Jan 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 64 0

Mit dem Professor auf der Couch

Elektronische Vorlesungen und Online-Kurse sind für Studierende in den USA nichts Neues. Auch die MLU setzt auf moderne Technologien und multimediale Projekte. Ein Pilotprojekt der pädagogischen Psychologie.

hastuzeit-64_druck_40s_Seite_960couch

Illustration: Tetyana Gryniva

Besonders an den heiß begehrten Universitäten wie Princeton oder Stanford haben sich die digitalen Aufzeichnungen und virtuellen Seminare bereits etabliert. Mit den neuen technischen Möglichkeiten kann die Lehre endlich über die begrenzten Kapazitäten der Hörsäle gehen und ein breiteres Publikum erreichen. Lernen wie auf dem Campus kann man nun überall und jederzeit.
Die E-Vorlesung in der pädagogischen Psychologie an der MLU ist sowohl für die Studierenden als auch für den Professor Pablo Pirnay-Dummer und sein junges Team eine neue Erfahrung. Das digitale Format ist nicht nur eine innovative Alternative im Vergleich zur klassischen Präsenzveranstaltung, sondern bietet auch viele weitere Vorteile.

Die wöchentlich erscheinenden Videos können uneingeschränkt auf der Ilias-Plattform abgerufen werden, was den Studierenden sehr entgegen kommt. Erspart bleiben damit nicht nur die langen Wege von einer Vorlesung zur anderen, sondern auch der Ärger über die schlechte Akustik oder das Sprechtempo des Professors. Ist ein Video deshalb zwangsläufig besser, oder ergeben sich andere technische Schwierigkeiten, die bei einer klassischen Vorlesung nicht auftreten? Zumindest kann man sich die Videos im Wohnzimmer, in der Uni, zusammen mit Freunden oder alleine ansehen. Und wenn man das Gefühl hat, dass es einem zu viel wird, drückt man einfach auf Pause.
Das Fachwissen wird zusammen mit einer bunten Mischung aus Rollenspielen, Erklärvideos, Illustrationen und Humor präsentiert und soll so die Studierenden dazu motivieren, die Videos regelmäßig zu verfolgen. Außerdem werden die wichtigsten Vorlesungsinhalte auf Folien zur Verfügung gestellt, sodass die Studierenden eine handfeste Grundlage zur Prüfungsvorbereitung haben.

Psychologie, Didaktik und Medien

»Die Lehre soll anders wahrgenommen werden«, sagt Pablo Pirnay-Dummer. Am Gelingen dieses Vorhabens arbeiten die Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen eng mit dem Professor zusammen. Im Team »Fachwissen« sind Psychologiestudierende involviert, deren Aufgabe darin besteht, die fachlich relevanten Inhalte zusammenzustellen. Als nächstes nimmt sich das Didaktikteam diese Wissensgrundlage vor und entwickelt Ideen zu einer möglichen Umsetzung.
Das Medienteam ist schließlich für den Schnitt des Videomaterials und die Gestaltung zuständig.
Falls Fragen oder Schwierigkeiten auftreten, kann der E-Tutor, ein Student aus dem Team des Professors, kontaktiert werden. Er behält außerdem den Überblick über das Forum, in dem die Studierenden über die Vorlesung diskutieren können. Ermöglicht wird dieses aufwendige Projekt vor allem vom Zentrum für multimediales Lehren und Lernen, welches sogar jährlich eine Lehrveranstaltung für ihr Multimedia-Konzept auszeichnet und damit den Einsatz der Technologien an der MLU fördert.
Professor Pablo Pirnay-Dummer erhofft sich, dass die E-Vorlesung eine sinnvolle Erweiterung der klassischen Vorlesung ist. Aber wie schätzen Psychologiestudierende, die das Modul Pädagogische Psychologie belegt haben, das E-Learning-Format ein?
»Im Prinzip finde ich die E-Vorlesung gut«, sagt Yvonne. »Man hat die Möglichkeit, sich alles immer wieder anzuschauen und zurückzuspulen, wenn man etwas nicht verstanden hat, ob am Wochenende, in der Nacht oder erst im Sommersemester vor der Prüfung. In den Videos werden die Inhalte teilweise mit Strichmännchen erklärt, aber man versteht es gut.«
Dieser Meinung sind auch viele ihrer KommilitonInnen. Wer sich die Videos angesehen hat, findet sie sehr übersichtlich und von guter Qualität. Auch Martin hat eine überwiegend positive Einstellung zu dem neuen Format: »Ich finde die Idee an sich, eine Vorlesung im Onlineformat zu gestalten, sehr spannend, aber auch die Umsetzung ist dem Team echt gut gelungen. Ich denke, eine E-Vorlesung hat viele Vorteile. Allerdings wird man auch leicht dazu verleitet, die Vorlesung aufzuschieben, wenn es keinen festen Termin gibt.« Tatsächlich mussten die meisten Studierenden zugeben, dass sie bei den Vorlesungen etwas hinterher hängen. Melanie, die es immerhin auf vier von acht Vorlesungen gebracht hat, meint: »Das ganze Team gibt sich sehr viel Mühe. Deshalb tut es mir leid, dass ich mir die Videos so selten ansehe. Es ist schwer, sich in der Freizeit dazu aufzuraffen. Bei Präsenzveranstaltungen fällt es mir einfacher.« Ergeben sich aus den zeitlichen Freiräumen etwa doch Nachteile? Es scheint, als würde die Gewissenhaftigkeit deutlich darunter leiden. Einen weiteren Kritikpunkt spricht Sarah an: »Die E-Vorlesung ist vollkommen überflüssig und eine zusätzliche Belastung. Man muss ohnehin schon viel daheim machen, aber durch das neue Format werden die Grenzen zwischen der Universität und dem persönlichen Freiraum noch mehr aufgeweicht. Ich hätte kein Problem damit, bestimmte Aufgaben für die Vorlesung vorzubereiten, aber ich möchte den Dozenten nicht in meinem Wohnzimmer haben.«
Einigkeit bezüglich des E-Learning-Formats scheint unter den Studierenden noch nicht zu herrschen. Obwohl das neue Konzept sehr geschätzt wird, wünschen sich manche Teilnehmer die klassische Präsenzveranstaltung zurück. Wie die Evaluation ausfällt, bleibt noch ungewiss. Möglicherweise haben sich die Studierenden noch nicht an die E-Vorlesung gewöhnt und werden sie erst im Sommersemester, wenn die Prüfungsvorbereitungen starten, mehr würdigen.

Über Vera Sonkina

Erstellt: 29.01. 2016 | Bearbeitet: 27.01. 2016 08:23