Okt 2016 hastuUNI Heft Nr. 66 0

Im Elfenbeinturm?

Einige bezeichnen sie als weltfremd, andere als »Laberfach«. Von allen Geisteswissenschaften ist die Philosophie wohl die älteste – und komplizierteste. Wieso studiert man so etwas?

5.1

Illustration: Joshua Stepputat

Wenn man sich einen Philosophen vorstellt, kommen einem meist altehrwürdige griechische Gelehrte in den Sinn, die über den Marktplatz von Athen wandeln und mit gerunzelter Stirn in Gespräche vertieft sind; oder aber man denkt an einen Nietzsche, der mit wirrem Bart und unstetem Blick in seinem Zimmer auf und ab geht, in Gedanken versunken, die wohl niemand außer ihm selbst verstehen kann. Allgemein scheint die griechische philosophía, die Liebe zur Weisheit, von der Welt entrückt zu sein, sich mit Problemen beschäftigend, die sonst eigentlich niemanden interessieren. Doch  was steckt  wirklich  hinterdiesen eher wenig schmeichelhaften Auffassungen? Erzählt man jemandem aus seinem Umfeld davon, dass man Philosophie studiert, erntet man ein breites Spektrum von Blicken; von kaum verschleierter Verständnislosigkeit bis hin zu mitleidiger Belustigung ist alles dabei. Besonders Naturwissenschaftler scheinen sich nicht ganz sicher zu sein, ob es sich bei der Philosophie nicht mehr um einen Freizeitvertreib als um eine Wissenschaft handelt.

Ohne knallhart untermauernde Fakten, ohne Möglichkeit für Experimente scheint diese Disziplin kaum eine Wissenschaft zu sein. Selbst für die anderen Geisteswissenschaften wie Soziologie, Philologie oder Geschichte ist eine solide Faktenbasis unerlässlich. Die Philosophie dagegen benutzt empirische Daten eher als Zusatz­häppchen in der Argumentation; essentiell wichtig sind sie jedoch nicht. Aus diesem Grund betrachten die anderen Disziplinen die Philosophie mit einer gewissen Skepsis; die Unterstellung, nichts Substantielles vorweisen zu können, liegt immer irgendwie in der Luft.

5.2

Illustration: Joshua Stepputat

Die Mutter aller Wissenschaften
Dabei ist die Philosophie die erste und somit auch älteste aller Wissenschaften, mit denen sich der Mensch jemals auseinandergesetzt hat. Ihre grundlegenden Fragen nach dem Was, Wie, Wo, Warum, das Bedürfnis, Naturphänomene und Sinnfragen methodisch zu klären, bilden die Grundlage jeder wissenschaftlichen Arbeit. Tatsächlich gab es, wenn man sich eurozentrisch zum großen Teil auf die griechisch-römische Antike beschränkt, zu Anfang nur eine einzige Wissenschaft, die philosophía. Denker wie Sokrates, Platon und Epikur dachten über Werte, Moral und den menschlichen Geist nach; Aristoteles und Konfuzius beschäftigten sich mit Politik und Gesellschaft. Hippokrates ist noch heute der Patron der Mediziner, während sich Demokrit schon mit dem Begriff des kleinsten unteilbaren Teilchens, des átomos, herumplagte. Der bereits genannte Aristoteles machte sich nicht nur Gedanken um Ethik und Politik, sondern studierte auch die Beschaffenheit des menschlichen Geistes sowie den Unterschied zwischen Mensch und Tier.
Seit diesen Tagen hat sich einiges verändert, und immer mehr Teildisziplinen haben sich von der Philosophie gelöst; Physik, Biologie, Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte führen heute ihr wissenschaftliches Eigenleben. Die alte Tante Philosophie scheint vor dem Druck der naturwissenschaftlichen Fakten immer weiter zurückweichen zu müssen; mit der Mathematik teilt sie sich das Fachgebiet der Logik, die Abgrenzung zwischen politischer Philosophie und Politikwissenschaft ist bestenfalls unscharf. Die Philosophie des Geistes sieht sich der Konkurrenz durch die Neurobiologie ausgesetzt; ebenso wie Metaphysik und Ontologie, die sich mit Sein und Wirklichkeit beschäftigen, von der Physik herausgefordert werden. Da stellt sich natürlich die Frage, welche Daseinsberechtigung die Philosophie im 21. Jahrhundert noch hat. Wird sie schlussendlich völlig in ihren ehemaligen Unterdisziplinen aufgehen, studieren die vielen angehenden Philosophen an den Universitäten vielleicht ein untergehendes Fachgebiet?
Der Vorwurf, eine brotlose Kunst zu sein, steht sowieso schon immer im Raum. Außerhalb des akademischen Betriebes ist es tatsächlich schwer, als Wald- und Wiesenphilosoph ohne Nebenerwerb über die Runden zu kommen. Dass jedoch die Philosophie zum Aussterben verdammt ist, kann niemand wirklich behaupten. Eher im Gegenteil, in der zunehmend komplexer werdenden Welt wird besonders ein spezielles Fachgebiet zwischen Globalisierung und Digitalisierung immer wichtiger: die Ethik.

