Dez 2016 hastuUNI Heft Nr. 69 0

Fukushima ist nicht tot

Mitte November besuchte eine Delegation von der Universität Fukushima im Rahmen einer Deutschlandreise für drei Tage die Stadt Halle. Dabei hielten sie an der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg einen Vortrag. Tarō Daikoku, Professor für Politikwissenschaft, und 23 japanische Studierende erzählten vom dortigen Unglück 2011, dem heutigen Alltag, den gesellschaftlichen Problemen und ihrem Traum: einer Zukunft ohne Kernenergie.

Foto: Tom Klotzsche

Als die atomare Kernschmelze bekannt wurde, ordnete die japanische Regierung die Evakuierung von etwa 470 000 Menschen aus der Region an. In provisorischen Wohnungen versuchten die Menschen eine Art Alltag wiederzufinden. Da vor allem der älteren Bevölkerung in der Region die Arbeit fehlte, organisierten Studenten und staatliche Unterstützer für sie die Möglichkeit, weiter in der Landwirtschaft aktiv zu sein. Auch die traditionellen Bräuche wurden weiterhin gefeiert, erzählten die japanischen Gäste und zeigten Fotos, auf denen fröhlich getanzt und gesungen wurde.

Leben mit radioaktiver Strahlung
Auch für die Menschen, die ihre Region nicht verlassen mussten, aber dennoch erhöhter Strahlung ausgesetzt waren, ergaben sich Probleme. Der 22-jährige Yūya Endō studiert in Fukushima Verwaltungsrecht. Im eigenen Garten, erzählt er, hat er mit seiner Familie Gemüse angebaut. Nach der Kernschmelze mussten sie die gesamte Ernte wegschmeißen. Damit sind sie kein Einzelfall, in der ganzen Region mussten die dort so wichtigen Kaki-Früchte entsorgt werden.
Wer unweit des Unfallortes wohnt, muss so manche Regel beachten: So ist es notwendig, jedes Essen auf radioaktive Strahlung zu überprüfen. Auch sich selber müssen die Menschen immer wieder nach eventueller Strahlung testen. Manchen bleibt aber auch keine andere Wahl, als in gefährdeten Gebieten zu wohnen. Die lokale Landwirtschaft muss zum Beispiel weiter betrieben werden, da die Böden sich sonst zu Brachland entwickeln und langfristig nicht mehr nutzbar wären, wie die Vortragenden berichteten. Dass sie der Strahlung ausgesetzt sind, sei den Leuten dort bewusst; die langfristigen Folgen seien für sie dabei schwer abzuschätzen.

Foto: Tom Klotzsche

Schweigende Öffentlichkeit
Die Einwohner um Fukushima herum versuchen nun andere Wege der Energie erzeugung zu finden, wie zum Beispiel Solaranlagen. Es wird ihnen aber nicht leicht gemacht. Zwar sind aktuell alle Atomkraftwerke vom Netz genommen, dennoch will die Regierung Japans weiterhin an der Kernenergie festhalten und bald die ersten Atommeiler wieder ans Energienetz anschließen. Da es in Japan keine starken Bürgerbewegungen gibt und im Parlament keine schlagkräftige Opposition sitzt, fehlt es politisch an Alternativen, sodass die Regierung die Energiepolitik fast widerstandslos fortsetzen kann. Viele Einwohner Japans beschweren sich, dass die größten Medien alle sehr enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft haben und abhängig von Geldern aus der Industrie sind. Entsprechend falle die mediale Kritik an Missständen sehr gering aus, wie einige japanische Studierende berichten.
Ein weiteres Problem, das die Referenten anprangern, ist die große Kluft zwischen den japanischen Metropolen und der Peripherie. Da es auf dem Land zu wenig Arbeit gibt, sind diese Regionen sehr abhängig von staatlichen Zuschüssen. Deshalb sind Atomkraftwerke, die Industrie und Arbeitsplätze bringen, zunächst ein Segen für diese Gegenden. Der Vorwurf vieler ländlicher Bewohner ist dabei, dass die Stadtbevölkerung einen deutlich höheren Energieverbrauch hat, während das Risiko auf das Land verlagert wird. Dabei fühlen sich viele Einwohner alleingelassen von Politik und Medien, die sich vor allem auf die Großstädte konzentrieren und dabei diese Probleme nicht mitbekommen. Sehr zynisch mag da auch die aktuelle Debatte für die Bewohner scheinen, ob in der Nähe von Fukushima ein Atomendlager entstehen soll. Bisher gibt es in ganz Japan noch keines.

Woher soll der Strom kommen?
Um nicht noch mehr Atommüll und damit weitere unkalkulierbare Risiken zu produzieren, wollen die Anwohner von Fukushima aus der Kernenergie aussteigen. Von der dortigen Universität kamen deswegen seit 2011 immer wieder Delegationen nach Deutschland, um sich über die Möglichkeiten alternativer Energiegewinnung zu informieren. Deutschland gilt dabei als Vorbild, da es hierzulande geschafft wurde, die Energiegewinnung zunehmend unabhängig von der Kernkraft zu betreiben. Kohle spielt in Japan übrigens eine sehr geringe Rolle, da die landschaftlichen Gegebenheiten dazu nicht geeignet sind.

Foto: Tom Klotzsche

Als die japanische Delegation in Deutschland ankam, waren die Gäste überrascht, wie viel Strom hier inzwischen über erneuerbare Energien gewonnen wird. Gleichzeitig fiel ihnen auch auf, dass viele Bürger sich über die Energiepolitik beschweren. Vor allem auf dem Land in Süddeutschland gibt es viele Bürgerbewegungen gegen Stromtrassen, die die Energie von Nord- nach Süddeutschland bringen sollen. Das ist notwendig, da Windenergie im Norden deutlich effizienter produziert wird und dort mehr davon hergestellt wird als im Süden.
Für erneuerbare Stromversorgung kann man sich hierzulande auch bewusst durch einen Stromanbieterwechsel entscheiden und so seinen Beitrag dazu leisten, regenerative Energie zu gewinnen. In Japan ist das nicht so leicht, berichten die Vortragenden, da bisher sehr wenig Energie über regenerative Quellen gewonnen wird und so schlicht die entsprechende Strommenge fehlt, damit viele Menschen Ökostrom beziehen können.
Trotz aller Widrigkeiten in und um Fukushima herum muss das Leben für die Menschen weitergehen. Es unterscheidet sich nicht großartig von unserem, außer dass man in Fukushima regelmäßig überprüfen muss, ob erhöhte Radioaktivität im Essen oder in der Umgebung zu finden ist. Die japanischen Gäste betonen oft, dass sie sich von den Studierenden hier nicht weiter unterscheiden und genauso ein normales Leben führen wie wir. Dort hat man inzwischen einen ganz gewöhnlichen Alltag gefunden. Man will schließlich auch nicht permanent an die Vergangenheit erinnert werden.
Von der Stadt selber ist nur ein kleiner Teil von der atomaren Strahlung betroffen, ein Aufenthalt in Fukushima ist also relativ unbedenklich. Deshalb haben die japanischen Besucher noch eine zentrale Botschaft zum Abschluss: »Sie sind herzlich nach Fukushima eingeladen, uns und unsere Stadt zu besuchen.«

Über Vinzenz Schindler

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Erstellt: 16.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 18:34