Aug 2016 hastuUNI Heft Nr. 66 0

Leidenschaftlich, aber fair

Ein Besuch beim hallischen Debattierclub »Klartext e. V.« gibt Einblicke.

7

Photo: Elisa Schwarz (VDHC)

Einst war sie der Schauplatz von NS-Massenversammlungen und von Propagandareden Adolf Hitlers. Heute ist sie einem stetigen Verfall ausgesetzt: die Zeppelintribüne, Bestandteil des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes im Südosten Nürnbergs. Ein Bauwerk, das den Größenwahn der Nationalsozialisten widerspiegelt. Heute stellt sich die Frage, wie mit einem solchen geschichtlich relevanten, aber auch deprimierenden Bauwerk umgegangen werden sollte. Wäre es den Opfern der NS-Zeit gegenüber gerecht, das seit 2009 teilweise wegen Einsturz gesperrte Gebäude als Mahnmal verfallen zu lassen? Sollte man es gleich ganz abreißen, oder wäre es besser, die Zeppelintribüne – in der immerhin beeindruckenderweise zwölf Fußballfelder Platz hätten – zu sanieren und der Nachwelt zu erhalten, eventuell sogar ein Museum daraus zu machen?

Diesen und anderen wichtigen Fragen widmen sich Studierende des eingetragenen Vereines »Klartext«. Mitglieder und Interessierte treffen sich jeden Donnerstag um 20 Uhr im Juridicum (Seminarraum II) und denken sich fiktiv
in die Rollen von Abgeordneten eines Parlaments hinein. So gibt es immer eine Regierung, die einen Vorschlag einreicht (pro) und eine Opposition, die dagegenhält (contra). Zusätzlich gibt es noch mindestens einen Juror, der wie der Präsident eines Parlaments eine übergeordnete Funktion einnimmt. Juroren haben die Aufgabe, die Debatte zu leiten und die einzelnen Redner nach bestimmten Kriterien zu bewerten*. Sie errechnen zum Schluss die Gewinner der Debatte und geben jedem ein umfangreiches Feedback. Je nach Art der Debatte gibt es zusätzlich mehrere freie Redner, die das normale Volk symbolisieren. Eines der Ziele der »Abgeordneten« ist es, die freien Redner für ihre Sache zu gewinnen, da die Punkte der Überzeugten zum Schluss in die Endbewertung einfließen.

Je abwegiger, desto spannender
Neben dem Umgang mit der Erinnerungskultur in Deutschland werden unter anderem Themen wie die Zulassung von leistungssteigernden Drogen in der Prüfungsphase, die strafrechtliche Verfolgung von Jan Böhmermann und die Personalisierung von Preisen bei Internetkäufen (Personal Pricing) diskutiert. Gerade diese Vielfalt an möglichen Themen und dass aus nahezu allem eine spannende Diskussion entstehen kann, fasziniert auch Politikstudent und »Klartext«-Mitglied Jakob Eichner. Je abwegiger die Themen, desto spannender findet er auch den – für ihn am wichtigsten – Wettkampf um die besten Argumente. Viele kommen jedoch auch einfach nur zum Debattieren, um ihre rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern.

Photo: Elisa Schwarz (VDHC)

Photo: Elisa Schwarz (VDHC)

