Jan 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 63 0

Reden ist Silber, Machen ist Gold

Miriam* engagiert sich privat und jenseits von Institutionen als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. So einzigartig und positiv ihre Geschichte auch ist, ihre Erfahrungen mit Organisationen der Flüchtlingshilfe sorgen für einen faden Beigeschmack.

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Voneinander lernen: Miriam und Sally

Sie ist verheiratet, hat Job, Kinder und Eigenheim – eine solide Basis für ein angenehmes Leben. Doch die Gewissheit, dass andere Menschen unter größten Strapazen nach Deutschland kommen und dann auf sich allein gestellt einen Kulturschock bewältigen müssen, hielt sie schon einige Zeit vom entspannten Zurücklehnen ab. Zwei Jahre hat sie versucht, in die organisierte Flüchtlingshilfe hineinzukommen. Sie wollte vor Ort anpacken und direkt den Menschen helfen, die Unterstützung brauchen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie frustriert feststellen musste, dass ein »Hier bin ich, was kann ich tun?« im Bürokratie­dschungel der ehrenamtlichen Organisationen nicht funktioniert. Doch dann kam Sally*.

Der Anfang einer wunderbaren Freundschaft

Im April dieses Jahres fuhr Miriam mit dem Auto gerade zu einem geschäftlichen Termin, als sie vom Blick der hochschwangeren Frau getroffen wurde. Mit zig Taschen bepackt stand Sally vor dem bereits geschlossenen Umsonstladen und blickte hilflos auf die vorbeifahrenden Autos. Miriam traf der Anblick, doch ihr Pflichtbewusstsein gewann: »Los, weiterfahren, du bist spät dran, der Kunde wartet.« Tat er aber nicht, Miriam wurde mal wieder versetzt. Als Sally auf dem Rückweg noch immer alleine dastand, fasste Miriam endlich den Entschluss und hielt an.

Da die aus Benin stammende Sally weder Deutsch noch Englisch sprach, war für Miriam das Heimfahren eine Odyssee durch Halles Straßen. Doch dank pantomimischen Höchstleistungen beider Seiten erreichten sie schlussendlich das Asylheim, in dem Sally damals untergebracht war. Da Miriam noch wie selbstverständlich beim
Hereintragen der Tüten half, sah sie zum ersten Mal ein Asylheim von innen. Der Anblick der winzigen Zimmer, die rudimentär mit Doppelstockbetten und alten Metallspinden eingerichtet waren, schockierte sie. Mechanisch fuhr Miriam nach der Aktion nach Hause und fühlte sich, als käme sie gerade aus einer anderen Welt. »Sobald Sally im Auto saß, schaltete sich mein Denken ab. Erst auf dem Heimweg realisierte ich, was gerade passiert war … und dass ich Sally wiedersehen wollte.«
Die Geschichte liegt gerade mal acht Monate zurück, doch in der Zwischenzeit ist viel passiert. Heute hilft Miriam intensiv fünf Flüchtlingen. Hinzu kommen spontane Aufgaben, wie Spendenunterstützung und Weitervermittlung, für die sie zum Beispiel von Leitern der Asylheime angefragt wird. Sally zählt zu ihren engsten Freunden und wohnt mittlerweile mit ihrem Kind und Mann in einer eigenen Wohnung.
Mit einem Leuchten in den Augen erzählt Miriam von den schönen Momenten, die aus dem Kontakt zu Flüchtlingen hervorgehen. Als eine Bereicherung ihres Alltags empfindet sie auch die kulturellen Unterschiede, die manchmal kuriose Situationen zur Folge hatten. »Integration heißt für mich nicht, dass die hiesige Kultur aufgezwungen und übernommen werden muss, sondern dass die Kulturen nebeneinander existieren und voneinander lernen können.«
Doch es gibt auch eine Schattenseite ihres privaten Engagements: Seit dem Kennenlernen von Sally sinkt Miriams Vertrauen in die organisierte Flüchtlingshilfe beständig. Bürokratische Hürden, Sprachbarrieren an offizieller Stelle, Unübersichtlichkeit, Zählebigkeit der Organisationen und der Unterschied zwischen »helfen wollen und wirklich helfen« – all das hat sich negativ in
Miriams Gedächtnis eingebrannt. Daraus resultierend sagt Miriam heute mit einem bitteren Unterton: »Ich gehöre keiner Organisation an, und das ist auch gut so.«

