Jan 2016 hastuUNI Heft Nr. 64 0

Kontinent von übermorgen

Afrika ist ein Kontinent voller Vielfalt und Schönheit, aber auch geprägt von radikalen Gegensätzen und großen Problemen. Der Versuch einer Analyse.

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Illustration: Joshua Stepputat

Der »Schwarze Kontinent« besitzt viele Gesichter. Nicht nur reicht die Fülle seiner Landschaften von den Dünen der Sahara und den Korallenriffen des Roten Meeres bis zu den feuchten Regenwäldern des Kongo-Beckens und dem gewaltigen Victoria-See, auch seine Menschen sind äußerst verschieden. Besonders die Unterschiede zwischen dem von den Mittelmeerkulturen geprägten, muslimischen Norden und dem auch als »Schwarzafrika« bekannten Süden sind oft größer als die zwischen den Ländern Europas. Gemeinsam sind den meisten der 54 Staaten nur ihre koloniale Vergangenheit und der mühsame Kampf um politische Stabilität. In den Politikwissenschaften rückt der Kontinent zunehmend in den Blick, an der Martin-Luther-Universität zum Beispiel im Seminar »Politische Systeme und Demokratisierungsprozesse in Afrika«.

Unfreiwillige Schmelztiegel

Es ist nicht zu beschönigen, dass in vielen Ländern Afrikas Infra­struktur, Bildung, medizinische Versorgung und vor allem Arbeit bei weitem nicht ausreichend vorhanden sind. Manche Staaten wie etwa Somalia oder die Demokratische Republik Kongo existieren kaum noch, andere wie der Sudan oder die Zentralafrikanische Republik sind im Zerfallen begriffen.
Diese Vorgänge haben mannigfaltige Gründe, unterschiedlich je nach Region, Kulturraum und der jeweiligen Geschichte des Landes. Ein gemeinsamer Ursprung vieler Konflikte
findet sich jedoch in der kolonialen Vergangenheit: Großbritannien,
Frankreich, Portugal, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland teilten bis circa 1880 fast den ganzen Kontinent unter sich auf. Abgesehen von Millionen Opfern von Zwangsarbeit, Rassismus und Ausbeutung hinterließen die Kolonialmächte auch politisch wenig Gutes. Willkürlich gezogene, oft schnurgerade Grenzen trennten Familien, Stämme und Völker, fassten Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Sprache, Kultur und Religion zwangsweise zusammen – der Sprengstoff für zukünftige Konflikte.
Auch waren die Kolonialmächte weniger am Aufbau stabiler, funktionierender Gesellschaften als vielmehr an der Ausbeutung der gewaltigen Rohstoffvorkommen interessiert. Um die riesigen Mengen an Kohle, Metallen, Edelsteinen, Kautschuk und Genussmitteln wie Kakao und Kaffee nach Europa zu schaffen, wurden Exporthäfen an der Küste und Eisenbahnstrecken zu den Rohstoffzentren gebaut, in den Verwaltungssitzen der Gouverneure prunkvolle Gebäude errichtet. Sonst jedoch wurden kaum Infrastrukturen geschaffen oder gar die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt. So besaß Sambia, das frühere britische Nordrhodesien, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nur in der Hauptstadt Lusaka und im Bereich der Kupferminen im Zentrum des Landes eine wirkliche Infrastruktur. Das Erbe dieser einseitigen »Entwicklungsarbeit« ist noch heute in vielen Staaten des subsaharischen Afrikas zu spüren: Oft werden sie zentralistisch von einer Hauptstadt aus verwaltet, welche die Kontrolle über die unzugänglichen Grenzgebiete nur begrenzt aufrechterhalten kann, so etwa am Beispiel des riesigen Kongo. Die Wirtschaft vieler Länder basiert fast ausschließlich auf dem Export von Rohstoffen, was sie extrem abhängig vom Weltmarkt und ausländischen Firmen macht. Anrainerstaaten des Mittelmeeres wie Ägypten, Algerien oder Marokko sind von dieser Einseitigkeit aufgrund ihrer Nähe zu Europa viel weniger betroffen, auch wenn ihre Abhängigkeit von westlichen Abnehmern immer noch groß ist.

