Okt 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 68 0

Softskills im Vorbeigehen

Sich ehrenamtlich an der Uni zu engagieren, ist anstrengend, zeitaufwändig und oft frustrierend. Es lohnt sich trotzdem. Ein Rückblick.

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Illustration: Katja Elena Karras

Fast hätte es diesen Text nicht gegeben. Es ist wieder einer dieser Momente, wo einfach die eine, bestimmte Frage ins Zentrum rückt: Warum und für wen mache ich das hier eigentlich? Der Auslöser für diese Frage ist eine Sitzung des Studierendenrates. Es geht um die Einrichtung eines Aufsichtsrates für die hastuzeit. Der Konflikt ist aufgrund von gegenseitigen Missverständnissen und falschen Grundannahmen entstanden und nun eskaliert. Es geht langsam auf Mitternacht zu, die sachlichen Argumente sind ausgetauscht, es wird unangenehmer, und es werden Vorwürfe ausgesprochen, die das jahrelange Engagement der gesamten Redaktion der Studierendenschaftszeitschrift pauschal entwerten und negieren. Auf die Spitze getrieben von der Aussage: »Eure Illustrationen sind amateurhaft und es gibt ständig Rechtschreibfehler. Ich kenne keinen, der eure Zeitung liest.« Es sind solche Momente, in denen man sich fast ungläubig selbst fragt: Warum und für wen habe ich mich drei Jahre engagiert? Zeit für eine Suche nach dem Warum.

Konflikte sind auch ein Grund für Einsatz
Die Antwort ist eigentlich einfach: Weil es auf den zweiten Blick genau wegen solcher Konflikte, Spaß und Freude macht sich ehrenamtlich zu engagieren. Man setzt sich für eine Sache ein, versucht Widerstände auszuräumen und etwas Neues zu entwickeln. Dass es dabei immer wieder Frustrationspunkte gibt, an denen man die Sinnfrage stellt, ist logisch und in der Natur der Sache begründet. Der oben beschriebene Streit steht exemplarisch dafür warum sich Engagement lohnt. Für die universitären Strukturen, die beteiligt sind, aber auch – und das vergessen viele – für einen selbst. Das Streitthema um das Gremium ist mittlerweile ausgeräumt. Beide Strukturen wurden ein Stück weiterentwickelt und für die Zukunft fit gemacht. Aber auch persönlich kann in solchen Streitigkeiten durchaus etwas Positives mitgenommen werden. Während dieser konfrontierte man sich selbst mit Argumentationsstrukturen, Überzeugungsarbeit, Gendern, juristischer Sprache und sicherlich unbewusst noch einigen Dingen mehr. Wer sich für etwas einsetzt, reibt sich auch an Dingen und lernt neue Sichtweisen und Denkarten kennen. Das kann durchaus spannend, lehrreich und unterhaltend sein.

Workshop statt Baden am See
In den vergangenen Jahren als Redakteur der Studierendenschaftszeitschrift war das spätnächtliche Artikelschreiben und Überarbeiten häufig die Alternative zum dringend benötigten Schlaf. An manchen Wochenenden wurde lektoriert, gelayoutet oder es wurden beim halbjährlichen Workshop die Neulinge eingearbeitet. Man hätte hier und da auch an den See fahren können. Sehr vieles wurde sich mehr zu Herzen genommen, als nötig oder angemessen gewesen wäre. Und natürlich gab es in und außerhalb der Redaktion Reibereien, und man ärgerte sich. Von den zahlreichen stundenlangen Endredaktionen nach einem ohnehin schon langen Uni-Tag gar nicht zu reden. Man müsste wohl von Ehrenämtern jeder Art abraten, wenn man diesen Erfahrungen folgt. Aber die Bewertung kann auch anders ausfallen.

