Okt 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 67 0

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Joseph von Eichendorff und Halle verbindet nur die fade Schwelgerei vom Giebichenstein? Weit gefehlt! Zwischen 1805 und 1806 studierte er an der hiesigen Universität und machte dabei Erfahrungen, die in seinem Werk noch lange nachklingen sollten.

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Illustration: Emil Krupa-Krupinski (1899, gemeinfrei)

Die hallischen Jahre Joseph von Eichendorffs mögen auf den ersten Blick als wenig bedeutsames Intermezzo in der Biographie des geradezu protoromantischen Dichters erscheinen, als Jahre des poetischen Schlummers, aus dem wach zu küssen ihn – so man seinen autobiographischen Zeugnissen denn Glauben schenken darf – erst die »prächtige Romantik« Heidelbergs vermochte. An der hallischen Friedrichsuniversität, die in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts knapp 1000 Studierende fasst und an der er sich im Sommersemester 1805 für ein Studium der Rechtswissenschaften immatrikuliert, verbringt er nur drei Semester; aus den Ferien in der schlesischen Heimat im Sommer 1806 kehrt er nicht mehr nach Halle zurück: Nach dem Sieg der napoleonischen Truppen auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt langt die Grande Armée noch im Frühwinter 1806 in Halle an, wo Napoleon auf die Unruhen der Studentenschaft mit deren Verbannung aus der Stadt und der Schließung der Universität reagiert. Eichendorff und mit ihm viele andere verschlägt es zur Fortsetzung des Studiums nach Heidelberg – die Saalestadt wird er erst im hohen Alter wieder erblicken. Die literarischen Zeugnisse der hallischen Zeit sind rar gesät, liegt sie doch noch Jahre vor der Erweckung Eichendorffs zu einem der meistvertonten deutschsprachigen Lyriker.

Stattdessen offenbart sich uns der junge Eichendorff in seinem reichhaltigen autobiographischen Schrifttum: In den Tagebüchern, welche er von November 1800 bis in den März 1812 mit großer Akribie pro memoria führt und in deren Reisebeschreibungen sich bereits der goldene Ton der späten Novellen mischt, sowie in den in Halle und Heidelberg festgehaltenen späten Erinnerungen an seine nunmehr fünf Dekaden zurückliegende Studienzeit, auf denen der verklärende Firnis der Rückblende mit aller Schwere lastet: Es ist der späte Eichendorff, der hier zu Worte kommt und der, das ergraute Dichterhaupt noch einmal in den Fluss der Mnemosyne tauchend, die Wahrheit a-létheia sucht, um nur die Ideale der Jugend noch auf seinem Grund zu finden – das Heidelberger Triumvirat von Joseph Görres, Achim von Arnim und Clemens Brentano jedenfalls bleibt gleich der von Eichendorff ersonnenen Idee Heidelbergs als einem späten Epizentrum der Romantik eine phantastische Erfindung des Alters.

Und doch, es scheint ein Funken Wahrheit daran zu sein, wenn Eichendorff Halle und seine Umgebung in Halle und Heidelberg zwar im Wesentlichen als »unfreundlich« charakterisiert, dem reichardtschen Garten und der »verwilderten Einsamkeit des Gibichensteins« aber nichtsdestotrotz eine romantische Stimmung attestiert, in welcher er eine »ganz artige Werkstatt für ein Dichterherz« gefunden zu haben glaubt. Denn tatsächlich ist die frühe Studienzeit in Halle prägend für die Entwicklung des Lyrikers: Die Naturerfahrungen des (damals noch außerhalb der Stadt gelegenen) Giebichensteins und »des schwartzen berühmten Selkethals«, welches er gemeinsamen mit seinem Bruder Wilhelm während ihrer Reise nach Hamburg mit Schaudern erblickt; die ausgiebige Beschäftigung mit den literarischen Vorbildern, mit Novalis und dem »göttlichen« Goethe, den er bei einer Aufführung im nahegelegen Bad Lauchstädt leibhaftig zu Gesicht bekommt; und nicht zuletzt die Ideale der akademischen Romantik, wie er sie in den Vorlesungen und den Schriften Heinrich Steffens entdeckt – all dies wirkt stark auf das Gemüt des jungen Dichters und wird sich bis zum Ende wirkungsmächtig in seinen Werken niederschlagen.