5

Illustration: Joshua Stepputat

Marx und pränatale Diagnostik
Sich über Moral den Kopf zu zerbrechen, hat in der Philosophie eine lange Tradition; die Frage »Was soll ich tun?«, wie sie Kant so treffend formulierte, beschäftigt den Menschen schon seit seinen Anfängen. Hier hat die Philosophie einen gewaltigen Vorteil gegenüber den anderen Wissenschaften, denn wie schon erwähnt ist sie, anders als diese, nicht unbedingt auf empirische Fakten angewiesen, um ihre Theorien zu rechtfertigen. Wichtig sind eher schlüssige Argumente und logische Überlegungen. Auf diese Weise kann besonders die Ethik Wissenschaftlichkeit in Bereiche bringen, die von den Naturwissenschaften ausgelassen werden müssen. In der Medizin etwa stellen sich Fragen wie »Ab wann ist etwas Leben?«, »Ist Klonen erlaubt?« oder »Ist pränatale Diagnostik moralisch vertretbar?« Ein weiteres wichtiges Feld, in dem die Moralphilosophie unschätzbare Dienste leisten kann, ist die Umwelt­ethik: »Wie soll der Mensch mit der Natur umgehen?«, »Welche Rechte haben zukünftige Generationen?« oder »Was genau ist die Verantwortung des Menschen beim Treffen von zukunftsträchtigen Entscheidungen?«. Diese Fragen scheinen auf den ersten Blick vertraut und einfach zu beantworten zu sein; doch bei genauerer Betrachtung ist es schwierig, dabei emotionale oder unsachliche Argumente außen vor zu lassen. Um sich einer Lösung zu nähern, ist daher eine umfassende, wissenschaftliche Diskussion sowie eine Abwägung der Fakten nötig.
Daran sieht man: Die Philosophie hat noch lange nicht ausgedient, im Gegenteil, viele ihrer Vertreter sind am Puls der Zeit. Besonders in der politischen Philosophie waren sie es immer schon, sei es Rousseau mit seinem Gesellschaftsvertrag oder Karl Marx mit der bekannten wirtschaftlich-politischen Analyse. Hier zeigen sich allerdings auch die Schattenseiten solcher Überlegungen: Wie alle Wissenschaften wurden und werden philosophische Ideen missbraucht, um eigene Interessen durchzusetzen. So wird wohl jedem die Transformation der marxschen Theorien in die Begründung für das grausame Regime Lenins und Stalins in den Sinn kommen; unrühmlich ist auch die Veränderung der Texte Friedrich Nietzsches hin zu einem ideologischen Instrument der Nationalsozialisten. Philosophie ist nicht nur wichtig, sie kann auch gefährlich sein, denn sie arbeitet vor allem mit einem: menschlichen Gedanken.
Deswegen sollte man das Philosophieren aber nicht einstellen, ganz im Gegenteil. In Zeiten einer internetgestützten, mehr auf Polemik als auf Rationalität bauenden Streitkultur ist es äußerst wichtig, die Prinzipien des Argumentierens und An-der-Welt-Herumrätselns hochzuhalten. Die hoch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit komplexen Themen muss nicht jeder Mensch unbedingt zur Vollendung beherrschen, am wichtigsten ist das Fundament philosophischen Denkens: Sich mit anderen Menschen auszutauschen, neue Ideen und Perspektiven kennenzulernen, sich dadurch weiterzuentwickeln. Ist dies nicht der ursprüngliche Sinn der Universitäten, in denen früher die Philosophie, nicht ohne Grund, als Königsdisziplin angesehen wurde? Doch philosophisches Denken beschränkt sich nicht nur auf den universitären Alltag. Ständig und überall auf der ganzen Welt stellen sich Menschen die entscheidenden Fragen: »Was bin ich?«, »Was kann ich wissen?«, »Was soll ich tun?« Die Philosophie ist ein Feuer, das niemals erlischt; jedes neue Problem lässt sie in uns auflodern. Vielleicht ist das ja auch das Wichtigste an ihr: Noch viel wichtiger als Antworten zu finden, ist es, neue Fragen zu stellen.

Über Paul Thiemicke

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 15:47