Dez 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 69 0

»Extreme fordern Gegenextreme«

Sind Veganer scheinheilige, masochistische Gemüse-Zombies mit Mangelerscheinungen, die sich gegen die natürliche Grundordnung auflehnen und die Weltherrschaft anstreben? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, besuchte ich den allmonatlichen Veganen Kaffeeklatsch und konfrontierte dort einige Leute mit typischen Vorurteilen und Bedenken gegen den Veganismus.

Foto: Julia Liebetraut

Foto: Julia Liebetraut

Verschiedene Kuchen, Blätterteig-Sterne, Teigrollen, Salate und vieles mehr gab es Anfang November beim Veganen Kaffeeklatsch in der Goldenen Rose. Natürlich alles vegan, doch das sieht man den Speisen nicht an – und, was mich ehrlich gesagt überrascht: am Geschmack merkt man es auch nicht.
Fünf der allgemein recht jungen Besucher des Kaffeeklatsches, unter denen auch viele Studierende sind, habe ich befragt: Jessi (Lehramt, Sport und Englisch), Lena (Jura), Marc (Politik und Geschichte) und Yannik (Medientechnik) ernähren sich seit drei bis fünf Jahren vegan. Adina (Jura) nicht mehr, seitdem sie vor etwa zwei Jahren für fünf Wochen in einem kleinen russischen Dorf lebte. Dort schlachtete man noch selbst und die Menschen lebten trotz fleischlastiger Ernährung sehr gesund. Heute achtet sie zwar auf einen bewussten Konsum, verzichtet jedoch nicht vollständig auf tierische Produkte.
Es gibt viele Gründe, sich vegan zu ernähren. Einer hat bei meinen Interviewpartnern eindeutig Vorrang: der Tierschutz. Sie möchten mit ihrem Konsumverhalten nicht das Tierleid fördern, so Yannik. »Tiere sollen nicht, nur für ein Geschmacks erlebnis, sterben oder ausgebeutet werden«, meint Marc und erzählt weiter: »Wenn einem erst einmal klar geworden ist, dass es so nicht geht, ist es die letzte Konsequenz, vegan zu leben.« Jessi ergänzt, dass es dabei natürlich nicht nur ums Essen geht, sondern auch um Umweltschutz, eine gesunde Ernährung und den allgemeinen Wunsch, weniger Leid zu verursachen.
Auf die Frage, ob sie jemals Probleme oder Zweifel wegen dieser Entscheidung hatten, antworten fast alle mit einem »Nein«. Marc erzählt: »Wenn man die Konsequenz einmal begriffen hat, gibt es ideologisch keine Probleme.« Doch zumindest Lena meint, dass es im ersten halben Jahr schon schwierig war und auch Marc gibt zu, dass es durchaus Momente der Schwäche gibt. Bei ihm zum Beispiel, wenn es um ErdnussM&Ms geht.
Diese fünf Studenten habe ich also mit den folgenden Vorurteilen konfrontiert. Ihre Antworten geben einen tieferen Einblick in ihre Vorstellungen, Ideale und in ein Leben ohne tierische Produkte.

Es ist unmöglich, komplett vegan zu leben! Auch Veganer können das nicht.
Bei der Getreideernte stirbt ab und zu mal eine Maus, und auch durch Produkte wie Palmöl, das in vielen veganen Lebensmitteln enthalten ist, wird der Lebensraum vieler Tiere zerstört. Lena meint, das wäre zwar richtig, aber kein Grund, nicht wenigstens »im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das Beste daraus zu machen«. »Es nur deswegen überhaupt nicht zu versuchen ist Unsinn«, ergänzt Marc. Auch Yannik sagt: »Es geht nicht darum, zu 100 Prozent vegan zu leben, sondern darum, es so viel wie möglich zu tun.« Mit der Zeit werde man bewusster und konsequenter.
»Man kann nicht auf alles achten«, findet Adina. Allerdings sei es auch gerade ein guter Aspekt des Veganismus, dass er die vielen Möglichkeiten zum Verringern des Leides aufzeige, welches durch unser Konsumverhalten entstehe. Man müsse dafür nicht vegan leben und nicht einmal auf Fleisch verzichten. Möglich wäre auch, Produkte von Bauern aus der Umgebung zu kaufen und damit einerseits Transportwege zu sparen und andererseits zusätzlich eine lokale Landwirtschaft zu stärken, die im besten Fall auch noch auf die Massentierhaltung verzichtet.