Das ausgiebige Studentenleben indes spaltet ihn: Im Halle des frühen 19. Jahrhunderts genießen die Studenten ein rechtes Ansehen unter den »Dutzbrüdern« und »Philistern« der Hallenser, sie beherrschen den breiten Stein (also jenen Teil der Straßen, der mit größeren Steinen gepflastert ist und sich folglich beim Gehen angenehmer ausnimmt) und werden in Gasthäusern und Nachtlagern nicht selten hofiert. Die ärmere hallische Bevölkerung, die sich ihren Lebensunterhalt zu einem großen Teil unter widrigen Bedingungen in den hiesigen Spinnereien erwirbt, weiß um die finanzielle Abhängigkeit der Region von den Studenten, die oft aus reichem Hause stammen oder – wie die Eichendorffs – dem Adel angehören. Anfänglich noch begeistert von den landsmannschaftlichen Bräuchen und Saufgelagen, von den prächtigen »Burschenwiks« und den akademischen Traditionen, ergreift ihn schon bald eben jenes Sehnen nach der familiären Geborgenheit der schlesischen Heimat, welches ihn sein ganzes Leben nicht mehr loslassen wird. Während er dem studentischen Männergehabe und dessen Kardinaltugend einer verklärten Ritterlichkeit schnell entwächst, ist es vor allem die Begegnung mit der Musik, die aus den hallischen Jahren in seinem Werke nachklingen wird: In seinen Novellen (und nirgends stärker als im Taugenichts) begegnet sie uns als Ab­straktum der Natursprache, deren Sphärenharmonie sich als himmlische Melodie durch den Äther zieht und deren Anleihen Eichendorff in Halle in den Schriften Wackenroders und Tiecks (Franz Sternbalds Wanderungen) gefunden haben mag. Und kaum darf man es einen Zufall schelten, wenn der junge Taugenichts den väterlichen Hof nicht ohne seine Geige zu verlassen gedenkt, um bei jeder sich bietenden Möglichkeit auf ihr zu musizieren.

Die zahlreichen Opern- und Konzertbesuche während seiner Hamburgreise, in Passendorf und in Bad Lauchstädt – im pietistisch geprägten Halle freilich war es um derlei frivole Genüsse weit weniger gut bestellt – mögen den jungen Lyriker in ähnlichem Maße dazu inspiriert haben wie das private und öffentliche Musizieren seiner Kommilitonen, dem er in Halle immer wieder beiwohnt. Zum Kreise seiner Studienfreunde in Halle zählt auch ein gewisser Joseph Forche, mit dem Eichendorff bereits während seiner Breslauer Schulzeit in Kontakt steht und über deren Person sich die Eichendorff-Forschung mit erstaunlich wenigen Fußnoten bedeckt hält. Forche, der Sohn eines aus dem heutigen Vidnava (siehe Abbildung: »Weydenau in K. K. Schlesien«) stammenden »Geschmeidhändlers«, schreibt sich am
7. November 1805 wie Eichendorff für ein Jura-Studium an der Friedrichsuniversität ein. In den Tagebucheintragungen Eichendorffs taucht sein Name immer wieder in musikalischen Kontexten auf. So etwa am 24. Juni 1806, an dem Eichendorff notiert: »Abends auch in einem Klavierkonzerte gewesen, das H. Forche auf dem Rathskeller gab, u. wobey das Publikum aus lauter Studenten, u. – 4 Damen bestand.«

Obgleich es Spekulation bleibt, so scheint es doch nicht abwegig, dass Eichendorff in Joseph Forche einen wichtigen Katalysator seiner musikalischen Interessen fand. Forches Spur verliert sich nach der Schließung der Friedrichsuniversität in den Wirren des Krieges: Am Jahreswechsel 1806/1807 verlässt der »alte treue Kumpan und Freund« den Wirkungskreis Eichendorffs, um erst der schlesisch-preußischen Armee des Fürsten von Pleß, später den österreichischen Truppen beizutreten.
Die hallischen Jahre Joseph von Eichendorffs, sie bleiben ein Intermezzo. Ein Intermezzo aber von Gewicht, eines, wie Brahms sie schrieb – eine Bagatelle im Sinne des späten Beethoven. Die großen Novellen und Erzählungen, die Romane und die so zentralen Gedichte freilich, sie liegen zwischen 1805 und 1806 noch in weiter Ferne. Die hallische Studienzeit Eichendorffs aber mag ein Steinchen im Mosaik der Erweckung zum eben jenem Lyriker sein, in dem Adorno später den »Dichter des Heimwehs« wiederfinden sollte.

Über Pascal Schiemann

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 17:58