In Interviews lernt man neue Menschen und Motivationen kennen
Beim Schreiben und Formulieren hat man einiges über das Schreiben von Texten gelernt, Methoden zur Überwindung einer Schreibblockade inklusive, und nicht zuletzt auch einige Feinheiten von Microsoft Office. Die Recherche für neue Artikel machte vertraut mit Strukturen und Arbeitsweisen der Universität von Senat bis Fachschaft. Auch die Möglichkeit, über Interviews oder Berichte mit verschiedenen Menschen zusammenzukommen und deren Motivation kennenzulernen, erweiterte Horizont und eigene Überlegungen. Ein Universitätsrektor, der den studentischen Journalisten beim Interview mit aller Professionalität abkochte, gehörte genauso zu den Erfahrungen – am Ende kam ein harmloses Interview heraus –, wie ein neuer Blick auf künstlerische Ausdrucksweisen.
Auch besondere Eigenschaften von Redaktionsmitgliedern wurden zu schätzen gelernt. Ob dies nun die nüchterne, korrigierende Einschätzung ist, wenn man drohte sich zu verrennen, oder schonungslose aber sachlich-ehrliche Kritik. Überhaupt Kritik: Diese angemessen zu äußern und einzustecken, beides sind mit die kompliziertesten Dinge, mit denen man konfrontiert wurde und noch werden wird. Während der Recherche und Redaktionsarbeit kennengelernte Menschen, von denen manche Freunde wurden, sind ohnehin nicht zu vergelten. In Workshops war die Herausforderung dagegen zu motivieren und Erfahrungen weiterzugeben, ohne zu langweilen.

Ehrenamt mit Softskill-Menü all-inclusive
All dies sind positive Erfahrungen und Aspekte des Ehrenamts, bei allen Reibereien und Flüchen, die es auch gab. Bei Sätzen von Kommilitonen, wie krass das sei, dass man dies und jenes noch nebenher mache: Es hat einen Heidenspaß gemacht, und man hat dazu beigetragen, dass etwas weiterentwickelt werden konnte.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der studentisches Engagement so wertvoll macht. Wenn dieser Text seinen Titel »Softskills« bisher noch nicht aufgegriffen hat, dann deshalb, weil es eigentlich bereits die gesamte Zeit auch darum geht. Softskills sind der heilige Gral, den alle Studierenden während ihres Studiums möglichst finden sollen. Wir suchen dafür Motivationscoaches oder Rhetorikseminare auf, machen Kurse in Microsoft Office und sind dabei stets auf der Jagd nach beweisenden Zertifikaten. Dabei soll oft möglichst keine dringend benötigte Lernzeit verloren gehen. Gleichzeitig fehlen immer mehr Initiativen und universitären Gremien interessierte, ehrenamtliche Mitstreiter, die auf mehr als eine Bescheinigung aus sind. Dieser Text soll vor allem ein Fazit aus einigen Jahren ehrenamtlichen Engagements ziehen, aber zusätzlich beschreibt er seit dem ersten Satz, wie am besten besagte Soft¬skills erworben werden können. Im aktiven Einsatz nämlich.
Natürlich soll niemand ein Ehrenamt annehmen, nur um selbst davon zu profitieren. Das wäre nicht Sinn der Sache und würde nicht funktionieren. Es ist aber auch nicht verboten, wertvolle Strategien oder Erfahrungen zu sammeln und auch an anderer Stelle einzusetzen und davon zu profitieren. Vor allem muss ein auf den ersten Blick für die Karriere nutzloses Ehrenamt nicht als zeitfressender Luxus begriffen werden. Das Ganze bleibt zwar ein Hobby, das anderen weiterhelfen und Spaß und Freude bereiten soll. Nutzlos für einen selbst muss es dabei nicht sein.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Es gibt dutzende Möglichkeiten, sich einzubringen
Dabei ist es völlig egal, ob das studentische Engagement nun Studierendenschaftszeitung, Studierendenrat, Fachschaft, Geflüchtetenhilfe, Arbeiterkind-, oder Nachhaltigkeits-Initiative heißt. Die Uni bietet zahlreiche Möglichkeiten, und alle freuen sich über Neugierige und neue Ideen. Und alle bieten genug Aufgaben, Konflikte, Freude, Freunde und Lehrreiches. Es kann sich lohnen, nicht beim ersten Widerstand, den es zweifelsfrei geben wird, aufzugeben. Manchmal hört man dann von sehr unerwarteter Seite beispielsweise ein Lob, und spätestens wenn die Autokorrektur-Funktion im Handy aus dem Namen der Zeitschrift »hastuzeit« eine »Haftzeit« macht, treibt das auch dem gestressten Redakteur wieder ein Lächeln auf die Lippen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 17.12. 2016 15:18