Okt 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 67 0

Frauenzimmer mit Promotion

Vor über 250 Jahren gelang es Dorothea Erxleben, an der hallischen Universität erste deutsche Doktorin der Medizin zu werden

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Illustration: Katja Elena Karras

Halle, 1741. Die ehrwürdigen Professoren der medizinischen Fakultät der Friedrichs-Universität sind außer sich: Schon seit einiger Zeit versucht ein vorlautes Weib namens Dorothea Leporin, sich in die Reihen der Doktorenschaft zu drängen. Eine Frau, dazu noch unverheiratet und erst 26 Jahre alt – ungeheuerlich! Dieses Weibsbild, so sind sich die Herren Akademiker einig, ist wohl kaum in der Lage, die schwierige medizinische Materie zu durchdringen; ganz abgesehen davon, dass eine Frau sowieso nie der Würde des Arztberufes entsprechen kann! Und nun auch noch das: Nach einem Brief der Leporin hat der Landesherr, seine Majestät Friedrich II., König in Preußen höchstpersönlich angeordnet, sie zur Promotion zuzulassen. Da mögen die Mitglieder des Professorenkollegiums noch so sehr schäumen, am Befehl des absolutistischen und für seine Strenge berüchtigten Herrschers gibt es nichts zu rütteln. Was sie nicht ahnen können: Mit dieser wegweisenden Entscheidung ist der Weg frei für die langfristige akademische Emanzipation der Frau; den Grundstein dafür wird die zukünftige Dr. med. Dorothea Leporin, besser bekannt unter ihrem Ehenamen Erxleben, legen.

Die Frau, die auf so aufrüttelnde Art und Weise die akademische Welt Deutschlands durcheinanderbringt, wird im November 1715 im beschaulichen Quedlinburg als Tochter des Arztes Christian Polykarp Leporin geboren. Schon früh zeigt sich bei dem eher kränklichen Mädchen eine außerordentliche geistige Begabung – Grund genug für den Vater, ihr wie auch ihrem Bruder die Grundlagen der Naturwissenschaften zu vermitteln und sie auf der örtlichen Ratsschule in Latein unterrichten zu lassen. Wie Vater und Bruder möchte bald auch die junge Dorothea eine medizinische Karriere einschlagen. Tatsächlich gelingt es ihr auch, zusammen mit ihrem Bruder Christian Polykarp Junior ein Studium aufzunehmen. 1741 jedoch wird ihr Antrag auf Promotionszulassung in Halle abgelehnt – eine Frau als Medizinerin übersteigt das Vorstellungs- und Akzeptanzvermögen der akademischen Männerwelt. Die persönliche Anordnung des aufgeklärten Monarchen Friedrich II. räumt schließlich auch dieses Hindernis beiseite und ermöglicht Dorothea endlich das Praktizieren als Ärztin.

1742 heiratet sie den Diakon Johann Christian Erxleben. Schnell jedoch ist sie in Quedlinburg als Kurpfuscherin und Quacksalberin verschrien, weshalb sie noch im selben Jahr, wenig eingeschüchtert vom Starrsinn ihrer Kollegen, ihre wohl berühmteste Schrift »Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten« veröffentlicht. Trotz aller Anfeindungen führt sie ihre Vollzeitbeschäftigung als praktizierende Ärztin und Hausfrau fort. 1754 beschließt sie aufgrund weiterer Vorwürfe, endlich die zugunsten ihrer Kinder bisher aufgeschobene Doktorarbeit zur Geschwindigkeit und Effektivität von ärztlichen Behandlungen zu verfassen. 1755 wird sie, sicherlich überraschend für manche ihrer Kritiker, mit sehr guten Leistungen »Doktorin der Arzeneygelahrtheit«. Bis zu ihrem Tod 1762 wirkt die mittlerweile angesehene Ärztin und Familienmutter in ihrer Heimatstadt Quedlinburg.
Was bleibt, ist eine außergewöhnliche Frau, die es verstand, mit Mut und Können den Vorurteilen und der Engstirnigkeit ihrer Zeit zum Trotz ihr Ziel zu verwirklichen. In ihrer »Gründlichen Untersuchung« schreibt sie: »Es sind nicht nur Vorurtheile, sondern auch die übrigen das weibliche Geschlecht vom Studieren abhaltende Ursachen beydes angezeiget und auch zu Schanden gemacht, und ich sehe in denen Gedanken, es sey für die, welche in der Unwissenheit vorsetzlich belieben wollen, keine Entschuldigung mehr übrig, maßen, wo ich nicht irre, allenthalben genug am Tage ist, wie nöthig, nützlich, aber auch wie möglich es sey, daß auch unser Geschlecht den Parnassum suche, und nach ächter Gelehrsamkeit höchstes Fleißes sich bestrebe.«

Der Weg der weiblichen Emanzipation ist jedoch noch ein langer. Erst 1898 ist es einer Frau, der Philosophin Anna Tumarkin, vergönnt, habilitiert zu werden – 1906 wird sie an der Universität Bern Europas erste Professorin. Seitdem wurde viel für die Sache der Gleichberechtigung erreicht, doch der von Dorothea Erxleben begonnene Weg ist noch nicht zu Ende gegangen. Trotz der weiter fortschreitenden Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert und der damit einhergehenden Erkämpfung von bislang Männern vorbehaltenen Berufen sind Frauen nach wie vor auch im akademischen Bereich in der Unterzahl; rund 48 Prozent der Studierenden sind weiblich, doch nur 20 Prozent der Professorenstellen sind mit Frauen besetzt. Es bleibt also noch einiges zu tun, um die weiterhin vorhandenen Vorurteile und Hemmschwellen abzubauen. Dass dieses Ziel der Mühe wert ist, bewies nicht zuletzt schon Dorothea Erxleben, die mit Klugheit, Mut und Durchsetzungsvermögen akademische Geschichte schrieb.

Über Paul Thiemicke

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 18:12