Schweiz mit »Big Man«

Zu den territorialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten kommen häufig auch soziale und gesellschaftliche Hinterlassenschaften der Kolonialmächte, vor allem die Vormachtstellung einzelner Eliten. Diese waren für die Kolonialmächte hilfreich bei der Kontrolle der Bevölkerung und wurden entsprechend belohnt. In Ruanda benachteiligten die Belgier sogar auf rassistische Weise die herrschende Gesellschaftsschicht der Tutsi gegenüber der der Hutu, was wohl unter anderem eine Ursache des späteren Völkermordes an über 500 000 Tutsi im Jahre 1994 war.
An diesem »Land der tausend Hügel« zeigt sich gut die Komplexität der wirtschaftlichen und politischen Situation in vielen Ländern Schwarzafrikas. Präsident Paul Kagame hat sich nach dem Völkermord als starker Mann im Staat etabliert und dominiert weitgehend die politische Landschaft. Dabei folgt er einem Muster, das für viele Regionen Afrikas typisch ist: Ein einflussreicher, oft auch militärisch versierter Anführer kontrolliert in seiner Position als Staatsoberhaupt das zentralistisch regierte Land und verschafft Familienmitgliedern und Anhängern Posten und Privilegien, während eingeschränkte Freiheitsrechte und schwache Parlamente seiner politischen Macht nur wenig entgegenzusetzen haben. Beispiele dafür sind etwa Simbabwe, Äquatorialguinea oder der Sudan. Diesen Typus eines häufig autoritären Anführers nennt man auch »Big Man«. Ruanda stellt in dieser Hinsicht allerdings einen Sonderfall dar: In anderen Ländern, wie etwa dem erdölfördernden Nigeria, kommen die Reichtümer aus dem Export nur der herrschenden Minderheit zu Gute, während das kleine Land am Kiwusee in den letzten Jahren zu einer »Schweiz
Afrikas« mit funktionierenden Infrastrukturen und einem relativ hohen Lebensstandard geworden ist. Die politische Lage dagegen ist nach wie vor kritisch, so beklagt Amnesty
International etwa die Einschränkung der Meinungs- und Versammlungs­freiheit sowie das Fehlen einer objektiven Rechtsprechung. Auch ist der Reichtum des Landes teilweise auf seine höchst umstrittene Beteiligung am Kongokrieg von 2006 bis 2009 zurückzuführen. Im Ostkongo sind nach wie vor Milizen aktiv, die von den Nachbarländern Ruanda, Burundi und Uganda unterstützt werden. Diese sind auch der Hauptabnehmer für das meist in Zwangsarbeit abgebaute Gold.

Zwergstaat als Vorbild

In den beiden Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich auch viele Staaten Afrikas stark verändert. So wurde in Mosambik die jahrelange Herrschaft der kommunistischen FRELIMO, die sich mittlerweile vom Marxismus distanziert hat, durch ein von der UNO als überwiegend fair eingeschätztes Mehrparteiensystem abgemildert. Allgemein scheint in den letzten Jahren vielerorts ein gewisser politischer Wandel eingesetzt zu haben. Eine städtische Mittelschicht beginnt sich herauszubilden, die mehr politische Mitwirkung fordert, und breite Bevölkerungsschichten gehen wie etwa 2007/2008 in der DR Kongo auf die Straße, um für ihre Rechte einzutreten.
In diesem Umfeld existieren zwei kleine Binnenstaaten im Süden des Kontinents, die beide eine ähnliche Geschichte haben und dennoch völlig unterschiedliche Wege gehen: Lesotho und Swasiland. Beide waren früher britische Protektorate, und beide sind von ihrem mächtigen und an Arbeitskräften reichen Nachbarn Südafrika regelrecht umstellt. Während Lesotho jedoch in den letzten zwanzig Jahren den Weg von einem autoritären Königtum zu einer parlamentarischen Monarchie mit starkem Zweikammerparlament, Parteienpluralismus und fairem Rechtssystem zurückgelegt hat, ist Swasiland politisch das komplette Gegenteil. König Mswati III. ist ein weitgehend absolut regierender Herrscher mit Millionenkonto und teuren Sportwagen, während die Bevölkerung unter Parteienverboten
und einer hohen Einschränkung der Freiheitsrechte zu leiden hat. Auch ist
Swasiland das Land mit der höchsten AIDS-Rate weltweit.
Obwohl beide Zwergstaaten die gleichen wirtschaftlichen Probleme haben, sieht ihre politische Zukunft also völlig verschieden aus. Lesotho gilt mittlerweile in ganz Subsahara-Afrika als Vorbild für Demokratisierung und Stabilisierung, während die politische Situation in Swasiland nach der restriktiven neuen Verfassung von 2006 zu urteilen weiterhin düster bleiben wird.
Dies sind nur einige Beispiele auf einem riesigen, vielfältigen Kontinent, einem komplexen Mosaik aus Sprachen, Kulturen und Religionen. In den meisten Ländern ist man noch weit von stabilen Zuständen entfernt, und Mangel­ernährung, Armut sowie Krankheiten wie AIDS und Malaria gehören zu den größten Problemen. Auch die jüngsten Auseinandersetzungen in der Zentralafrikanischen Republik und in Nigeria verweisen einmal mehr auf die zahlreichen Konfliktfelder der Region. Doch es gibt durchaus auch positive Entwicklungen zu vermelden. So hat die nach dem Vorbild der EU gegründete Afrikanische Union etwa die wirtschaftliche, politische und militärische Zusammenarbeit zwischen Kairo und Daressalam, zwischen Dakar und Kinshasa zum Ziel. Vielleicht ist es in Zukunft möglich, trotz aller Unterschiede aus der gemeinsamen Geschichte und ähnlichen gesellschaftlichen Situationen eine Basis zur Zusammenarbeit in einer globalisierten Welt zu finden. Dieser Weg wäre mit Sicherheit lang und beschwerlich, doch mit seinen enormen Bodenschätzen, Arbeitskräften und natürlichen Energiereserven könnte das »Sorgenkind der Welt« zum Kontinent von übermorgen werden.

Über Paul Thiemicke

Erstellt: 29.01. 2016 | Bearbeitet: 27.01. 2016 08:12