Vegan zu leben ist viel zu kompliziert, man muss auf fast alles verzichten, und es ist total teuer!
»Es ist einfach eine bessere Planung nötig«, erklärt Jessi. So müsse man sich zum Beispiel vor Ausflügen überlegen, was man wann und wo essen könne. »Das Kochen an sich ist nicht komplizierter«, meint sie. Yannik stellt fest, dass eigentlich nur die Anfangszeit wirklich kompliziert wäre, »wenn man auf alles hinten drauf gucken muss«. Das sei mit der nötigen Überzeugung jedoch kein Hindernis. »Veränderungen sind natürlich immer mit Aufwand verbunden«, lässt Marc bedenken.
Dazu, dass man als Veganer fast nichts mehr essen könne, meint Jessi: »Mein kulinarischer Horizont wurde sogar erweitert«. Sie wäre früher zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, sich eine Avocado aufs Brot zu schmieren. Man könne zwar viele der Produkte, die man davor konsumierte, nicht mehr essen, aber dafür kämen eine Vielzahl neue dazu, erzählt auch Lena. Und wenn es nicht so wäre, könnte es beim Veganen Kaffeeklatsch auch nicht so viele unterschiedliche Speisen geben.
Ob es teuer ist, hänge von einem selbst ab, meint Jessi. Vegane Naturprodukte wie Gemüse seien meist günstiger als Milchprodukte und Fleisch. »Was teuer ist, sind die Fleischersatzprodukte«, meint auch Adina. Lena erklärt, dass es hauptsächlich an der allgemein bewussteren Ernährung liege, wenn es mal mehr koste. Bio- und Fairtrade-Produkte sind immer teurer.

Veganer können ihren Nährstoffbedarf nicht decken und sind darum alle schlapp, blass und dünn!
»Ich fühle mich gesund, falle nicht um, werde jeden Tag satt und habe auch keine Mangelerscheinungen«, meint Yannik, auch wenn seine Mutter das am Anfang wohl stark befürchtete. Hier wirkt auch tatsächlich niemand schlapp, blass, oder übermäßig dünn. Yannik ist der Ansicht, dass man sich jedoch nicht automatisch gesund ernährt, wenn man Veganer ist. Es gäbe durchaus auch veganes Fastfood.
Es sind sich alle einig, dass man die wichtigen Nährstoffe so oder so bekommt, wenn man sich ausgewogen ernährt. Darauf müsse sowieso jeder achten, egal ob vegan, vegetarisch, oder keins von beidem. Das Einzige, was man wirklich nicht mit pflanzlichen Produkten ersetzen könne, sei Vitamin B12, das für die Zellteilung benötigt wird. Marc verwendet für die Versorgung mit diesem lebensnotwendigen Vitamin eine Spezial-Zahnpasta und Tabletten.
Um ganz sicher zu gehen, dass ihr keine Nährstoffe fehlen, lässt Lena sogar regelmäßig ihr Blut untersuchen. Die ersten dreieinhalb Jahre gab es keine Probleme. Erst dann stellte sich ein leichter Mangel an Vitamin B12 ein, und sie begann ebenfalls die Spezial-Zahnpasta zu benutzen.

