Jan 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 63 0

Mal wieder durchatmen

Millionen auf der Flucht. Tausende gegen Überfremdung auf den Straßen. Dutzende offene Fragen. Die Situation der Geflüchteten überfordert. Ein Eingeständnis.

_MG_7339_z3_FertigesPhoto copy_960

Foto: Katja Elena Karras

Nach Deutschland kommen Millionen Menschen, aus Eritrea, Syrien, Albanien, Afghanistan und vielen anderen Ländern mehr. Die Gründe sind ganz verschieden, da sind wirtschaftliche Ursachen, ebenso wie Krieg oder eine menschenfeindliche Diktatur. Es flüchten Muslime, Christen, Familien, Männer, Frauen und nicht zuletzt Kinder und Jugendliche. Letztere teilweise von ihren Eltern getrennt.
Gegen diese Menschen protestieren Tausende, die angeblich besorgt sind um ihre eigenen Kinder, ihre Arbeitsplätze, ihre vermeintlich schöne heile Welt. Sie protestieren gegen Geflüchtete, Kanzlerin und »linksgrüne« Medien. Anderswo helfen Tausende, überall in ganz Deutschland und teilweise sogar an den EU-Außengrenzen. Was aber tut man selbst? Was kann man wirklich bieten? Wo muss man zugeben, dass es so nicht reicht? Wie geht man mit den Demonstranten und Hetzern im Netz um? Das Thema Geflüchtete überfordert, auf allen Ebenen. Das fängt schon beim Begriff an. Wie bezeichnet man Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen müssen? »Wirtschaftsflüchtlinge« ist ein Begriff mit negativem Beiklang geworden. Diesen Menschen zumindest kann Deutschland nicht helfen, so die Überzeugung.


Aber warum ist wirtschaftliche Perspektivlosigkeit ein schlechterer Grund, die eigene Heimat zu verlassen, als andere Gründe? Warum sind Menschen, die sich einige Generationen zuvor nach Amerika begaben oder heute nach Australien gehen, dagegen »Auswanderer«? Und sind Steuerhinterzieher nicht viel eher Wirtschaftsflüchtlinge? Aber schon das Wort »Flüchtling« ist umstritten. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch weist auf mögliche negative Konnotationen hin. Auch wenn ihm das Wort »Flüchtling« trotzdem legitim erscheint, empfiehlt er als Ersatz »Geflüchtete«. Doch mit solchen Abwägungen muss man jenen, die zürnend und mittlerweile – man muss es so sagen – brandschatzend durch Deutschland ziehen, nicht kommen.
Die sind wohl immun gegen jede differenzierende Geistestätigkeit. In Dresden haben sie schon ein Klima der Angst geschaffen. Wie geht man mit solchen Leuten um? Was im Internet steht, desillusioniert. Auf Facebook werden Lügenberichte geteilt und verbreitet. Woher kommen dieser Hass und diese Feindschaft? Soll man all das ignorieren? Beschimpfen? Aufklären? Nichts scheint angemessen.
Kanzlerin Merkel sagt »Ich habe einen Plan« und »Wir schaffen das.« Schaffen wir das wirklich? Und wer sind »wir«? Freiwillige Helfer sicherlich, aber sind latent oder offen Rechte auch »wir«? Was machen »wir« also? Klar, da sind die Gegendemos. Aber die Resignation ist ebenfalls schon da. Dresden scheint sich selbst bereits aufgegeben zu haben. Doch auch diejenigen, die für Aufnahme und Toleranz Partei ergreifen, können die Augen nicht verschließen vor den sich auftuenden Problemen: Messerstechereien, interkulturelle, oft gewaltsame Ausschreitungen, mitunter nicht oder schwer vereinbare Ansichten und Wertvorstellungen. Wie geht man damit um? Integration durch Kontaktaufnahme wahrscheinlich. Miteinander reden, nicht aneinander vorbei leben. Aber dann müssen die Aufnahmelager weg. Doch wie soll es sonst gehen? Wohnen soll und kann auch keiner bei mir, oder? Ist das dann noch konsequent?
Der Kopf tut weh vom Nachdenken. Man verflucht es fast, doch täte man es nicht, so wüchse nur das Heer der Desinteressierten.
Im eigenen Alltagsstress rauscht die Nachrichtenflut vorbei und hinterlässt eigentlich nur Verwirrung, Ratlosigkeit und Ohnmacht. Zugeben möchte das nur niemand so richtig. Eigentlich möchte man ebenso wie die zu uns gekommenen Menschen nur eines: Mal wieder durchatmen, zur Ruhe kommen. Und dann vernünftige Lösungen suchen und finden. Und tatsächlich bleibt am Ende eine Erkenntnis. Man muss versuchen, die Situation irgendwie zu meistern. Eine andere Lösung gibt es nicht.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

, , ,

Erstellt: 14.01. 2016 | Bearbeitet: 10.01. 2016 19:48