Dez 2016 hastuPAUSE Nr. 69 0

Liebe Oma …

Briefe – eine vermeintlich unzeitgemäße Art zu kommunizieren. Und doch hat das Briefeschreiben seinen ganz eigenen Reiz.

Liebe Oma,
es ist lange her, dass ich Dir das letzte Mal einen Brief geschrieben habe. Das war bestimmt vor fünf Jahren. Oder noch früher. Als Kind habe ich Dir aus jedem Urlaub einen Brief geschrieben über lustige Ereignisse und das fremde Land. Erinnerst Du Dich noch an die Geschichte aus Kroatien mit Papa am Swimmingpool? Wir sind zwar weiterhin ab und an in Urlaub gefahren, aber ich habe Dir immer weniger Briefe geschickt. 
   Warum ich Dir jetzt schreibe? Es wird Weihnachten. Ich habe mir überlegt, über was Du Dich unter dem Weihnachtsbaum sehr freuen würdest. Lange Zeit ist mir nichts Gutes eingefallen, dann habe ich in meiner Erinnerungskiste gekramt, in die ich viele Sachen gelegt habe, die mich an früher erinnern: mein Freundebuch, Bilder aus Kindergartenzeiten, Schulhefte und vieles mehr. Und eben noch Briefe von Dir, denn Du hast mir auch gerne geschrieben. In einem Brief hast Du erwähnt, wie sehr Du Dich jedes Mal freust, wenn ich Dir schreibe, weil Du Dich dabei so fühlst, als wärst Du im Urlaub mit dabei gewesen. Auch weil es Dich interessiert, was unsere Familie gerade so macht. Auf jeden einzelnen Brief von mir hast Du geantwortet und mir noch viele weitere geschickt. Leider konnte ich Dir nicht immer zurückschreiben, dazu hat mir manchmal die Zeit gefehlt, aber Du kannst Dir sicher sein, dass ich mich über jeden einzelnen Brief sehr gefreut habe.
   Weißt Du, was das Besondere am Briefeschreiben ist? Dass man sich die Zeit dafür nimmt. Ich merke das schon nach ein paar Zeilen, dass das etwas ganz anderes ist im Vergleich zu den heutzutage angesagten Kommunikationsmitteln wie Whatsapp. Dort fasst man sich möglichst kurz und antwortet schnell. Das ist natürlich sehr viel praktischer, wenn ich kurzfristig einen Termin ausmachen will. Geburtstags- oder Weihnachtsgrüße für wirklich wichtige Personen würde ich so aber nie übermitteln, das ist mir doch zu unpersönlich.
   Da ist ein Brief schon persönlicher, dabei muss ich mich richtig hineindenken: Was will ich schreiben, wie formuliere ich es, und wie bringe ich alles auf dem Papier unter? Die meiste Zeit beim Brief nimmt nicht das Schreiben ein, sondern das Nachdenken dazu. Ich kann dabei gewissermaßen in mich selbst hören. Das ist so entspannend, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Es ist auch eine Art Selbstreflexion meiner Gedanken und meines Erlebten. Einen Brief zu schreiben bedeutet auch immer ein bisschen aus der Welt auszubrechen. Man hat seine Ruhe und versucht sich nur darauf zu fixieren, was man seinem Gegenüber mitteilen will. Derjenige, der eine Nachricht bekommt, erhält dann nicht nur einen Brief, sondern ein Zeichen, dass diese Person einem wichtig ist, dass man Zeit nur für sie investiert hat. Das sind Dinge, die man über Konsumgüter gar nicht ausdrücken kann.
   Wenn ich viele Briefe schreibe, ist das auf Dauer natürlich auch eine Kostenfrage. Gut, dass es dafür günstige, moderne Kommunikationswege wie E-Mail oder Facebook gibt. Auch dort kann ich lange Nachrichten schicken, für die ich mir Zeit nehme. Es ist eben nicht zwangsläufig eine Frage des Mediums, sondern
eher der eigenen Energie und der Zeit, die man sich für einen anderen dabei nimmt. Ich selbst muss aber sagen, dass ich Briefe doch noch eine Note persönlicher finde, da man sie richtig anfassen kann und sie mit einer individuellen Handschrift versehen sind. Manche schreiben größer, manche kleiner. Manche Schreibschrift, manche Druckschrift. Was mir an meinen früheren Briefen noch aufgefallen ist: Ich schreibe deutlich ordentlicher und größer als in der Schule. Es ist mir ja wichtig, dass Du alles lesen kannst. Für Dich schreibe ich sogar extra mit Schreibmaschine, das kann man am deutlichsten erkennen. Das Papier ist zwar schon älter und deshalb etwas vergilbt, aber das macht es ja sogar noch authentischer. Das Tippen und Rattern des Gerätes hört sich richtig altmodisch an, und vor allem muss ich aufpassen, dass ich keinen Fehler mache, sonst muss ich die ganze Seite ja noch mal wiederholen. Aber ich glaube, das würde ich nicht machen, sondern schnell mit Kugelschreiber den Buchstaben durchstreichen und korrigiert darüber schreiben. Fehler gehören ja zum Menschen dazu, das bringt auch noch mal eine persönliche Note rein. Früher habe ich zum Beispiel ganz oft Theater mit zwei »h« geschrieben. Darüber hast Du Dich jedes Mal aufs Neue amüsiert.
   Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist der ganze Weg jedes Briefes stets etwas Besonderes. Am Anfang mache ich mir Gedanken, was ich eigentlich mitteilen will. Dann kommt der persönliche Schreibprozess, der jedes Mal aufs Neue eine eigene Note hat. Danach falte ich den Brief so, dass er gut in das Kuvert passt. Manchmal klappt das gut, manchmal weniger, dann hat der Brief am unteren Rand immer noch so einen kleinen Knick. Danach prüfe ich noch mehrmals, ob auch alles passt. Anschrift, Briefmarke, Absender, ich habe immer Angst, dass ich etwas vergessen habe und der Brief dann verloren geht. Wenn ich mir sicher bin, dass alles passt, gehe ich ins Dorfzentrum zum Briefkasten. Der Moment, in dem ich den Brief loslasse und er durch den Schlitz fällt, ist jedes Mal etwas ganz Besonderes, denn ich weiß, dass es nun kein Zurück mehr gibt. Nach ein paar Tagen kommt er dann bei Dir an. 
   Wenn ich der Glückliche bin, der einen Brief bekommt, dann ist es für mich immer ein sehr magischer Moment, diesen zu öffnen. Da bin ich immer gespannt wie ein kleines Kind, was darin zu lesen ist. Oft kann ich, schon bevor ich den Absender gelesen habe, erkennen, vom wem der Brief stammt. Die Handschrift und die Art der Briefmarke kann ich inzwischen meistens schon der Person zuordnen. Ist das bei Dir auch so?
   Es ist schon spät, langsam muss ich aufhören. Ich hoffe, Du hast Dich über meinen Brief gefreut. Das Schreiben hat sehr viel Spaß gemacht, das sollte ich öfters machen. Die Briefe von früher, die ich noch besitze, habe ich alle noch einmal durchgelesen. Damit sie nicht mehr in der Kiste vermodern, hänge ich sie bei mir im Zimmer an der Wand auf. Ich kann sie mir jetzt jeden Tag anschauen. So haben sie noch eine viel dauerhaftere Wirkung auf mich.
   Ich weiß gar nicht so wirklich, wie man sich bei einem Brief richtig verabschiedet. Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen.

Dein Vinzenz

Über Vinzenz Schindler

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Erstellt: 22.12. 2016 | Bearbeitet: 22.12. 2016 18:37