Aug 2016 hastuUNI Nr. 65 0

Porzellan statt Pappe

Der schnelle Kaffee zum Mitnehmen ist bei vielen Studierenden sehr beliebt – mit drastischen Folgen für die Umwelt. Allein in Deutschland werden pro Stunde 320 000 Einwegbecher weggeworfen. Zeit, die (eigene) Coffee-to-go-Politik zu überdenken.

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Illustration: Joshua Stepputat

»Einen Kaffee bitte … zum Mitnehmen!« Sonst schaffe ich es nicht durch das nächste Seminar. Für Freunde des schwarzen Goldes ist die neue Cafébar am Steintorcampus ein wahres Geschenk. Noch bevor ich den Seminarraum erreiche, ist der Kaffee ausgetrunken. Unter den kritischen Augen einer Kommilitonin werfe ich den Pappbecher in einen Mülleimer: »Besonders umweltfreundlich ist das nicht gerade.« Daraufhin erzählt sie mir von ihrem Mehrwegbecher aus Edelstahl, den sie meist in die Uni mitnimmt. Man könne sich auch »einfach mal auf einen ›Kaffee zum Hiertrinken‹ einlassen«. Sie hat Recht – mein Pappbecher hat nicht einmal zehn Minuten überdauert.

Hoher Verbrauch – kurze Lebensdauer
Die Lebensdauer eines Coffee-to-go-Bechers beträgt durchschnittlich 15 Minuten, nicht einmal die Plastiktüte mit 25 Minuten kann das unterbieten. Immer öfter greifen wir zu Einwegbechern, wenn wir unseren Kaffee unterwegs trinken wollen. Statistiken der Deutschen Umwelthilfe zufolge landen in Deutschland stündlich 320 000 Einwegbecher im Müll – umgerechnet auf ein Jahr wären das sogar rund 2,8 Milliarden Stück. Der Coffee-to-go-Becher – ein Symbol unserer modernen Wegwerfgesellschaft.

Pappe bedeutet nicht notwendigerweise ökologisch
Der starke Konsum und die enorme Produktion von Einwegbechern haben schwere Belastungen der Umwelt und Ressourcenverschwendung zur Folge, denn sie bestehen aus Papierfasern, die nicht recycelbar sind. Druckchemikalien und mineralölhaltige Substanzen verhindern dies, weswegen immer wieder neues Papier produziert werden muss. 43 000 Bäume werden hierfür jährlich gefällt.
Zusätzlich wird für die Herstellung der Papierfasern Wasser benötigt – ein halber Liter pro Becher. Bei 2,8 Milliarden Stück bedeutet dies einen Wasserverbrauch von 1,4 Milliarden Litern im Jahr. Der Energieverbrauch zur Herstellung der Fasern liegt bei 320 Millionen kWh pro Jahr – 100 000 Musterhaushalte könnten hiermit versorgt werden.
Hinzu kommt, dass die Einwegbecher nicht nur aus Pappe bestehen, sondern auch eine Kunststoffschicht besitzen – andernfalls würden sie aufweichen. Für die Herstellung der Polyethylen-Beschichtungen werden jährlich ca. 22 000 Tonnen Rohöl verbraucht und 83 000 Tonnen CO₂-Emissionen ausgestoßen – die Plastikdeckel aus Polystyrol noch nicht einmal mit einbezogen.

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Illustration: Joshua Stepputat

Fehlendes Umwelt­bewusstsein und originelle Ideen
Oftmals wird dieses Ausmaß nicht wirklich wahrgenommen oder sogar bewusst beiseite gedrängt – so auch vom Studentenwerk oder den Studierenden selbst. Dabei ist der Gedanke, nach nachhaltigen Alternativen zu suchen, aktiver Klima- und Umweltschutz. Dass man diesen Problemen auch anders als mit Gleichgültigkeit begegnen kann, zeigen beispielsweise die Studentenwerke aus Schleswig-Holstein und Berlin. Schon seit 2011 wird an der Fachhochschule Kiel auf Getränke in Pappbechern ein Preisaufschlag von zehn Cent erhoben. Das Studentenwerk Berlin gibt sogar auf eigene, mitgebrachte Becher fünf Cent Rabatt. Zudem bieten die Studentenwerke eigene Mehrwegbecher für drei bis fünf Euro an.

Coffee-to-sit statt Coffee-to-go
Anreize wie die des Studentenwerks Schleswig-Holsteins oder Berlins könnten wichtige Instrumente sein, um den Konsum von Einwegbechern einzudämmen und ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. Jeder Einwegbecher ist ein unwiederbringlicher Schaden für die Umwelt. Jeder sollte sich daher dreimal überlegen, ob er nicht doch genug Zeit hat, einen Coffee-to-sit in der Porzellantasse zu sich zu nehmen. Wer es trotzdem eilig hat, kann ja mal über einen Recyclingbecher nachdenken. »Solange der Becher unter die Kaffeemaschine passt, wäre das gar kein Problem«, sagt eine Servicekraft an der Cafébar am Steintorcampus.

Über Joshua Stepputat

Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 09:23