Okt 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 67 0

»Ich bin eher für Lücken im Lebenslauf«

Katja Hofmann studiert zwar nicht mehr in Halle, ist aber durch ihre Beiträge in Poetry Slams eine Person, die man als Student sehr wohl kennen kann. An einem Montagmittag bei Kaffee und Kuchen im Fräulein August kommen wir ins Gespräch.

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Foto: Lukas Klose

Wie fing das eigentlich damals an mit dir und dem Poetry Slam?
Ich hab mit einem Date bei einem Poetry Slam zugeguckt, im Turm damals. Also, kleiner Tipp: Zu Poetry Slams kann man ein Date mitnehmen!
Und dann waren wir da, und, ich glaube, Pauline Füg war auf der Bühne, die hat mich tief beeindruckt. Da hab ich gedacht: »Cool, das probier ich auch mal!« Und dann kam ich mit dem Date zusammen, und er hat mich verlassen, nach zwei Monaten. Ich war ein bisschen gekränkt und hab darüber einen Text geschrieben. Ich bin mit dem dann aufgetreten und ins Finale gekommen, aber nur weil ich so viele Freunde im Publikum hatte. Die haben einfach wahnsinnig applaudiert. Dann war ich im Finale, hatte aber keinen anderen Text, ich musste also improvisieren, und das lief schlecht, und ich bin Letzte geworden. Aber das war nicht schlimm. Naja, und dann hatte ich das immer wieder probiert. Später habe ich dann im Turm angefangen und war in dem Verein mit tätig und hab den Slam auch mit moderiert. Und irgendwann musste ich was Eigenes machen, und das muss ich immer noch.

Wie viele Auftritte hattest du letztes Jahr?
Um die 70. Und das, obwohl ich 40 Stunden die Woche arbeite. Ich habe schon immer viel neben dem Studium gearbeitet, und so findet das meistens am Wochenende statt, oder ich habe abends meine eigenen Veranstaltungen. Aber es war mir auch nicht bewusst, dass es so viele sind.
Hast du dein Studium eigentlich beendet?
Ne, das hab ich abgebrochen.

Was hattest du studiert?
Eigentlich wollte ich mal Lehrerin werden. Das ist auch wirklich ein toller Beruf, und ich glaube, das hätte mir auch gelegen. Aber umso mehr man arbeitet, desto weniger geht man in die Uni. Ich hab trotzdem noch lange studiert, irgendwann auf Bachelor: Franko-Romanistik und Politikwissenschaft. Ich wollte es immer fertig machen, aber ich habe gemerkt: »Okay, ich schaffe es nicht.« Irgendwann muss man das auch mal sagen! Ich habe mich umorientiert, etwas ganz anderes gearbeitet, als ich eigentlich studiert habe. Aber ich interessiere mich immer noch sehr für meine Studienfächer, ich liebe es, mich mit politischen Dingen auseinanderzusetzen, ich fahre jedes Jahr nach Frankreich. Das ist immer noch mein Hobby, und ich habe es tatsächlich angefangen zu studieren, weil ich darüber mehr wissen wollte.
Jetzt arbeite ich in einem Bereich, den ich ziemlich gut finde. Ich bin im Personalmanagement und Trainerin bei Mrs. Sporty. Ich helfe Menschen dabei, ihre Ziele zu erreichen, und so bin ich ja doch noch irgendwie Lehrerin geworden, nur für Erwachsene. Im November mache ich in diesem Bereich auch meinen Abschluss. Da habe ich wenigstens etwas. Ich meine, eigentlich brauche ich keinen. Ich weiß, was ich kann und was ich möchte. Und ich bin immer sehr weit gekommen damit. Aber der Druck ist trotzdem da, dass man irgendetwas vorweisen kann.

Gerade bei Politikwissenschaft hab ich gehört, dass es viele abbrechen.
Das stimmt auch wirklich, es ist schon sehr anspruchsvoll. Aber ich bin da trotzdem immer irgendwie durchgekommen, ohne viel Aufwand. Aber ich hätte mehr schaffen können.

Wann hast du aufgehört zu studieren?
Im Januar 2015. Und ich habe es überhaupt nicht bereut! Es fiel mir ein richtiger Stein vom Herzen. Ich wusste, ich bin nicht dumm und ich könnte es auch machen, wenn ich mich dahinter klemmen würde, aber das war wirklich nur ein Stresspunkt. Ich denke darüber nicht eine Minute mehr nach. Manche bereuen das danach ein Leben lang, aber ich fand das einfach stressig zu studieren. Da bin ich nicht der Typ für. Ich bin eher für Lücken im Lebenslauf.

Hast du mal überlegt, stattdessen was anderes zu studieren?
Ja, ich hätte super gerne an der Burg studiert.

