Aug 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 66 0

Hunting out the Hausarbeit

Studierende schreiben Hausarbeiten, die nach der Abgabe beim Professor nicht weiter verwendet werden. Eine studentisch organisierte Zeitschrift kämpft dagegen an, indem sie die besten Seminarschriften ihrer KommilitonInnen regelmäßig abdruckt.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2010. Zu dieser Zeit wissen die Studierenden noch nicht, ob ihr Projekt – in einer eigens dafür gegründeten Zeitschrift Hausarbeiten zu veröffentlichen – ankommt und ob es überhaupt weiterexistieren wird. Dabei kam es dem Dilemma vieler Studierender entgegen. Denn wer hat sich nicht schon einmal beschwert, eine Hausarbeit schreiben oder sich wieder an die schon angefangene Arbeit dransetzen zu müssen. Wer hat sich nicht gefragt: »Wieso liest meine gelungene Arbeit eigentlich nur der Professor, und danach verschwindet das gute Stück im Uniarchiv?« Martin Lhotzky, Theaterstudent an der Freien Universität in Berlin, und seine Freunde aus den Bereichen Germanistik, Komparatistik und Theaterwissenschaft wollten das ändern. In »Anwesenheitsnotiz« – so der symbolhafte Titel der Zeitschrift – publizieren sie die Seminarschriften ihrer KommilitonInnen aus Kultur- und Geisteswissenschaften. »Unser Ziel ist es, interessierten Autorinnen und Autoren ein Podium zu geben, das berücksichtigt, dass sie Studierende sind. Es geht nicht darum, bereits seine Linie gefunden oder alle Forschungsaspekte berücksichtigt zu haben, sondern darum, abseits der einschlägigen fachwissenschaftlichen Zeitschriften, den zukünftigen Autoren und Autorinnen ein Medium und ein Redaktionsteam anzubieten.« schreiben sie in der ersten Ausgabe.

Von Jägern und kunstseidenen Mädchen
Mittlerweile hat das Team acht Hefte veröffentlicht. Die darin enthaltenen Seminararbeiten haben die Redakteure und den wissenschaftlichen Beirat aus Professoren mit Einzigartigkeit und Innovation – die wichtigsten Voraussetzungen für den Druck – beeindruckt. In »Hunting Out of Africa« untersucht Anna Stöber (Kulturwissenschaft) anhand von Karen Blixens autobiografischem Roman »Out of Africa« verschiedene Funktionen des dort ausgebreiteten Jagdmotivs. Der Germanistikstudent Tim König kombiniert Film- und Text­analyse in seinem Beitrag »Körper in Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun. Eine Analyse der perspektivischen Verhältnisse anhand eines Romanbeginns.« Das sieht beispielsweise so aus: »Damit wird das im Leser erzeugte Vorstellungsbild zum inneren Film und die Worte und Sätze zu filmästhetischen Mitteln: Nach Kaemmerling ist eine filmische Sentenz mit einem Satz vergleichbar; da der Schnitt meist mit einem Wechsel der Sentenz einhergeht, sehe ich im Satzzeichen die Möglichkeit einer Einstellungskonjunktion.« Mit aktueller Problematik beschäftigt sich der Verfasser in »Das exzentrische Du und seine Sicht auf die Entnahme von Organen«.

SoziologInnen mischen schon lange mit
Was die Anwesenheitsnotiz macht, entwickelte sich in Halle schon einige Jahre früher. Infolge des ersten studentischen Soziologiekongresses, welcher von Soziologiestudierenden der MLU im Jahr 2007 organisiert wurde, entstand das »Soziologiemagazin«. In diesem erhalten Studierende und NachwuchswissenschaftlerInnen die Chance, wissenschaftliche Artikel zu soziologischen Themen zu veröffentlichen. Wie auch bei der Zeitschrift aus Berlin setzt sich die Redaktion hauptsächlich aus Studierenden zusammen. Diese kommen aus ganz Deutschland, weshalb E-Mail und Skype die bevorzugten Kommunikationsmittel sind. Zusätzlich betreibt die Redaktion den »Soziologieblog«, auf dem Studierende sozialwissenschaftliche Beiträge veröffentlichen können.

Der Ruhm ruft
Und am Ende haben doch mehr Menschen Notiz von der Anwesenheit einer neuen studentischen Zeitschrift genommen, als die Macher es sich erträumen konnten. Die ZEIT Campus (»Abgestaubt: Was studentische Arbeiten bewegen können.«), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (»Raus aus der Schublade!«), die Süddeutsche Zeitung (»Endlich mehr als einen Leser.«) und noch viele andere haben nicht ohne Begeisterung über das Studierendenjournal berichtet. Die Berliner Studierenden haben es also geschafft, Hausarbeiten ihrer KommilitonInnen aus der Schublade des Professors zu jagen und das Versprechen der ersten Ausgabe eingehalten: »Was Du hier liest, ist eigentlich verstaut in den Archiven der Universitäten und nimmt genau im Moment Deines Lesens eine Transformation vor: Es transformieren sich Seminararbeiten vom Schubladenmedium zu einem wissenschaftlichen Aufsatz.«

 

  • Habt Ihr eine Idee, was man mit Hausarbeiten alles machen kann, damit sie nicht einfach in der Schublade vergessen zurückbleiben? Schreibt uns! Die besten und kreativsten Vorschläge veröffentlichen wir, zusammen mit einer Illustration Eurer Idee.
    redaktion@hastuzeit.de

Über Nataliya Gryniva

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 16:52