Feb 2016 hastuUNI Heft Nr. 64 0

Orchideen im Unidschungel

»Space Master«, »Oenologie« und »Coffee­management« sind nur einige von vielen Studiengängen, die zu den Orchideenfächern zählen. Auch wenn sie kaum jemandem bekannt sind, so steckt in ihnen doch großes Potential.

Ungewöhnliche Studiengänge_Katja Elena Karras_960

Illustration: Katja Elena Karras

Jedes Jahr verlassen tausende von AbiturientInnen die Schule und entscheiden sich für ein Studium. Zu den beliebtesten Studiengängen zählen neben BWL und Maschinenbau auch Germanistik und Informatik. Letztere gehörte jedoch nicht immer zu den Massenfächern, noch vor vierzig Jahren wurde der Studiengang sogar nur an sehr wenigen Universitäten angeboten. Durch die ständige Weiterentwicklung von Informationstechnologie und Computern hat man heute sogar mehrere Möglichkeiten, sich noch weiter zu spezialisieren. Informatiker werden in fast allen Bereichen gebraucht, so beispielsweise auch in der Wirtschaft, den Biowissenschaften und in den Medien. Dieser Studiengang hat sich vom einstigen Orchideenfach zu einer Studienrichtung entwickelt, die heute an fast jeder Universität zu finden ist. Der Begriff »Orchideenfach« entstand, weil Orchideen früher als selten und exotisch galten, bevor sie als Massenware nach Deutschland gebracht wurden. Ein Studienfach kann so bezeichnet werden, wenn es an unter zehn Prozent der Universitäten in Deutschland angeboten wird. Diese »kleinen Studienfächer« werden von ihren Studierenden sehr geschätzt, da man sich nicht, wie in vielen anderen Studiengängen, in einem großen Hörsaal befindet, sondern in angenehmer Atmosphäre in kleinen Gruppen lernen kann. Die Universität in Würzburg bietet den »Space Master« an. Kernfächer sind neben Planetologie auch Sensorik und Robotik. Nach dem ersten Semester an der eigenen Uni werden die Studierenden in Schweden weiter ausgebildet und können danach an zahlreichen Partnerunis weltweit ihr Studium beenden.


An der TU Berlin kommen Liebhaber des kühlen Blonden auf ihre Kosten. Hier kann man seinen Bachelor in
»Brauerei und Getränketechnologie« absolvieren und beschäftigt sich mit biotechnologischen Prozessen rund um die Bier- und Getränkeherstellung. Wer sich dagegen lieber mit Wein befasst, findet an der Universität Gießen den Masterstudiengang »Oenologie«, in dem Studierende für eine Laufbahn in weinbaulichen Betriebsbereichen qualifiziert werden.
Auch bei den Sprachen haben die Orchideenfächer einiges zu bieten. In Kiel ist es möglich, »Friesische Philologie« zu studieren, und wenn man sich für die Sprachen und Kulturen der keltischen Völker, also Irisch, Gälisch, Schottisch oder Bretonisch interessiert, dann ist man beim Studiengang der »Keltologie« in Bonn bestens aufgehoben.
In Bremerhaven gibt es den Studiengang »Cruise Industry Management«, ein spezialisiertes BWL-Studium, das sich insbesondere mit dem Kreuzfahrt-Tourismus beschäftigt. Das Interesse an Kreuzfahrten steigt stetig, und Urlaubsreisen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden, weswegen sich dieser Studiengang immer mehr vom Nischendasein löst.
Seit 2008 kann man in Hamburg den weltweit einzigartigen Studiengang »Coffeemanagement« belegen. Da Kaffee hinter Erdöl das zweitwichtigste Handelsgut ist, steigt die Nachfrage an Personal in der Kaffeewirtschaft stetig an. Im Fokus des Studiums stehen Logistik, Marketing und der internationale Handel von Kaffee.
An der Hochschule in Merseburg gibt es den Masterstudiengang »Angewandte Sexualwissenschaften«, den die Uni selbst als »stärker anwendungsorientiert und fächerübergreifend« beschreibt. In diesem deutschlandweit einzigartigen Studiengang werden die Studierenden für Berufsfelder ausgebildet, in denen Sexualität Gegenstand fachlichen Handels sein kann, so zum Beispiel in Ehe-, Lebens- und Familienberatungen, Aids-Hilfen und Kinderschutzdiensten. Die Studiengänge »Gerontologie«, in dem sich Studierende mit dem menschlichen Alter und dem daraus folgenden gesellschaftlichen Wandel beschäftigen, und »Gebärdensprachedolmetschen«, werden mitunter belächelt, doch sie konnten sich trotzdem etablieren.
Der Nutzen der meisten Orchideenfächer ist dennoch umstritten. Viele mögen manche dieser Studiengänge als brotlose Kunst bezeichnen und fragen sich, wofür man einen Master im Blockflöte spielen oder in Mittelaltermusik später einmal brauchen könnte. Orchideenfächer werden oft für zu teuer gehalten und sogar für irrelevant. Fakt ist, dass man mit einem Studium der Orchideenfächer aus der großen Bandbreite der Massenstudiengänge heraussticht. Dennoch ist es erwiesenermaßen nicht so leicht, sich im Arbeitsleben zu etablieren. Deshalb ist es wichtig, den potenziellen Arbeitgeber von sich zu überzeugen und schon während des Studiums Ausschau nach Praktika, berufsqualifizierenden Nebenjobs und ehrenamtlichen Tätigkeiten zu halten. Trotz möglicher Schwierigkeiten haben diese exotischen Studiengänge ein enormes Potential. Durch die Möglichkeit, mehrere Studienfächer miteinander zu kombinieren, sind Studierende auf diverse Themengebiete spezialisiert und können ihre vielfältigen Kenntnisse somit in ihr späteres Berufsleben einfließen lassen. Studierenden der Orchideenfächer können keine Erfolgsaussichten garantiert werden, aber wer für sein Studienfach brennt und schon früh auf sein berufliches Ziel hinarbeitet, dem stehen viele Türen offen. Die Informatik ist, als einstiges Orchideenfach, aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken, und es ist sehr wahrscheinlich, dass es anderen Studienfächern auch so gehen wird.
Orchideen sind nicht nur Exoten, sondern bunte Blumen, die sehr langlebig sind, wenn sie ausreichend gepflegt werden. Genauso vielfältig und ausdauernd sind auch einige Studiengänge, von denen sich manche schlussendlich durchsetzen und ihr Potenzial entfalten können.

Über Ramona Wendt

Erstellt: 03.02. 2016 | Bearbeitet: 04.02. 2016 00:01