Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

In der Blase

Die vergangene Legislaturperiode und die aktuelle Landtagswahl zeigen vor allem eines: Studierende sind in Sachsen-Anhalt eine Minderheit und ihre Themen und Ideen auf Halle und Magdeburg beschränkt. Für Sachsen-Anhalt könnte das fatal enden.

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Illustration: Katja Elena Karras

Wer zur Landtagswahl 2011 nach Sachsen-Anhalt kam, konnte durchaus überrascht sein. Gängige Mehrheitsverhältnisse unterschieden und unterscheiden sich hier stets von denen anderer Bundesländer. Was unter Politikstudierenden für zahlreiche und spannende Hausarbeiten taugt, macht die Realpolitik zuweilen kompliziert und schwer vorhersehbar. Bei der Wahl 2011 hätte es für eine rot-rot-grüne Mehrheit gereicht. Es wäre damals ein bundesweit neues Experiment gewesen, doch die SPD zog eine große Koalition vor. Man entschied sich für Bekanntes und gegen das Experiment. Eine unfassbare Sparwut und scharfe finanzielle Kürzungen für die Hochschulen waren die Folge. Der große Protest und auch koalitions- und vor allem SPD-interne Streitereien wendeten die schlimmsten Kürzungen jedoch noch ab. Bis zur aktuellen Landtagswahl wurde dann eine Art Burgfrieden vereinbart (in landestypisch überhöhter Manier »Bernburger Frieden« genannt). Wer wollte, konnte das als Erfolg des Widerstands und Protests begreifen. Gegen die sich wieder politisierten Studierenden ließ sich vermeintlich keine Landespolitik machen.

Doch das dürfte ein Trugschluss gewesen sein. Schon der Umfang und die Struktur der geplanten Einsparungen (zeitweise sollte die gesamte Medizinausbildung in Halle eingestellt werden), verdeutlichten, dass studentischen und universitären Belangen kaum Relevanz und Wichtigkeit von Seiten der Landespolitik zugewiesen wurden. Wer wollte, konnte auch die Koalition der SPD mit der CDU und eben nicht mit den traditionell universitätsfreundlicheren Parteien der Linken und Grünen in diese Richtung interpretieren. So wurde aus den Kürzungen besonders deshalb nichts, weil sich andere Gewerkschaften solidarisierten, die ebenfalls von Kürzungen betroffen waren. Auch erwachte wie erwähnt der linke SPD Flügel zu neuem Leben und sorgte für SPD-interne Unruhe. Der Stura – und damit die Studierenden – war bei Protesten und Aufrufen oftmals zu spät dran. Doch es passierte nichts, und die Studierenden wähnten sich in Sicherheit. Nun, mit dem Ergebnis der aktuellen Landtagswahl, zeigt sich der Trugschluss, dem aufgesessen wurde. Studentische Themen und Ideen zählen in Sachsen-Anhalt nicht. In den Wahl-O-Mat schaffte es zwar der Elbe-Saale-Kanal, nicht aber eine Frage zu Universitätskürzungen.

Das AfD-Wahlprogramm und das Ergebnis 2016 waren eine Absage an das alternative und progressive Leben und die Werte, für die viele Studierende stehen. Die AfD und auch Teile der CDU unter Haseloff, von der AfD vor sich hergetrieben, stehen für eine bildungs-, kultur- und fremdenfeindliche Politik. Von der Absage an queere, feministische oder vegane Themen und Ansätze gar nicht zu reden. Die bittere Erkenntnis für die Studierendenschaft: Außerhalb einzelner Stadtviertel in den Universitätsstädten, die von lebensoffenen und neuen Ideen wimmeln, interessiert sich für diese Werte kein Mensch. Studierender sein heißt, in Sachsen-Anhalt noch mehr als anderswo, ein Leben in einer Blase zu führen. Die größte Zustimmung erreicht die AfD in der Altersgruppe der Unter-30-Jährigen, also genau jener, zu der auch die Studierendenschaft zählt. Bereits im Stadtteil Neustadt konnte die AfD das Direktmandat gewinnen. Verharmlosend in die AfD-Hochburg nach Bitterfeld zu zeigen, ist also fehl am Platz. Bereits die Stadtviertel markieren eine thematisch-inhaltliche Grenze. Ein Dialog wird aus teils sogar nachvollziehbaren Gründen von beiden Seiten abgelehnt.

Trotzdem, wie gefährlich solche extremen Gegensätze und das Bestreben der Menschen, sich stets ähnlich denkenden Umgebungen anzuschließen, sein können, dazu gibt es gerade im US-amerikanischen Wahlkampf Anschauungsmaterial. Nun ist Sachsen-Anhalt nicht die USA, und doch lohnt der Vergleich. In den USA gab es kürzlich nach dem Erfolg eines Bewerbers eine sprunghafte Steigerung der Suchanfragen im Internet, wie ein Auswandern nach Kanada zu bewerkstelligen sei. Fatal wäre es für Sachsen-Anhalt, wenn nach den Kürzungsdebatten und der Landtagswahl die progressiven, kreativen und mit neuen Ideen ausgestatteten jungen Menschen dem ohnehin schon abgehängten Bundesland den Rücken kehren oder gar nicht erst herkommen. Sachsen-Anhalt kann jede Idee brauchen; bleiben diese aus, dann wird das verächtlich geäußerte »Dunkeldeutschland«, welches bisher nur Vorurteil war, Realität.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 09:22