Jahrzehnte später Anzeichen der Krankheit, wie die berüchtigten Lähmungserscheinungen.

Einer dieser Erkrankten war allerdings anders als die anderen: der spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Seit seinem 38. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt, engagierte er sich besonders für die Bekämpfung der Kinderlähmung. Davon profitierte auch der junge Wissenschaftler Jonas Salk, der an der University of Pittsburgh Anfang der 50er-Jahre an einem Passivimpfstoff gegen die Poliomyelitis forschte. Trotz des Streits mit Fachkollegen und diversen medizinischen Problemen gelang es ihm und seinem Team schließlich 1954, den heiß ersehnten Impfstoff zu entwickeln. Heute ist es üblich, solch kostbare Impfmittel sofort patentieren zu lassen und teuer zu verkaufen, so etwa der Impfstoff des Bayer-Konzerns gegen den Milzbranderreger.
Jonas Salk jedoch antwortete auf die Frage, warum er das Mittel nicht patentieren lassen wollte: »So etwas gehört allen Menschen, genauso gut könnte man versuchen, die Sonne zu patentieren.« Das Mittel wirkte. Schlagartig gingen zuerst in den USA, später auch in Europa die Krankheitsfälle zurück. Ein noch wirkungsvollerer Aktivimpfstoff wurde 1961 entwickelt, sodass schließlich bis Anfang der 90er die Krankheit in Europa und Nordamerika ausgerottet war.

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Photo: gemeinfrei Link: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr_Jonas_Edward_Salk, _creator_of_Salk_polio_vaccine, _at_Copenhagen_Airport.jpg

Im Jahre 1988 stellte sich die WHO schließlich eine historische Aufgabe: Genau wie das Pockenvirus 1980 wollte sie Polio völlig ausrotten. Daher wurde 1998 eine gewaltige Impfkampagne gestartet, die weltweit nach und nach die Poliomyelitis zurückdrängte. Durch diese Anstrengungen ist es seitdem gelungen, die weniger gefährlichen Typen 2 und 3 des Virus fast ganz verschwinden zu lassen; von ehemals über 100 000 Fällen pro Jahr ist die Erkrankungszahl auf nur wenige Dutzend gesunken. Die meisten Länder sind seit den 90er Jahren poliofrei, so auch Deutschland. Die einzigen Rückzugsgebiete des Virus waren 2015 noch Pakistan und Afghanistan. Bereits in den nächsten Jahren könnte das Ziel der Ausrottung erreicht sein.

Doch noch ist es nicht soweit. In den letzten zwei Jahren wurden in den Krisengebieten in Syrien und sogar in der Ostukraine neue Krankheitsfälle bekannt. Das Poliovirus ist vielleicht zäher, als man vermutete. Wenn dem so ist, kann eine wirkliche Auslöschung der Krankheit wohl nur erreicht werden, wenn kontinuierlich überall auf der Welt geimpft wird, wenn jeder Mensch, vom Ureinwohner am Amazonas bis zum Ölscheich, immunisiert wurde. Für dieses Ziel reisen hunderte freiwillige Helfer auf der ganzen Welt umher und riskieren in Krisenregionen sogar ihr Leben, um die Impfdosen zu verabreichen. Zwar könnte schon bald das Ziel der vollständigen Eradikation erreicht sein, allerdings geben nicht nur die jüngsten Krisenherde Anlass zur Besorgnis, auch noch etwas anderes könnte diesen Fortschritt verzögern: Da immer mehr junge Eltern in Amerika und Europa zu Impfgegnern werden, könnte das gerade für Kleinkinder gefährliche Virus eventuell wieder Fuß fassen und erneut für Angst und Schrecken sorgen. Es ist aber auch noch etwas anderes zu vermerken: 2013 behandelte ein Team der amerikanischen Duke-University eine junge Patientin, die unter einem tödlichen Gehirntumor litt. Sie hatte nur noch wenige Monate zu leben. Also injizierten ihr die Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Matthias Gromeier genmanipulierte Polio-Viren, welche die mutierten Nervenzellen des Tumors befielen, zerstörten und das Immunsystem der Patientin auf die Krebszellen lenkten. Der Rest der Nervenzellen blieb unversehrt. Heute erfreut sie sich bester Gesundheit, von ihrem Krebs gibt es keine Spur mehr.
Diese Methode eröffnet eine neue, erstaunliche Perspektive: Vielleicht wird es dem Menschen in Zukunft nicht nur gelingen, eine gefährliche Krankheit auszurotten, sondern auch etwas, dass bisher nur Leid und Tod brachte, zu nutzen, um Leben zu retten und Hoffnung zu schenken.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 10:32