Aug 2016 hastuUNI Heft Nr. 66 0

Hochschulpolitisches Fehdewesen

Auf dem Steintorcampus steht ein Denkmal und erinnert an im preußisch-französischen Krieg gefallene Landwirte. Der SDS.DieLinke wollte mit der Abrissbirne anrücken. Dem RCDS taugte es daraufhin als Kulisse für ein Gruppenfoto. Alles beim Alten belassen oder totaler Kahlschlag – dazwischen liegen unendlich viele Alternativen. Eine Überlegung.

Sinnvoller Umgang mit kriegerischer Vergangenheit? Plakat der MLU- Hochschulgruppe SDS.Die Linke

Sinnvoller Umgang mit kriegerischer Vergangenheit? Plakat der MLU-
Hochschulgruppe SDS.Die Linke

Hinter friedlich grinsenden christlich-demokratischen Gesichtern blickt Germania auf die konservativen Kräfte der Hochschulpolitik. Aber ist es überhaupt Germania, als Inbegriff des Deutschen? Natürlich, wer Germania sucht, wird sie finden. Schaut man aber genauer hin, erkennt man Griffel und Papyrusrolle als Kennzeichen der Klio, Muse der Heldendichtung, Geschichtsschreibung und obendrein Schutzpatronin der Historiker.
Diese Statue nun, einst 1872 zum Gedenken an die in den Kriegen mit Frankreich gefallenen Landwirte aus Halle geschaffen, ist also Zentrum einer hochschulpolitischen Fehde. Der Versuch, Geschichte auszulöschen (Abrissbirne), unkommentiert zu lassen oder sich gar zu eigen zu machen (Facebook-Gruppenfoto), mag als Provokation funktionieren. In Zeiten eines Studiums, das zu Kreativität und Reflexion anregen sollte, denken kluge Köpfe aber weiter. Als Symbol für Frieden und Harmonie scheint eine intensive Bepflanzung das Denkmal bei gleichzeitigem Erhalt positiv umzuwerten: Das lebende Grün gegen kalten, toten Stein.
Warum etwa keine Sonnenblumen um die Statue pflanzen? Im Frühling wären die Pflänzchen noch zart und klein, der Blick auf das Denkmal frei und dem RCDS sein Lieblingshintergrund nicht genommen. Im Sommer dagegen stellten die großen Blätter und Blüten das Denkmal in den Schatten und sorgten für ein friedliches Campusleben ohne Erinnerung an Krieg und Leid, ganz im Sinne des SDS. Im Herbst würden die Samen Vögel jeglicher Farbe und Art anlocken, bevor die Pflanzen verschwänden und der kommende Winter daran erinnerte, dass Krieg und Nationalismus niemals komplett verschwunden sind.
Ein Blick auf die Umgebung des Denkmals verrät: Auf die Idee mit den Blumen sind schon andere gekommen. Wer Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert und in diesem Frühjahr noch kein Selfie mit sattgelbem Narzissenhintergrund geschossen hat, hat nicht gelebt.

Statt der Blumen könnte auch Mahatma Gandhi abhelfen. Sein metallenes Konterfei rutscht auf wenige Zentimeter an Klio heran und stellt somit eine gänzlich andere, wenngleich ebenso umstrittene Ideologie dar. Gewaltfreier Widerstand gegen Kriegsverherrlichung, diese oder ähnlich plakative Deutungen sind jetzt möglich. Weiterer Pluspunkt: Als klares Zeichen gegen den Genderwahn stünde der weiblichen Klio endlich ein Mann gegenüber. Verändern statt Gendern …
Aber es geht noch besser: Eine hochschulübergreifende Kooperation führt MLU und Burg unter dem Motto: »Klios neue Kleider – Der Stoff, aus dem …« zusammen. Ein Projekt von sicherlich weitreichender Strahlkraft, das dem positiven Image und der Außendarstellung der Uni zuträglich ist. Endlich wieder gute Nachrichten ohne historische Vorbelastung aus der Emil-Abderhalden-Straße.

Tradition verpflichtet? Screenshot von der Facebook-Seite des RCDS Halle

Oder ein ganz verwegener Vorschlag: man geht tatsächlich einmal ernsthaft an das Thema heran und betrachtet Klio aus verschiedenen Winkeln. Studierende aller Fächer beteiligen sich an einer Diskussion, die eine tiefgreifende Auseinandersetzung zum Ziel hat und Fragen wie diese generiert: Wie erinnert man angemessen an Gefallene? Wer hat dieses Denkmal aufgestellt und mit welchen Zielen? Welche Bedeutung haben Kriegerdenkmäler heute? Welche Rolle spielten sie früher? Setzt sich die Universität mit ihrer eigenen Geschichte auseinander? Wie soll unsere Uni heute aussehen?
So wird das Denkmal nicht nur zum Impuls, es bietet auch den konkreten Platz für Austausch. Zwei der vier Steinplatten im Sockel sind noch frei. Sie könnten Raum sein für Kommentare und Gedanken und so dem Denkmal einen aktuellen und gleichzeitig kommentierten Charakter geben. Obendrein wäre es endlich ein sinnvolles, gemeinsames Projekt, ganz ohne Provokation und Polemik. Denn vielleicht sind es ja Abrissbirne und Fotokulisse, die Hochschulpolitik so oft zum unsachlichen Kaspertheater machen, das bei so wenigen Interesse findet.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 16:42