Okt 2016 hastuUNI Heft Nr. 67 0

Lebe, um zu lernen; lerne, um zu leben

Dieses Motto beschreibt die Einstellung von Achim H. zum Lernen ganz gut. Er hat mit über fünfzig Jahren mit dem Beginn eines Studiums einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Bei einem gemütlichen Plausch auf der Wiese beim Löwencampus erzählt er von seiner Geschichte und seinen Ansichten.

Foto: Paula Götze

Foto: Paula Götze

Ein leichter Schritt war es nicht für Achim, die Heimat und den gewohnten Alltag zu verlassen, um ein Studium an der MLU zu beginnen. Gewollt hat er es jedoch unbedingt: »Es war, als wäre ich ein Leben lang mit einem falschen Schuh herumgelaufen.« So hatte er immer das Gefühl, ihm fehle etwas Wichtiges im Leben. Als er im gewöhnlichen Alter eines Studenten war, arbeitete er bereits, um seiner Familie eine gute Bildung und auch das Studieren zu ermöglichen. Er übte 35 Jahre einen technischen Beruf aus, bevor er sich entschied, die »tief eingefahrenen beruflichen Gleise [zu] verlassen« und einen Bachelor in Geschichte und Kunstgeschichte zu machen. Um sich diesen Traum ermöglichen zu können, musste er jedoch erst noch sein Abitur auf einer Abendschule nachmachen. Achim erzählte, das wäre eine »ganz schön haarige Angelegenheit« gewesen. Von den anfänglich siebzehn Leuten hätten es lediglich sieben geschafft. Diesen Weg gewählt zu haben bereut Achim jedoch kein bisschen. Der Wissenszuwachs mache ihm großen Spaß. Er habe sich zwar immer schon für vieles interessiert, aber »vor dem Studium war alles nur wie ein Kratzen an der Oberfläche«. Bei Themen derart in die Tiefe zu gehen, wie man es beim Studieren zwangsläufig tut, sei sehr befriedigend.

Durch seine vielen unterschiedlichen Interessen fiel es ihm recht schwer, sich auf nur zwei Fächer festzulegen. In der engeren Auswahl standen noch Geographie und Literatur. Auch die Burg interessiert ihn sehr. »Es wäre vor allem auch als Kunsthistoriker für mich interessant, einmal vor einer leeren Leinwand zu stehen und zu schauen, was ich damit machen würde.«
Ganz auf zwei Fächer festgelegt hat sich Achim dann allerdings doch nicht. Er besucht nämlich nebenbei noch einen Astronomiekurs, den eigentlich nur Lehrämter als Zusatzfach belegen können. An diesem von Naturgesetzen bestimmten Fach gefällt ihm vor allem, dass es nicht – wie bei den Geisteswissenschaften – »so viele Diskussionen drumherum« gibt. Seine Faszination drückte er wie folgt aus: »Die Astronomie ist so etwas wie eine Ersatzreligion. Wir brauchen alle etwas, an das wir glauben können. Sie macht einem bewusst, wie klein man selbst ist, und erzieht dadurch, wie eine Religion, zur Demut. Das Einzige, was uns auszeichnet, ist, dass wir über unsere Nichtigkeit nachdenken können.«

In seinem eigentlichen Studienfach interessiert sich Achim hauptsächlich für alte Geschichte. Diese Leidenschaft zeigt sich auch darin, dass er einmal einen etwa 1000 Kilometer langen Teil des Limes in 36 Tagen abgelaufen hat. Bei Gelegenheit plant er diese Unternehmung zu wiederholen. Mit jüngerer Geschichte beschäftigt er sich weniger. Ein Stückchen Zeitgeschichte hat Achim mit der DDR ja auch selbst miterlebt, und »der größte Feind des Historikers ist immer noch der Zeitzeuge«. Zum Thema DDR machte er dann trotzdem noch folgende interessante Aussagen: »Ich habe im Leben zwei vollkommen unterschiedliche Systeme erlebt. Ein System hat sich überholt und wurde abgelöst. Dass die Welt besser geworden ist, kann man weiß Gott nicht sagen. In der DDR war nicht alles gut, aber das ist es heute auch nicht.«

Trotz aller Faszination gefällt Achim nicht alles am Studium. Er war zumindest ein wenig enttäuscht, dass sich durch die Modularisierung die Studierenden derart mischen, dass man selten durch Zufall mit jemandem zwei Seminare belegt. Man lerne so zwar ständig neue Leute kennen, knüpfe dafür jedoch kaum feste Kontakte. Dass einige von Achims Dozenten um einiges jünger sind als er selbst, stört ihn überhaupt nicht. »Die Schüler in China ehren ihre Lehrer ein Leben lang. Es ist Voraussetzung für einen geregelten Unterricht, diejenigen zu achten, die einen etwas lehren können. Das Einfügen in diesen natürlichen Ablauf ist kein Problem für mich.«

Seine Anfangsbefürchtungen, dass durch sein für Studierende ungewöhnlich hohes Alter eine seltsame Situation in den studentischen Gruppen entstehen könnte, haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Nur selten gab es komische Kommentare und Fragen, wie zum Beispiel, ob er nicht doch eher in das Seniorenkolleg gehöre. Das Seniorenkolleg bietet älteren Leuten die Möglichkeit, als Gasthörer an Vorlesungen teilzunehmen und sich somit weiterzubilden. Einen richtigen Abschluss erreicht man damit jedoch nicht. Somit wäre es nichts für Achim, der meint, dass sich durch sein Studium für ihn eventuell sogar noch eine abschließende Tätigkeit eröffnen könnte.

Über Paula Götze

,

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 18:30