Aug 2016 Allgemein hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

Generation Beziehungsunfähig ?

Selbstoptimierung, Perfektionsstreben, Narzissmus – wenn es nach dem Schriftsteller Michael Nast ginge, würden diese Schlagworte das Ideal des gegenwärtigen Deutschen präzise umschreiben.

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Grafik: Buchcover

Folgt man dem Spiegel-Bestseller-Autor in seinem aktuellen Werk »Generation Beziehungsunfähig«, nimmt man eine recht beängstigende Entwicklung wahr. Die Lebensführung eines modernen Durchschnittsdeutschen scheint der von vor 20 Jahren kaum noch zu ähneln. Die damals angestrebten und profanen Ziele des frühen Heiratens und Kinderkriegens werden von immer mehr Menschen immer weiter in die Zukunft verschoben. Stattdessen stehen die individuelle Karriere und die tägliche Modellierung des eigenen Selbstbildes im Vordergrund. Nast erkennt hier ein erschreckendes Ausmaß an Selbstinszenierung. Das klingt zugegebenermaßen reichlich plakativ, doch kann wohl kaum jemand diese Anmaßungen komplett abschmettern.

Aktuell sind allein in Deutschland auf der Internetplattform Facebook 28 Millionen User angemeldet. 21 Millionen besuchen die Seite täglich. Bei Instagram beläuft sich die Nutzerzahl auf 9 Millionen – Tendenz steigend. Der Ansatz solcher social networks war ja ein redlicher. Freundschaften sollten trotz physischer Entfernung gepflegt werden können. Dieser Soll wird für so manchen auch erfüllt, doch beobachtet man besonders jugendliche Smartphone-Liebhaber, so fällt eines besonders auf: die Paradoxie an der Sache. Soziale Netzwerke sollten die Kommunikation erleichtern und doch wird diese zunehmend abgeschafft. Noch vor ein paar Jahren sah man in den Straßenbahnen und in den Kaffees lachende, diskutierende und debattierende Gesichter. Wenn man heutzutage vorzugsweise junge Menschen beobachtet, sitzen sie kopfneigend und seelenruhig nebeneinander. Ab und an wird ein Katzenvideo oder der aktuelle Post eines Society-Wannabe-It-Girls herumgezeigt. Beziehungen fußen seltener auf gemeinsam geteilten Werten als auf gemeinsam geteilten Videos.

Die physische Entfernung konnte trotz dessen im Ansatz getilgt werden, doch stieg die psychische. Es werden selten spontane Schnappschüsse geteilt, die jemanden in realen und echten Momenten zeigt. Hochgeladene Fotos durchlaufen vorm Uploaden eine Art Casting und Maskierung durch dutzende Filter- und Photoshop-Optionen. Und allein die Höhepunkte des Lebens werden veröffentlicht, in der Hoffnung Respekt und vielleicht auch etwas Neid bei den Beobachtern auslösen zu können. Das hat mit transparenter Offenlegung der eigenen Person wenig zu tun, der narzisstische Part eines Jeden kann davon aber offenbar zehren.

Ähnliche Tendenzen können bei Dating-Apps ausgemacht werden: Bei Tinder – um nur ein Beispiel unter dutzenden zu nennen – wird mit einem Wisch nach links oder rechts entschieden, ob man die gezeigte Person kennenlernen möchte oder nicht. Die Auswahl eines möglichen zukünftigen Partners (oder wohl eher Bettgenossen) geht gen unendlich. Wie der Soziologe Georg Simmel bereits vor über hundert Jahren seufzend festgestellt hatte, wird Quantität über Qualität erhoben. Michael Nast vergleicht diesen hiesigen Entscheidungsspielraum mit einem immerwährenden Clubbesuch, der aber weder den Mut des Ansprechens bedarf, noch die Angst abzublitzen. Diese Art des Kennenlernens kann somit viele Vorteile eröffnen. Doch geht mit einer derart technisierten und oberflächlichen Manier so manch magischer Moment verloren. Allein das oft gekünstelte und retuschierte Bild entscheidet über top oder flop. Wenn dann doch ein Treffen zustande kommt, sind Erwartung und oftmals Enttäuschung groß.

Die Karriere und die universelle Selbstverwirklichung haben in der modernen Zeit einen hohen Stellenwert eingenommen. Man möchte das Beste aus sich herausholen, konkurrenzfähig werden und immer höher gesteckte Ziele erreichen. Nicht zuletzt wegen steigender Anforderungen des Arbeitsmarktes. Wir streben eine Selbstoptimierung an, denn wir wissen, »dass alles noch viel besser werden kann. Bis es perfekt ist. Das Problem mit dem Perfekten ist allerdings, dass man diesen Zustand nie erreicht.« Nast prangert das ewige Meißeln an sich selbst und die Erhöhung des Berufs zur persönlichen Berufung an. Natürlich ist es ein großes Glück, in seinem Job aufzugehen. Immer öfter verschwimmen jedoch Privat- und Berufsleben, sodass soziale Beziehungen und besonders die zu sich selbst weiter in den Hintergrund rücken. Eben das meint Nast mit »Beziehungsunfähigkeit«. Wir sind kaum noch bereit, einen Teil von uns in die Beziehungspflege zu unseren Liebsten zu stecken, denn das kostet Energie. Und egoistisch, wie wir sind, möchten wir diese für uns allein aufwenden.
Der gefeierte Schriftsteller spricht vermeintliche Phänomene der heutigen Jugend an, doch erzählt der 41-Jährige von Situationen aus seinem eigenen Bekanntenkreis. Lösungsvorschläge gibt er dabei nicht. Dennoch kann zwischen den Zeilen der Wunsch nach einer gegenläufigen Entwicklung herausgelesen werden.

Über Anne Beyer

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 10:06