Social Happening

Eine der vielen gravierenden Enttäuschungen war die Spendenaktion kurz nach der Geburt von Sallys Sohn. Mit einem Hilfegesuch hatte sich Miriam an die Öffentlichkeit gewandt, um die so dringend benötigten Babysachen organisieren zu können. Es dauerte nicht lange, bis ein hallisches Unternehmen sich dem Problem annahm und einen Spendenaufruf an seine Kunden startete. Wenige Tage darauf wurden die Sachspenden säckeweise vor Miriams Haustür abgeliefert. Doch von Erfolg gekrönt war die Spendenaktion laut Miriam nicht: »Die Sachen waren vollkommen unsortiert. Ein Großteil davon war Müll: verschimmelte Taschen, dreckige, abgetragene oder mottenzerfressene Kleidungsstücke, und kaum etwas davon war für Jungs.« Während das Unternehmen öffentlich für das Engagement gelobt wurde, verbrachte Miriam mehrere Tage damit, die Spenden zu sortieren, einen Teil der benötigten Babysachen aus privatem Kreis zu organisieren und die noch verwertbaren Sachspenden im Umsonstladen abzugeben.

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Deutschstunde zu Hause

Gerade im Hinblick auf die öffentliche Darstellung überkommt Miriam oft das Gefühl, dass die Flüchtlingskrise von vielen als »social happening« – ein Sehen und Gesehenwerden – wahrgenommen wird. »Ich habe viel über Menschen gelernt. Manchmal mehr, als mir lieb ist.« Während ein Teil der Ehrenamtlichen in aller Stille in einem Berg von Arbeit erstickt, gibt es Helfer, die aus der Flüchtlingskrise profitieren oder sich selbst besser darstellen wollen.
Hinzu kommt die von den Organisationen geschaffene Distanz zwischen Helfern und Flüchtlingen. Miriam erinnert sich kopfschüttelnd an die Anfrage von der Freiwilligenagentur, ob sie vielleicht ein paar Flüchtlinge für ihre freiwilligen Helfer übrig habe. »Bei all den Organisationstreffen wird viel geredet, ohne dass wirklich etwas bewirkt wird. Außerdem werden potenzielle Helfer mit vielen Hürden konfrontiert, sodass die Hilfe am Ende nicht dort ankommt, wo sie gebraucht wird.«
Auf Nachfrage, wie diese Hürden im Detail aussehen, nennt Miriam zunächst die mangelnde Vernetzung der verschiedenen Akteure und Projekte. »Wer sich als Helfer engagieren will, hat bei den zahlreichen Aktionsgruppen und verschiedenen Tätigkeitsbereichen die Qual der Wahl. Durch das Fehlen einer übergeordneten Stelle, die alle Möglichkeiten in einer strukturierten Übersicht zusammenfasst, ist es nahezu unmöglich, sich einen Überblick zu verschaffen.«
Doch nicht nur für potenzielle Helfer ist diese dezentralisierte Organisation der Flüchtlingshilfe problematisch. Miriam erinnert sich an die verzweifelte Suche nach einem Deutschkurs für Sally, zu dem sie ihren Sohn mitnehmen könnte. »Die von der Freiwilligenagentur empfohlenen Anlaufstellen existierten nicht mehr oder richteten sich an eine vollkommen andere Zielgruppe.« Dass als naheliegender Grund die mangelnde Kommunikation und Vernetzung zwischen den jeweiligen Organisationen gesehen werden kann, beweisen auch weitere Ungereimtheiten, die Miriam erfahren musste: »Da die schulischen Deutschkurse sich nur an Geflüchtete mit einer Aufenthaltsgenehmigung von über 365 Tagen richten, sind solche Deutschkurse für Asylbewerber gerade zur Erstorientierung unglaublich wichtig. Aber wie kann es sein, dass in Sallys ehemaliger Unterkunft regelmäßig die angebotene Deutschstunde ausfällt, weil die ehrenamtlichen Lehrer nicht erscheinen, die pensionierte Deutschlehrerin aus meinem Bekanntenkreis jedoch noch immer vergeblich auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Stelle ist und damit vertröstet wird, dass momentan ausreichend Freiwillige vorhanden sind?«
Trotz all dieser Erlebnisse ist Miriam nicht resigniert. Sie hat die Hoffnung, dass die fehlenden Strukturen mit der Zeit noch kommen und das Chaos koordinierbar werde. »Wäre Sally damals nicht gewesen, wäre heute vermutlich alles noch beim Alten. Es war ein Glücksfall für mich. Aber ich denke, dass jeder, der wirklich helfen will und seine Augen nicht verschließt, immer einen Anknüpfpunkt zur Hilfe findet.«

Über Josephine Kluever

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Erstellt: 13.01. 2016 | Bearbeitet: 24.11. 2016 12:55