Vegan zu leben ist unnatürlich und spricht gegen die Natur!
Dieses Argument wird sehr häufig verwendet. Man meint, dass der Mensch schon immer Fleisch gegessen habe und es daher unnatürlich sei, jetzt damit aufzuhören. Lena sagt dazu: »Nicht alles, was es früher gab, muss heute richtig sein. Es ist kein Argument zu sagen, etwas wäre richtig, nur weil es früher vielleicht richtig war.«
Außerdem, so Marc, sei es heute nicht mehr nötig, Fleisch zu essen, da es genügend Ersatz dafür gebe, zumindest hier. Adina meint: »Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, sich weiter zu entwickeln und sich für und gegen Dinge entscheiden zu können.« Des Weiteren erklärt sie, dass zumindest die Massentierhaltung auf jeden Fall unnatürlich sei. »Sie ist ein Extrem, das ein Gegenextrem fordert, so wie jedes andere Extrem auch.«
Jessi und Yannik geben zu bedenken, dass sie sich nicht vorstellen könnten, Tiere selbst zu jagen und eigenhändig zu töten. »Wäre es nicht unnatürlich, trotzdem welche zu essen?«

Veganer sind so extremistisch! Fast wie eine Art Sekte, die versucht, alle zu bekehren!
Wer kennt sie nicht? Die Witze darüber, dass Veganer ständig allen von ihrem Vegansein erzählen und einen dann überzeugen wollen, es auch zu werden. Adina findet es auch nervig, wenn das jemand macht. Marc gibt jedoch zu bedenken, dass es Leute gibt, »die für sich vegan sind und Leute, die damit an die Öffentlichkeit gehen. Letztere werden eher wahrgenommen, wodurch sich das Ganze eventuell oft extremer anfühlt, als es in Wirklichkeit ist.« Oft fangen auch »Fleischesser« mit Bekehrungsversuchen an, »und wenn man dann dagegen argumentiert, heißt es, man versuche denjenigen zu bekehren«, erzählt Yannik.
Für ihn ist Veganismus eine Art Aktivismus. »Man möchte ein Zeichen setzen und wird dabei auch schnell mal emotional.« »Vor allem am Anfang, wenn man noch so schockiert von der Erkenntnis ist, etwas verändern zu müssen, ist es manchmal schwer, nicht emotional zu werden«, erzählt Jessi. Es sei aber natürlich wichtig, stattdessen professionelle, sachliche Informationen zu liefern.
Lena sagt mit leicht ironischem Unterton: »Ich selbst bin unterschiedlich militant. Im Herzen bin ich schon extrem und nicht tolerant, aber ich versuche es nicht überhand nehmen zu lassen. Ich will die Leute auch nicht nerven, wenn sie sich einfach nicht für meine Ansichten interessieren.«

  • Informationen zum veganen Kaffeeklatsch und anderen Angeboten für Veganer in Halle gibt es auf der Seite www.vegan-in-halle.de

Foto: Julia Liebetraut

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind, hier noch ein Rezept für vegane Plätzchen: Das Rezept ist einfach, geht schnell und das Ergebnis schmeckt sehr gut. Die Zutaten reichen für etwa ein Blech.

  • 150 g vegane Margarine
  • 250 g Dinkelmehl
  • 2 Pck. Vanillezucker
  • 4 EL Zucker
  • 3 TL Zimtpulver
  • 100 g gemahlene Haselnüsse

Margarine in Stückchen schneiden, alles andere dazu mischen und kneten, bis der Teig sich zu einer Kugel formen lässt. Dann kleine Stücke von der großen Kugel in gewünschter Form auf ein Backblech mit Backpapier legen und je nach Wunsch verzieren (zum Beispiel mit Nüssen oder Marmelade). Entweder bei Umluft mit etwa 150 Grad backen oder bei Ober- und Unterhitze, 170 Grad. Nicht zu lange im Ofen lassen, weil die Plätzchen sonst etwas hart und trocken werden (mindestens 10 Minuten). Ideal ist es, wenn sie am Rand leicht braun werden.

Inspiriert von einem Rezept von Chefkoch.de

Über Paula Götze

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Erstellt: 17.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 19:03