Das Hauptziel der Debatten ist es nicht, wirklich eine Lösung zu finden und sie umzusetzen, sondern vielmehr für sich selbst etwas dazuzulernen. Immerhin sind eine gute Rhetorik und ein damit einhergehendes sicheres Auftreten meist wichtiger als gute Argumente. Zudem seien die Debatten – in denen man sehr schnell möglichst souverän reagieren muss – ein gutes Denktraining, meint der Präsident des Vereins Deniz Lü. Weiterhin sagt er, wenn man Themen im Detail analysiere und aus allen Blickwinkeln betrachte, erweitere man auch im alltäglichen Leben das eigene Denken. Zusätzlich geben die Debatten einen stetigen Zuwachs an Wissen und Erfahrungen.
Deniz Lü selbst ist kurz nach Beginn seines Studiums im Sommer 2012 durch einen Tutor auf den Debattierclub aufmerksam geworden. Sein erster Eindruck von den Debatten war, dass sie interessant, aber auch gewöhnungsbedürftig seien. Die künstlich herbeigeführte Parlamentssituation, in der jeder eine bestimmte Rolle spiele, wirke am Anfang doch etwas befremdlich. Man gewöhne sich jedoch recht schnell daran. Präsident ist der Jurastudent seit 2014. Er wurde bereits zum dritten Mal gewählt. Einmal im Jahr treffen sich somit die Mitglieder, um Präsident, Vizepräsident und Schatzmeister zu wählen. Um Kosten zu decken, die bei Wettkämpfen* anfallen und die alljährliche Weihnachtsfeier zu finanzieren, gibt es einen kleinen Mitgliedsbeitrag im Umfang von zwölf Euro jährlich. So sollen auch finanziell Benachteiligte keine Probleme haben, Anfahrts- und Unterbringungskosten bei Wettkämpfen zu bezahlen. Bei den wöchentlichen Debatten ist jedoch prinzipiell jeder willkommen, auch wenn er nur als Zuschauer kommt.
Unter den 70 größtenteils studierenden Mitgliedern sind die Rechtswissenschaftler am stärksten vertreten. Das kann man durchaus darauf zurückführen, dass der Verein 2005 von Jurastudenten gegründet wurde und dass der Debattierclub auch eine Schlüsselqualifikation für eben jene anbietet. Naturwissenschaftler verirren sich jedoch eher selten in den Debattierclub.

Zwischenruf nach Regeln
Der Umgang miteinander ist locker. Während man wartet, dass alle Leute, die kommen wollten, eintreffen, wird über allerlei gequatscht. Manchen merkt man schon an, dass sie gerne und viel reden, andere kommen erst während der Debatte richtig aus sich heraus. Ist die Gruppe komplett, wird entschieden, nach welchen Regeln debattiert wird. Zur Auswahl steht die vor allem in Deutschland verbreitete Offene Parlamentarische Debatte* und der international verwendete British Parliamentary Style*. Entscheidungskriterien sind dabei die Anzahl der Anwesenden und die Methode, die für den nächsten Wettkampf geübt werden muss. Bevor das Thema der Debatte entschieden wird, bilden sich die Gruppen. Der Wurf einer Münze bestimmt Regierungs- und Oppositionsmitglieder. Anschließend haben die Gruppen und die freien Redner 15 Minuten Zeit zur Vorbereitung. Redelänge und geschützte Zeiten, in denen es keine Zwischenrufe geben darf, sind vorgegeben und werden von den Juroren durch unterschiedliche Klopfgeräusche vermittelt.
Es folgt ein für Unerfahrene verwirrendes Durcheinander an unerwartet emotionalen und mitreißenden Reden und Gegenreden. Ist es denn sinnvoll, die Zeppelintribüne zu sanieren und eine Video- und Toninstallation einzubauen, die Besucher in die Geschehnisse vergangener Zeiten zu versetzen, um ihnen begreiflich zu machen, wie eine solche Massenbegeisterung entstehen konnte? Besteht die Gefahr, dass diese künstlich erzeugte Massenbegeisterung die Leute derart mitreißen könnte, dass sie sich davon anstecken lassen könnten? Sind die berauschenden Gefühle möglicherweise sogar stärker als gute Argumente, oder ist es tatsächlich möglich, mit einer solchen Methode das Verständnis für die Zeichen eines derartigen Massenwahnsinns zu lehren? Werden vergleichbare Massenerlebnisse nicht schon durch normale Fußballspiele und Konzerte erzeugt? Ist es nicht wichtiger, die besonderen
architektonischen Merkmale der Zeppelintribüne für die Nachwelt zu erhalten, oder ist es doch sinnvoller, mit dem langsamen Zerfall des ehemaligen Nazibauwerkes die Vergänglichkeit von Macht und den Niedergang des NS-Regimes aufzuzeigen?
Die Entscheidung, wer nach der etwa drei Stunden andauernden Debatte gewinnen könnte, scheint unmöglich. Das Zusammenrechnen der Punkte durch die Juroren zeigt jedoch ganz klar: Die Regierung hat mal wieder gewonnen. Die Zeppelintribüne würde saniert werden, wenn es sich bei dem Debattierclub der Martin-Luther-Universität um ein echtes Parlament handeln würde. Nach Abschluss der »Parlamentsversammlung« geben sich alle die Hand und kehren in die Realität zurück. Die Rolle, die man eben noch mit Leidenschaft spielte, wird abgelegt, und Regierung und Opposition vermischen sich beim anschließenden Bierchen.

Über Paula Götze

, , , ,

Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 28.10. 2016 18:26