Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

»Lauf doch weg, Bitch.«

Der Jugendliche Steve liebt seine Mutter so sehr, dass er sie fast schon töten möchte. Der Film »Mommy« des frankokanadischen Regisseurs Xavier Dolan fasziniert durch Emotionen, Alltagsbezug und starke Charaktere.

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Photo: Film „Mommy»

Der sechzehnjährige Steve (Antoine-Olivier Pilon) wird aus einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche entlassen und lebt fortan mit seiner Mutter (Anne Dorval). Er hat ADHS und eine gewalttätige Vergangenheit hinter sich, womit seine Mutter nun umgehen muss. Als Steve mal wieder Schwierigkeiten macht und seine Medikamente nicht nehmen will, kommt die Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) zur Hilfe, und zusammen versuchen sie, den Jungen zu bändigen und ihm ein normales Leben zu ermöglichen.
Der Film zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann. Obwohl alle Szenen in alltäglichen Situationen stattfinden – auf der Straße, im Haus, vor dem Einkaufszentrum – lassen die Aufrichtigkeit und Emotionalität eines jeden Moments die zwei Stunden wie im Flug vergehen. Schon das erste Treffen von Mutter und Sohn zeigt einen eindringlichen Blick in die Beziehung der beiden: Er in Trainingsanzug, sie in High Heels und eng anliegenden Jeans. Steve fängt an, von seinem Leben im Heim zu erzählen: »Wenn ich ehrlich bin, konnte ich es mit diesen Idioten nicht länger ertragen.« Die Mutter zündet sich darauf eine Zigarette an. Steve quengelt: »Darf ich auch ? Ich hab dort auch geraucht!« Sie verweigert, denn sie will alles richtig machen. Dann aber gibt sie ihm die Zigarette: »Hier, kannst du zu Ende rauchen. Sind noch ein paar Züge.«

Die Spannung von »Mommy« liegt in der Unvorhersehbarkeit, die Steves Persönlichkeit beherrscht. In einem Moment riecht er sehnsuchtsvoll an seiner Mutter, umarmt sie und fragt verzweifelt, ob sie ihn noch liebt. Dann auf einmal dreht er vollkommen durch, zerschlägt den Tisch, fängt an, seine Mutter zu würgen: »Du Schlampe, du gibst mir diese Scheißmedikamente. Ich bringe dich um.« Sie schlägt ihm als letzte Rettung mit einem Bild auf den Kopf. Steve, der vor einer Minute seine Mutter noch im Würgegriff hielt, ist davon völlig schockiert: »Du hast mich einfach so geschlagen ? Ich kann dich doch auch schlagen. Los, lauf weg, Bitch.« Das Schöne, so die Botschaft des Films, liegt in der Komplexität des Menschen, der nie gut oder schlecht ist, sondern alles auf einmal: zärtlich, gewalttätig, liebevoll, verzweifelt. Antoine-Olivier Pilon lebt Steves Charakter in all seiner Verruchtheit aus. Dabei war er beim Dreh erst siebzehn Jahre alt. Pilon erzählt in einem Interview, dass er normalerweise einen Schauspielcoach dabei hat. Bei diesem Film habe er sich aber ganz dem Regisseur anvertraut und ging an seine äußersten Grenzen. Vielleicht auch deshalb, weil die beiden sich schon vor dem Dreh kannten. Einige Jahre zuvor drehte Dolan das als brutal verpönte Video »College Boy« für die französische Band Indochine, in dem Pilon ein Mobbing­opfer darstellte.
Dolan, der Filme für seine Generation drehen will, sagt: »Die Charaktere in Mommy sind optimistisch, aber die Gesellschaft, in der sie leben, pessimistisch.« Steve und seine Mutter wollen das Leben zusammen genießen. Aber aufgrund von Steves Persönlichkeit wird die Familie schnell mit schwerwiegenden Konsequenzen konfrontiert. So wirft der Film die Frage auf, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die anders sind. »Mommy« bildet dabei den Höhepunkt im Filmschaffen von Xavier Dolan, der mit 25 Jahren bereits fünf Filme drehte und bei Kritikern deshalb als Wunderkind gilt. Er schafft es, eine tiefgründige Thematik mit komplexen Charakteren zu kreieren und sie gleichzeitig zu Spannungselementen zu entfalten – das alles im einmaligen 1:1-Format auf der Leinwand. »Mommy« erhielt den Jury-Preis von Cannes in 2014 und bildete außerdem den kanadischen Beitrag für die Vorauswahl der Oscars in 2015.

  •  Den Film findet Ihr u. a. im Format Filmkunstverleih:
    www.format-filmkunstverleih.de/

Über Nataliya Gryniva

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 10:22