Was hättest du dort machen wollen?
Alles! Ich habe damals nur als Schülerin im Schwimmbad-Kiosk gearbeitet. Aber ich war nie im Ausland. So hat es sich erst viel später entwickelt, dass ich gerne etwas Handwerkliches machen möchte. Irgendwas, mit einem greifbaren Ergebnis. Ich habe zwar bemerkt, dass ich immer besser französisch sprechen konnte und eine politische Meinung habe – das war schön! – aber irgendwie hat man nichts vollbracht. Naja, ich hätte gerne Modedesign oder so etwas gemacht – aber jetzt ist das zu spät, und ich habe damit abgeschlossen.

Also hast du dich nie beworben?
Doch! Ich habe mich ganz am Anfang beworben, aber gleich die Zusage vom Lehramtsstudium bekommen, und damit hatte ich einen festen Job in Aussicht in der fernen Zukunft und einen vorgefertigten Lebensweg und habe das gemacht.

Vermisst du irgendetwas am Studentsein?
Ja! Ich kriege oft von den richtig coolen Veranstaltungen hier in Halle nichts mehr mit! Man fühlt sich manchmal alt und ist irgendwie raus aus dem Ganzen.

Bleibst du noch ein Weilchen?
Ja, ich habe nicht vor wegzuziehen. Ich bleibe auf jeden Fall hier und werde weiter Shows machen und ein bisschen leben. Mal gucken, vielleicht entwickelt sich beruflich noch einmal etwas anderes, das weiß man ja nie. Aber im Moment sieht es ganz gut aus. Alles hat sich so etabliert. Die Veranstaltungen liegen mir so am Herzen, und ich hab mein eigenes kleines Publikum, das immer wieder und regelmäßig kommt.

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Foto: Richard Bohn

Wie lange bist du jetzt schon in Halle?
Ich bin jetzt seit 2005 hier. Ich habe letztes Jahr mein zehnjähriges Jubiläum sogar ein bisschen zelebriert. Da habe ich kurz einmal angestoßen, und das war«s dann für mich.

Ich habe dich ja jetzt schon öfter einmal performen sehen, und du hast eine tolle Ausstrahlung und wirkst on point. Kannst du dir vorstellen, das Schreiben zum Beruf zu machen?
Ich glaube, bei mir ist das schriftstellerische Talent nicht vordergründig, und ich möchte auch keine Schriftstellerin werden. Tatsächlich langweilt mich das, etwas aufzuschreiben. Ich bin eher aus dem schauspielerischem Hause, man sagt mir oft, dass ich eine gute Ausstrahlung habe, ich sehe das noch nicht einmal so. Ich denke, ich bin ein ganz normales Mädchen, aber irgendwie stehen die Leute darauf.
Ich hatte auch schon die Möglichkeit, ein Buch zu veröffentlichen. Das habe ich gewonnen bei der Buchmesse in Leipzig, habe ich aber nicht gemacht. Ich hatte ein Jahr Zeit, etwas einzureichen, ich hätte meine Texte nehmen können. Aber meine Texte leben auch nicht, wenn die jemand liest, die wirken dann nicht. Beim Poetry Slam ist fünfzig Prozent Performance, fünfzig Prozent Textinhalt. Und ich mache eher so achtzig Prozent Performance und zwanzig Prozent Textinhalt. Meine Texte sind nicht so deep.

Hier in Halle hast du ja die »Wörterspeise« und »Poeten gegen Sänger« als feste Formate, die du moderierst.
Ich moderiere momentan unglaublich gerne. Das ist so cool, weil man sich darauf nicht vorbereiten kann. Es bringt so einen Nervenkitzel. Ich bin bei Auftritten fast nicht mehr aufgeregt, und das langweilt mich. Deswegen suche ich mir immer mal wieder eine neue Sparte, und das ist momentan die Moderation in vielen Variationen.

Und was für Veranstaltungen moderierst du dann so?
Die absurdesten Sachen! Zum Beispiel den Klimmzug-Wettbewerb beim Göttinger Sportfest dieses Jahr oder das Stadtratschwimmen beim Stadtbad-Jubiläum. Aber etwas vermisse ich. Ich finde, die Uni bringt sich zu wenig ein. In fast allen Städten gibt es Hörsaal-Slams, hier in Halle nicht. Ich würde gerne eine so große und coole Veranstaltung planen, aber das klappt nie. Es gibt nur hin und wieder kleine Veranstaltungen. Ich habe mal versucht, da etwas in die Wege zu leiten, aber es hat sich nie etwas ergeben.

Was planst du als nächstes?
Als nächstes kommt eine Lesebühne mit Leonie Warnke, André Herrmann und Friedrich Herrmann zusammen in Halle ab Oktober immer am dritten Donnerstag des Monats. Wir sind dann zwei Mädels und zwei Jungs, und dann wird das unsere Lesebühne »Glanz und Gloria«. Das wird schön.

Über Janin Rominger

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 17:56